Stanislav Zámečnik

2120 2Stanislav Zamenic.klBild: archiv Kz gedenkstatteStanislav Zámečník wird am 12. November 1922 in der mährischen Kleinstadt von Nivnice (Tschechoslowakei) geboren. Sein Vater ist Hausmeister in einer Schule, wo seine Mutter als Putzfrau arbeitet. Nach Abschluss der Pflichtschule fängt er eine Konditorlehre an.

Nach der Besetzung seiner mährischen Heimat durch die NS-Truppen am 16. März 1939, schließt sich der erst Siebzehnjährige dem Widerstand gegen die Besatzungsmacht an.

Ende 1939 wird er von der Wehrmacht 1939 festgenommen und in mehreren Gefängnissen inhaftiert. Er flüchtet und versucht das Land zu verlassen wird aber erneut festgenommen und durch die Gestapo in Wien (Österreich) nach Dachau verschleppt, wo er am 22. Februar 1941 (Häftlingsnummer 23947) ankommt.

Er wird zuerst im „Krätzeblock“ im Revier eingeliefert und dann dem Arbeitskommando der Plantage/Kräutergarten zugeteilt. Es gelingt ihm seine Wunden an seinen Händen zu heilen und zusammen mit 20 jungen Polen im Herbst 1941 als Krankenpfleger im Revier ausgebildet zu werden. Mit Hilfe des Häftlings und Oberpflegers Heinrich Stöhr, wird er nicht wie vorgesehen nach Auschwitz verschickt. Der deutsche Sozialdemokrat lässt ihn zuerst im Revier untertauchen anschließend bleibt Stan offiziell dort als Revierpfleger bis zum 29. April 1945.

Mit Heinrich Stöhr und dem tschechischen Chirurg František Bláha versucht Stanislav Zámečník unermüdlich seinen Mitgefangenen Hilfe zu leisten. Besonders hilft er den Häftlingen, die grausamen pseudomedizinischen Experimenten unterzogen werden und denen er heimlich Medikamente verabreicht, um ihr Leid zu lindern. Unter Einsatz seines eigenen Lebens versteckt er Mithäftlinge, die von der „Selektion“ bedroht und somit durch die SS-Ärzte zum Tode verurteilt sind.

Stanislav Zámečník war ein Mitglied des Widerstandes gegen den NS-Terror im KZ-Lager Dachau. Ohne seine Mut, seine Hingabe und sein Engagement hätten viele Häftlinge nicht überlebt: dazu könnten wir Aussagen des Polen Kazimierz Majdanski, dem späteren Erzbischof von Stettin, oder des niederländische Widerstandskämpfers Carel Steensma den er trotz seines amputierten Beins monatelang (Herbst 1944 bis zur Ankunft der amerikanischen Truppen am 29. April 1945) verstecken konnte oder auch des 84jährige Professors Karel Feierabend, (dem Großvater von Vladimir Feierabend), der bis zu der Befreiung überleben und nach Prag zurückkehren konnte, zitieren.

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Nach vier Jahre und zwei Monate Inhaftierung in Dachau kehrt Stanislav Zámečník in die Tschechoslowakei zurück, wo er sich an der Prager Karls-Universität einschreibt, um Geschichte zu studieren. Er hätte wohl Medizin studieren wollen und plante anchließend an der Seite seines ehemaligen Mitgefangenen František Bláha zu arbeiten. Seine Familie verfügt aber nicht über die notwendige Mittel, um ein so langes Studium zu finanzieren. 1950 heiratet Stanislav Zámečník Alena Bernátová. Sie haben drei Kinder: zwei Söhne und eine Tochter.

Nach Abschluss seiner Doktorarbeit in Geschichte arbeitet er am Militärhistorischen Institut in Prag und forscht ab 1960 über den tschechischen Widerstand während des Zweiten Weltkrieges. 2006 erschien in Prag (auf Tschechisch) seine Studie über den tschechischen Widerstand und den Aufstand im Frühling 1945.

Sein Interesse gilt aber in erster Linie der Geschichte des Konzentrationslagers Dachau. Sein unerschütterliches und rigoroses Engagement für die Erinnerung an Dachau bestimmt von nun an seinen Lebensweg.

Nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“, wo er sich für mehr Demokratie und Freiheit und für ein „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“ einsetzt, erhält er Berufsverbot, verliert seine Arbeitsstelle am Militärhistorischen Institut. Er bekommt Archiv- und Bibliotheksverbot, ihm ist untersagt zu publizieren, und er darf seine historischen Forschungen nicht mehr fortführen.

