Reden bei der Preisverleihung

plakaat" Ende April 1945 hielt im Bahnhof der Kleinstadt Poing, nur etwa 20 km von hier entfernt, ein Zug mit etwa 3.000 KZ-Häftlingen aus dem Dachauer Außenlagerkomplex Mühldorf. Kurz zuvor hatte die Räumung dieser Lager begonnen. Da die weitere Bahnstrecke nicht passierbar war, blieb der Zug im Bahnhof Poing stehen. Dann herrschte – zumindest für die einheimische Bevölkerung – zunächst eine trügerische Ruhe. Ein Passant erinnerte sich später daran mit den Worten: „Es war damals ein schöner sonniger Tag und die SS saß am Bahndamm und bewachte die Häftlinge.“ Zur etwa gleichen Zeit begann hier in München die heiße Phase der „Freiheitsaktion Bayern“. Die genauen Zusammenhänge zwischen diesem Aufstandsversuch und dem Geschehen in Poing sind schwer zu rekonstruieren. Jedenfalls sprach sich unter den KZ-Wachmannschaften des Zuges am Nachmittag des 27. oder 28. April herum, dass der Krieg beendet sei. Daraufhin setzten sich etliche Wachmänner ab, die Türen wurden geöffnet und die überraschten Häftlinge wähnten sich in Freiheit. Nun begannen sie, sich mit Nahrung zu versorgen und begaben sich dafür auch in die Ortschaft. Einwohner erinnerten sich später, von den Wachmännern über das vermeintliche Kriegsende informiert worden zu sein und an befreite KZ-Häftlinge. Aber als in Poing nach etwa einer Stunde klar wurde, dass die Nachricht vom Kriegsende eine Falschmeldung gewesen war, eskalierte die Situation: Plötzlich sah man die Häftlinge nicht mehr als befreit, sondern als geflohen an."


 

 

 

Einführung: Prof. Dr. Sybille Steinbacher, Vorsitzende der Jury

 

Laudatio: Dr. Jürgen Zarusky

 

Dankesrede und Kurzvortrag des Preisträgers Dr. des. Martin Clemens Winter

 

 

 

Einführung: Prof. Dr. Sybille Steinbacher, Vorsitzende der Jury

Verleihung des Stanislav Zámečník-Preises des Comité International de Dachau
NS-Dokumentationszentrum München, 17. März 2018

Sybille Steinbacher maisel 6Z0A2761

 