Ab August 1968 muss Stan im Straßenbau arbeiten. Die Mitglieder seiner Familie sind auch betroffen: seinem Sohn wird eine Ausbildung als Pilot untersagt und seine Tochter emigriert nach Italien.

Erst nach der Wende im 1989/1990 und der „Samtrevolution“ kann er offiziell seine Forschungen wiederaufnehmen. Gegen Ende der 80ger Jahre kann er dennoch heimlich ein wenig an seine historischen Forschungen weiterarbeiten. Auch dank der Hilfe von Barbara Distel, der damaligen Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, die ihm kontinuierlich einschlägige Literatur zukommen lässt, Er arbeitet damals als Landvermesser, was ihm mehr Freiheit gibt. Eine tiefe Freundschaft verbindet Stanislav Zámečník und Barbara Distel während mehr als 45 Jahre.

Seine Lebensaufgabe und sein Ziel sind die Bewahrung der Erinnerung an das Konzentrationslager Dachau und an die Menschen, die dort ermordet wurden. Ab 1990 widmet er nach seiner Pensionierung voll und ganz dieser Berufung. Zuvor war er aufgrund der politischen Lage in seinem Land mehr als 20 Jahre gezwungen gewesen seine Arbeit zu unterbrechen.

Mit Ausdauer und Erfolg engagiert sich Stanislav Zámečník in der Arbeit des wissenschaftlichen Fachbeirats zur Neukonzeption der Gedenkstätte und zur Neugestaltung der ständigen Ausstellung. Er kämpfte unermüdlich um die Bewahrung der historischen Wahrheit und der Einbeziehung der neuesten Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung. Als Historiker und Zeitzeuge prägt er maßgeblich die Erinnerungsarbeit, zum Beispiel bei der Erarbeitung des Katalogs der Dauerausstellung; er hinterlässt mit diesem Werk sowohl der KZ-Gedenkstätte wie auch dem Internationalen Dachau Komitee ein dauerhaftes Zeichen.

Bereits ab 1965, ist Stan in den Gremien des Internationalen Komitees, besonders innerhalb der Museumskommission sehr aktiv. Im Jahre 1968 ist er eines der drei Mitglieder des Büros dieser Kommission, welches uneingeschränkt befugt ist, alle Probleme in Bezug auf das Museum zu untersuchen und dem Exekutivkomitee Vorschläge zu machen. Zudem ist er auch Mitglied der Gruppe die das Dachau-Manuskript von Paul Berben im Jahre 1967 beurteilt.

Nach der politischen Wende im Osteuropa kann Stan. Zamecnik offiziell seinen Platz im CID wieder einnehmen. Seit 1991 ist er tschechischer Delegierte bei der CID-Generalversammlung. Darüber hinaus kann das CID über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg wieder von seiner Erfahrung und seinen wertvollen Ratschläge profitieren. Es gelingt es ihm mit Beständigkeit und Ausdauer seinen Standpunkt gegenüber administrativen Schwierigkeiten oder den Bayerischen Behörden durchzusetzen.

Mit seinen Artikeln trägt er zu den „Dachauer Heften“ bei: Erinnerungen an das Revier, Studie über den Befehl von Himmler, nachdem „kein Häftling lebend in die Hände des Feindes“ fallen durfte (in der ersten Ausgabe von 1985), Artikel über Karel Kašák im J. 1995 usw.

that was dachau frontpageIhm verdanken wir ein erstklassiges Nachschlagewerk: „Das war Dachau“, eine unerlässliche Monografie über die Geschichte des Konzentrationslagers Dachau. Bei der Erarbeitung dieses Standartwerks überwindet er große Schwierigkeiten auch dank der Unterstützung von Barbara Distel, den Mitarbeitern der Gedenkstätte, ohne die Leiterin der Nationalbibliothek und der Universitätsbibliothek von Prag zu vergessen.

Im Einvernehmen mit dem Autor beauftragen ihn die ehemaligen Häftlinge von Dachau, die von der FID (Stiftung des Internationalen Dachau Komitees) vertreten sind, ein Manuskript über die Geschichte von Dachau in tschechischer Sprache zu erarbeiten. Ein Vertrag wird 1997 unterschrieben. Die Internationale Stiftung Dachau (FID), deren Hauptaufgabe die Herausgabe dieses Buch ist, wird mit den Ausgaben in deutscher, englischer und französischer Sprache beauftragt.