Sybille Steinbacher

Meine Damen und Herren,

Dass das Comité International de Dachau (CID) einen Studienpreis stiftet, um damit
herausragende Arbeiten zur nationalsozialistischen Verfolgungspolitik, zur Geschichte der
Konzentrationslager, insbesondere des KZ Dachau, und zum gesellschaftlichen Umgang mit
den Verbrechen auszuzeichnen, setzt in Wissenschaft und Öffentlichkeit ein Signal. Deutlich
wird damit nämlich, dass diese Themen bis heute nichts von ihrer politischen Relevanz
verloren haben, zumal in einer Zeit, die weithin vom Erstarken des Rechtspopulismus geprägt
ist. Zu seiner Entscheidung für diesen Preis darf ich dem CID herzlich gratulieren! Mein
Name ist Sybille Steinbacher, ich bin Historikerin, arbeite am Fritz Bauer Institut und an der
Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ich hatte die Ehre, die Jury zu leiten, die den
Studienpreis vergibt.
Als Ernst Berger mich vor (übrigens fast auf den Tag genau) drei Jahren fragte, ob ich
helfen wolle, eine Jury für den neu geschaffenen Preis ins Leben zu rufen, sagte ich spontan
zu. Rasch ließen sich Kolleginnen und Kollegen dafür gewinnen und es entstand ein
zehnköpfiges, hochkarätig besetztes internationales Gremium; darin sind vertreten (in
alphabetischer Reihenfolge): Ernst Berger von der Medizinischen Universität Wien als
Repräsentant des CID, Barbara Distel, die viele Jahre lang die KZ-Gedenkstätte Dachau
geleitet hat und die Sie alle sehr gut kennen, Gabriele Hammermann, ihre Nachfolgerin in der
KZ-Gedenkstätte Dachau, Annette Eberle, Historikerin und Pädagogin an der Katholischen
Stiftungsfachhochschule München/Abteilung Benediktbeuern, Tomas Jelinek vom Deutsch-
Tschechischen Zukunftsfonds in Prag, Irina Scherbakowa von Memorial, Moskau, Hans de
Vries, (pensionierter) Historiker am Institut für Kriegs-, Holocaust- und Genozidstudien
(NIOD) in Amsterdam, Nikolaus Wachsmann von der Universität London, Birkbeck College,
Jürgen Zarusky vom Institut für Zeitgeschichte, München, und ich.
Die Jury hatte viel zu tun: Zehn Arbeiten waren eingegangen, nachdem der Preis
ausgeschrieben worden war, und mussten begutachtet werden. Eingereicht werden konnten
unveröffentlichte monographische Arbeiten in deutscher oder englischer Sprache, deren
Abschluss nicht länger als zwei Jahre zurückliegt. Die Themenpalette fiel denkbar umfassend
aus und reichte (um nur einige Themen zu nennen) von der Darstellung des bewaffneten
jüdischen Widerstands während des Holocaust im US-amerikanischen Kino über die
weiblichen Häftlinge im KZ-Komplex Mauthausen, die Rolle der Ostbahn im Holocaust, die
Geschichte des Umgangs der Stadt Wiesbaden mit ihrer NS-Vergangenheit, die
Entnazifizierung der Universität Hamburg, einen 1948 geführten Schauprozess in der DDR, in
dem die NS-Vergangenheit eine gewichtige Rolle spielte, bis hin zum Karmelitinnen-Kloster
auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau. Die Jury hat sich am Ende für eine Arbeit
entschieden, die aus vielen Gründen unter den eingereichten Studien herausragt. Mein
Kollege Jürgen Zarusky wird in seiner Laudatio gleich ausführlich darauf eingehen.
Lassen Sie mich noch einige Worte zu dem Mann sagen, nach dem dieser Preis, der
fortan alle zwei Jahre vergeben wird, benannt worden ist: Stanislav Zámečník, der
Historiograf des KZ Dachau. Er kam 1941 mit 17 Jahren ins Lager, erlebte dort die Befreiung