2002 veröffentlicht der St Paul Verlag in Luxemburg diese Monografie in deutscher Sprache (später im Jahre 2007 auch vom Fischer Verlag im Taschenbuchformat herausgegeben). Die tschechische Fassung « To bylo Dachau » wird 2003 beim Paseka Verlag in Prag veröffentlicht.

Sein fast übersteigerter Sinn für Präzision, sein Bemühen um Genauigkeit, seine stets sachdienliche und wachsame Ausdauer veranlassen Stanislav Zámečník sein Werk immer wieder zu verbessern, seinen Text zu überarbeiten und zu ergänzen, indem er bei den Übersetzungen seiner Monografie immer wieder neue zusätzliche Angaben einbringt, die aus den neuesten historischen Forschungen stammen. Das gilt insbesondere für die Zahl der toten Häftlinge in Dachau (Hauptlager, Außenlager, Transporte, Todesmärsche).

Er ist immer bereit und froh, mit den Übersetzern einen Dialog zu führen. Das ist besonders der Fall bei der französischen Übersetzung, wo ein freundlicher Informationsaustausch und Verständnis- und vertrauensvolle Beziehung zum Erfolg dieses Buch beigetragen haben.

Die FID gibt die englische und französische Fassung dieses bedeutsamen Werks beim Cherche Midi Verlag (2003) heraus. Beide Fassungen werden im Mai 2004 an der Gedenkstätte zum Verkauf angeboten.

„Ergebnis einer mühsamen geduldigen und hartnäckigen Forschungsarbeit in klassifizierten Archiven oder die von der Vernichtung gerettet wurden, Erfassung von Zeitzeugnissen in ganz Europa während mehrerer Jahrzehnte. Dieses Standartwerk ist in erster Linie eine wissenschaftliche Studie, die aber einzigartig ist und das verleiht ihr ihre Originalität und ihren Wert. In diesem Buch verknüpfen sich seine Erlebnisse als Häftling und seine Qualifikation als Historiker.“ (André Delpech, Präsident des CID, 2003).

Ende April 2011 bedauern alle seine Abwesenheit in der Gedenkstätte bei der Präsentation des Gedenkbuchs für die Toten in Dachau. Stan befindet sich im Krankenhaus. Ohne seine Arbeit, seine Beharrlichkeit wäre dieses Totenbuch durch die Archive der Gedenkstätte noch immer nicht abgeschlossen.

Aufgrund seiner Bescheidenheit hat Stanislav Zámečník sein mutiges Verhalten nie zur Schau getragen. Sein Freund Max Mannheimer erklärte 2011: « Ein wahrhaft mutiger Mann, der den Begriff Zivilcourage geradezu verkörpert. Er hat vielen Häftlingen im Konzentrationslager das Leben gerettet und sich dabei selbst in größte Gefahr gebracht “.

Am 7. Juni 2011 stimmt der Dachauer Stadtrat der Entscheidung zu, ihm in Dezember den Zivilcourage-Preis zu verleihen. Am 10. Dezember erhält er posthum diesen Preis, der seit 2005 alle zwei Jahre vergeben wird. Er ehrt Personen, die „die sich mit Mut, Phantasie und Engagement für die Rechte von Verfolgten und diskriminierten Minderheiten eingesetzt haben“.

Die Stadt Dachau fühlt sich ihm zu großem Dank verpflichtet und bekundet ihm ihren tiefen Respekt. Mit der Auszeichnung von Stanislav Zámečník mit dem Zivilcourage-Preis soll das Vermächtnis der KZ-Opfer und des vielfältigen Widerstandes gegen das NS-Regime lebendig erhalten werden, wie der damalige Oberbürgermeister Peter Bürgel betont, der erklärte: « Dieser Preis soll ein Zeichen setzen gegen das Wegsehen, das Schweigen, die Gleichgültigkeit“.

Im Alter von 88 Jahren verstirbt Stanislav Zámečník am Mittwoch, den 22. Juni 2011 in Prag. Montag 27. Juli 2011 im Krematorium Strasnice findet seine Einäscherung statt. Vertreten ist die Gedenkstätte offiziell durch ihre Leiterin Gabrielle Hammermann und den Archivar Albert Knoll, den treuen Begleiter seiner Forschungen über Dachau.

Starke Persönlichkeit des Internationalen Dachau Komitees, ein von Allen anerkannter Historiker, ein engagierter Mensch in allen Umständen, die seinen Lebensweg geprägt haben. Er fehlt uns und wird stets in unsere Erinnerung bleiben.

(Für das CID, Sylvie Graffard)