und später wurde Dachau ihm, dem Historiker, zum wissenschaftlichen Lebensthema. Mit
„Das war Dachau“ legte er 2002 sein großes Werk vor, herausgegeben hat es die Stiftung des
CID. Zámečníks doppelter Blick – aus der unmittelbaren Zeugenschaft und aus der Distanz
des Wissenschaftlers – macht sein Buch so besonders; es avancierte rasch zum Standardwerk
und wurde in mehrere Sprachen übersetzt.
Die Geschichtsschreibung über die Konzentrationslager gehört ja zur Tradition der
Aufklärungsarbeit der Überlebenden, neben ihrem Engagement für die Gedenkstätten, der
Memoirenliteratur, die sie verfasst, und den Zeitzeugengesprächen, die sie geführt haben.
Namen wie Eugen Kogon, Hermann Langbein, Hans Maršálek, H.G. Adler und einige sind zu
nennen: Sie alle trieb die eigene furchtbare Erfahrung dazu an, die Geschichte der
Konzentrationslager zu erforschen um Antworten auf die Frage zu finden, wie solche
Terrorstätten möglich waren. Stanislav Zámečník gehört in diese Riege von KZÜberlebenden,
die Historiker waren; er starb 2011 und war vermutlich einer der letzten unter
ihnen. Den Studienpreis des CID nach Stanislav Zámečník zu benennen, würde beides
bedeuten: die Würdigung seiner historiographischen Leistungen und die Betonung des
Zusammenhangs zwischen kritischer Aufklärung, wie die Überlebenden sie initiiert haben,
und der heutigen Geschichtswissenschaft. Ganz in diesem Sinne möge der Preis des CID
stimulierende Wirkung haben und weitere gewichtige wissenschaftliche Arbeiten anregen.
Lassen Sie mich noch einige Worte zu dem Mann sagen, nach dem dieser Preis, der
fortan alle zwei Jahre vergeben wird, benannt ist: Stanislav Zámečník, der Historiograf des
KZ Dachau. Er kam 1941 mit 17 Jahren ins Lager, erlebte dort die Befreiung und später
wurde Dachau ihm, dem Historiker, zum wissenschaftlichen Lebensthema. Mit „Das war
Dachau“ legte er 2002 sein großes Werk vor, herausgegeben hat es die Stiftung des CID.
Zámečníks doppelter Blick – aus der unmittelbaren Zeugenschaft und aus der Distanz des
Wissenschaftlers – macht sein Buch so besonders; es avancierte rasch zum Standardwerk und
wurde in mehrere Sprachen übersetzt.
Dass das CID den Preis nach ihm benannt hat, ist eine gute Entscheidung. Die
Geschichtsschreibung über die Konzentrationslager gehört ja zur Tradition der
Aufklärungsarbeit der Überlebenden, neben ihrem Engagement für die Gedenkstätten, der
Memoirenliteratur, die sie verfasst, und den Zeitzeugengesprächen, die sie geführt haben.
Namen wie Eugen Kogon, Hermann Langbein, Hans Maršálek, H.G. Adler und einige sind zu
nennen: Sie alle trieb die eigene furchtbare Erfahrung dazu an, die Geschichte der
Konzentrationslager zu erforschen um Antworten auf die Frage zu finden, wie solche
Terrorstätten möglich waren. Stanislav Zámečník gehört in diese Riege von KZÜberlebenden,
die Historiker waren; er starb 2011 und war vermutlich einer der letzten unter
ihnen. Dass der Studienpreis des CID nach Stanislav Zámečník benannt ist, bedeutet beides:
die Würdigung seiner historiographischen Leistungen und die Betonung des Zusammenhangs
zwischen kritischer Aufklärung, wie die Überlebenden sie initiiert haben, und der heutigen
Geschichtswissenschaft. Ganz in diesem Sinne möge der Preis des CID stimulierende
Wirkung haben und weitere gewichtige wissenschaftliche Arbeiten auf den Weg bringen.

 

Laudatio: Dr. Jürgen Zarusky 

 Dr Jürgen Zarusky maisel 6Z0A2779Jürgen Zarusky                           CID-Preis 2017 Laudatio

Sehr geehrte Mitglieder des Comité International de Dachau, liebe
Kolleginnen und Kollegen der Jury, sehr geehrte Damen und Herren, und
natürlich lieber Herr Winter. Ihnen darf ich ganz herzlich zur Auszeichnung
mit dem Stanislav Zámečník-Preis des Comité International de Dachau
gratulieren. Die Jury war sich einig, dass Ihre Dissertation „Gewalt und
Erinnerung im ländlichen Raum: Die deutsche Bevölkerung und die
Todesmärsche“, die unter der Betreuung von Alfons Kenkmann an der
Universität Leipzig entstanden und dort 2016 angenommen worden ist,
den Intentionen der Preisstifter in vollem Maße entspricht: Sie behandelt
ein wichtiges Thema der NS- und KZ-Forschung, sie bringt bedeutsame
Erkenntnisfortschritte und ist bei präziser Handhabung eines avancierten
methodischen Instrumentariums vom Geist der Empathie mit den
Verfolgten durchdrungen. Die Jury hat aufgrund dieser Qualitäten
einstimmig beschlossen, Ihrer Arbeit, lieber Herr Winter den Studienpreis
des CID zuzusprechen.
Dass nun mir die ehrenvolle Aufgabe zugefallen ist, die Laudatio zu halten,
hat damit zu tun, dass ich sofort den Finger gehoben habe, als bei der
Aufteilung der zu verfassenden Gutachten, die Arbeit über die
Todesmärsche aufgerufen wurde. An dieser Stelle möchte ich im Übrigen
einen Dank an die Juryvorsitzende Sybille Steinbacher und an Ernst
Berger als CID-Vertreter in der Jury einschieben, die den nicht ganz
einfachen Prozess der Entscheidungsfindung vorzüglich organisiert haben.
Zurück zum Thema: Mein starkes Interesse an Martin Clemens Winters
Zarusky – Laudatio auf Martin Clemens Winter 2
Arbeit rührte von einer besonderen Erfahrung her: Im Sommer 1987 kam
eine Gruppe der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste der DDR zum
Internationalen Jugendbegegnungszeltlager. Dass kirchlich engagierte
junge Menschen aus dem SED-Staat diese Möglichkeit erhielten, war eine
Besonderheit und ich hatte das Glück sie als Journalist zu begleiten. Drei
Mitglieder dieser fünfköpfigen Gruppe hatten 1979 und 1984 an
Gedenkmärschen entlang der Route des Todesmarsches, der Anfang April
von Buchenwald Richtung Flossenbürg abgegangen war teilgenommen.
Aber sie mussten an der innerdeutschen Grenze Halt machen. Den
Aufenthalt in der Bundesrepublik wollten sie nutzen, um auf der anderen
Seite des Grenzzauns die Spuren weiterzuverfolgen. Wir fuhren
gemeinsam in meinem Auto Richtung Hof und suchten anhand einer Liste
der Gräber, die den Weg markierten, vor allem Friedhöfe auf, wo wir
ältere Menschen, vorwiegend Frauen, nach ihren Erinnerungen an den
Marsch der KZ-Häftlinge fragten. Es war erstaunlich, wie viele Zeuginnen
auf einem kleinen Teilstück des Wegs in kleinen Ortschaften und Dörfern
in kurzer Zeit zu finden und wie konkret ihre Erinnerungen waren, aber
auch mit welcher emotionalen Wucht diese nach jahrzehntelanger
Verdrängung aufbrachen. „Auf einmal kamen die von Buchenwald an. Wir
sind vor Angst bald gestorben… Halbe Leichen … kamen nimmer vorwärts
…. Einen Fuß vor den anderen, wie wenn sie schon ins Grab wandeln.“
Neben solchen Vergegenwärtigungen des Entsetzens wurden öfter auch
Hilfsleistungen für die Häftlinge entgegen dem Verbot der SS erwähnt. Es
waren Berichte vom Einbruch des Grauens und der Hilflosigkeit, die er
Zarusky – Laudatio auf Martin Clemens Winter 3
hervorrief. Ganz Ähnliches hatten die Sühnezeichenaktivisten auf der
anderen Seite der Mauer, in der DDR gehört. Schrecken und hilfloses
Mitleid sind die wichtigsten Komponenten zahlreicher Berichte über die
Reaktion der deutschen Bevölkerung auf die Todesmärsche. Der Kontrast
zwischen einem imaginierten Dorfidyll und den Kolonnen ausgemergelter
KZ-Häftlinge scheint dem zusätzlich Plausibilität zu verleihen. Doch dieses
Bild trügt, und zwar fundamental.
„Das letzte NS-Gesellschaftsverbrechen“ nennt Martin Clemens Winter
das, was im ländlichen Raum beim Durchmarsch der Häftlingskolonnen
geschah. Dabei leugnet er keineswegs, dass es auch Hilfeleistung und
Solidarität gab, im Gegenteil: Solche Beispiele von Menschlichkeit werden
in seiner Arbeit eingehend dargestellt und analysiert. Aber entscheidend
ist doch der Befund, dass die Todesmärsche überhaupt nur deshalb
gewissermaßen „funktionieren“ konnten, weil alle Instanzen auf der
lokalen Ebene mitmachten, und zwar ohne, dass es eine zentrale
Steuerungsebene gegeben hätte. Und es geht dabei nicht nur um
Infrastrukturleistungen, wie etwa die Bereitstellung von
Übernachtungsmöglichkeiten, es geht auch um Gewaltverbrechen gegen
die Häftlinge. „Dass sich ein breites Spektrum aus der lokalen Bevölkerung
dabei nicht nur passiv verhielt, sondern auf die eine oder andere Weise an
den Verbrechen im Umfeld der Todesmärsche beteiligt war, kann
mittlerweile als Konsens gelten“, schreibt Winter. In jüngeren
Forschungsarbeiten, wie vor allem Daniel Blatmans großer Monografie
über die Todesmärsche 1944/45, die 2011 auf Deutsch erschienen ist, ist
Zarusky – Laudatio auf Martin Clemens Winter 4
das vielfach belegt. Die besondere Stärke von Martin Clemens Winters
Studie besteht nun aber darin, dass er das Geschehen im ländlichen
Raum, der auf den ersten Blick als amorph erscheinen mag, mittels eines
klug angelegten Untersuchungsrasters anhand der Kategorien „Raum“,
„Akteure“ und „Situationen“ analysiert. Er zeigt, wie durch die
Inbeschlagnahme Scheunen oder Sportplätze in Dörfern zu Gewalträumen
wurden, wie Amtsträger und einfache Einwohner auf unterschiedliche
Weise zu Komplizien und Mittätern wurden, Beobachter blieben oder sich
zu solidarischem Handeln durchrangen, wie die SS bei ihren Morden zur
Rücksicht auf dörfliche Interessen gedrängt wurde, weshalb Mordtaten
meist in Randbezirken der Gemeinden stattfanden, wie Hitlerjugendliche,
Volkssturmangehörige, aber auch Frauen – vor allem als Denunziantinnen
und Antreiberinnen – in die Gewalt gegen die Gefangenen involviert
waren, und wie der dörfliche Raum dauerhaft oder auf Zeit bis zu einer
Umbettung, durch die Gräber der ermordeten Fremden verändert wurde.
Martin Clemens Winter hat zahlreiche schreckliche Einzelvorgänge
minutiös analysiert, und bei nicht wenigen darf man annehmen, dass es
sich um an den Orten des Geschehens gründlich verdrängte oder
vernebelte Episoden handelt. Daher hat seine Arbeit das Potential, nicht
nur wissenschaftliche, sondern auch gesellschaftliche
Erinnerungsdiskussionen anzustoßen, auch, weil sie ungeachtet ihrer
wissenschaftlichen Elaboriertheit in einem klaren, schnörkellosen Deutsch
verfasst ist. Für die Todesmärsche gab es keine gesicherte Logistik, man
verließ sich darauf, dass es jeweils ausreichend Unterstützung vor Ort
Zarusky – Laudatio auf Martin Clemens Winter 5
geben würde. Und es gab sie, wie gesagt, auch bei der Verfolgung und
Ermordung Geflüchteter. Die Häftlinge befanden sich auch außerhalb der
Lagermauern ganz klar in Feindesland. Die von Winter analysierten
Handlungsmuster traten, wie er schreibt, „dezentral und flächendeckend
auf“. Das rechtfertigt es mit Blick auf die Todesmärsche von einem NSGesellschaftsverbrechen
zu sprechen, bei dem ein Teil der Kontrolle und
Gewalt gewissermaßen in die ländliche Gesellschaft outgesourct wurde.
Ideologischer Furor spielte dabei eine geringere Rolle, als die Tatsache,
dass die Konfrontation mit den Räumungstransporten als Problem
wahrgenommen wurde, dessen man sich umgehend entledigen wollte. Ich
zitiere aus Winters Fazit: „Wenn möglich, wurden die Züge und Transporte
weitergeleitet; wenn nötig, wurden die Zwischenstationen bereitet,
Gefangene mit eigenen Fahrzeugen transportiert und erschöpfte
Wachleute entlastet oder ersetzt. Zurückgebliebene und Geflohene wurden
ausgeliefert und nach dem Durchzug bemühte man sich, die Leichen der
Opfer vor dem Eintreffen der Alliierten verschwinden zu lassen. Dieses
Mitmachen aller Instanzen auf der lokalen Ebene aggregierte zu einem
Sicherungssystem, das die Durchführung der Todesmärsche und die
Aufrechterhaltung ihrer Gewaltdynamik erst gewährleistete. Dabei
lagerten sich die Gewalt sowie die Initiative zur Aktion aus dem
Repressionsapparat des NS-Staates und des KZ-Systems zu erheblichen
Teilen auf die gesellscha$liche Ebene aus.“
Der Autor hat die äußerst sinnvolle Entscheidung getroffen, sich nicht auf
die Analyse des Geschehens zu beschränken, sondern auch seine Folgen
Zarusky – Laudatio auf Martin Clemens Winter 6
in den Blick zu nehmen, nämlich die Strafverfolgung und die Erinnerung.
Wie bei allen Versuchen der strafjustitiellen Abrechnung mit den NSVerbrechen
kann man auch hier keineswegs davon sprechen, es sei der
Gerechtigkeit Genüge getan worden. Bei den Todesmärschen war es nicht
nur die schiere Dimension der Verbrechen, sondern auch ihre
Dezentralität, die zügigen Ermittlungen und Verfahren im Wege stand.
Dazu kamen als Hinderungsfaktoren NS-Kontinuitäten der Justiz im
Westen, aber auch schützende Nachbarschaftsnetzwerke in West und Ost.
Winter hebt aber hervor, dass durchaus große Anstrengungen
unternommen wurden. Das hing nicht zuletzt damit zusammen, dass die
vielfach unbekannten Toten identifiziert oder der unbekannte Verbleib im
KZ-System Verschollener festgestellt werden mussten. In der US-Zone
etwas wurde zu diesem Zweck ein breit angelegtes „Death March
Programming“ durchgeführt, das eine flächendeckende Fragebogenaktion
umfasste.
Die Auseinandersetzung mit den Folgen der Todesmärsche war in der
unmittelbaren Nachkriegszeit durchaus intensiv. Das begann mit der
Verpflichtung Ortsansässiger, die oft nur in Erdlöchern verscharrten Opfer
würdig zu bestatten. Während das in der US-Zone oft als Konfrontation
mit NS-Unrecht gedacht war, gingen Ehrenbegräbnisse in der
Sowjetischen Besatzungszone oft mit antifaschistisch-sozialistischen
Sinngebungsversuchen einher. Dort setzte ein, wie Winter das nennt,
„Denkmalsboom“ ein, der aber keineswegs unumstritten war. Manche
Denkmäler wurden vandalisiert, vor allem aber griff mit der Zeit die
Zarusky – Laudatio auf Martin Clemens Winter 7
Vernachlässigung um sich. Auch im Westen – Winter kontrastiert Sachsen
und Bayern – kam es zu mutwilligen Beschädigungen von Denkmälern und
nicht zuletzt wurden durch Verlegungen die Grabstätten immer mehr
zentralisiert, so dass Ende der 1950er von den einstmals rund 500 KZGräbern
nur noch 75 übrig waren. Die Pflege mag das erleichtert haben,
aber es war doch auch ein Verschwinden der Erinnerung aus der Fläche.
Die Erinnerungs musste und muss zurückgeholt werden. Das geschah
etwa mit der Gautinger Erinnerungsinitative, wo 1989 das erste von
inzwischen zahlreichen gleichgestalteten Denkmälern des Bildhauers
Hubertus Pilgrim errichtet wurde. Dieses und weitere Denkmalsprojekte
zur Markierung der Todesmarsch-Wege, auch in der DDR, werden
ebenfalls in Martin Clemens Winters umfassender Studie dargestellt und
vergleichend analysiert – und auch die Widerstände, auf die sie nicht
selten stießen. Zu diesem Aspekt der Erinnerungskultur gehört aber auch,
dass durch die Gautinger Initiative in Israel lebende ehemalige Dachau-
Häftlinge und Todesmarsch-Überlebende in intensiveren Kontakt mit der
hießigen Erinnerungsarbeit gerieten, unter ihnen der heutige Vizepräsident
des Internationalen Dachaukomitees, Abba Naor, der in wenigen Tagen
seinen 90. Geburtstag feiert.
Auch diese Verbindung zeigt, glaube ich, dass die Jury des Stanislav
Zámečník-Preises des CID mit der Auszeichnung von Martin Clemens
Winters Dissertation eine gute, oder, wie ich aus Überzeugung sagen
möchte, eine sehr gute Wahl getroffen hat.


 

Dankesrede und Kurzvortrag des Preisträgers Dr. des. Martin Clemens Winter

Martin Winter maisel 6Z0A2811Verleihung des Studienpreises des Comité International de Dachau für die Dissertation
„Gewalt und Erinnerung im ländlichen Raum:
Die deutsche Bevölkerung und die Todesmärsche“
München, 17. März 2018
Dank

Sehr geehrter Jean-Michel Thomas,
sehr geehrte Mitglieder des Comité International de Dachau
Herr Dr. Nerdinger, Herr Dr. Zarusky,
meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

Ich bin sehr bewegt und voll des Dankes! Dass Sie meine Dissertation für Ihren Preis ausgewählt
haben erfüllt mich mit großer Freude. Das ist nicht nur ein wunderbarer Abschluss einer Arbeit, an
der ich etwa sechs Jahre lang gearbeitet habe – für mich schließt sich auch ein biographischer Kreis.
Denn am Anfang meiner tieferen Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen stand die Arbeit als
Zivildienstleistender in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Dort gab es für mich die ersten sehr
intensiven Kontakte zu den Überlebenden des Lagers und zugleich die Entscheidung, Geschichte zu
studieren und mich dabei vor allem mit den Täterinnen und Tätern im Nationalsozialismus
auseinanderzusetzen. Parallel zum Studium habe ich mich ehrenamtlich weiter an der Gedenkstätte
und anderen Einrichtungen engagiert – so etwa im Verein „Jugend für Dora“, für den der enge
Austausch mit den KZ-Überlebenden immer ein zentrales Betätigungsfeld war. Ich bin sehr dankbar
für die vielen Begegnungen, die nicht immer einfach waren, aber stets außerordentlich bereichernd
– und prägend.
So ist dieser Preis für mich auch deswegen etwas ganz besonderes: Weil er von einem so
traditionsreichen Verband wie dem Comité International de Dachau verliehen wird und damit für
mich den Bogen zwischen wissenschaftlicher Analyse der NS-Verbrechen und dem Kontakt zu den
ehemaligen Häftlingen und ihren Familien spannt.
Deshalb stehen an erster Stelle meines Dankes auch alle ehemaligen Häftlinge, die ihre Geschichte
mit jüngeren Generationen teilen.

Ich danke meinem Doktorvater, Prof. Dr. Alfons Kenkmann und meinem Zweitbetreuer, Prof. Dr.
Michael Wildt, für das in mich gesetzte Vertrauen und die Beratung beim Konzipieren und
Schreiben der Arbeit. Zum Rückblick gehört aber auch, dass mein Projekt längere Zeit keine
Förderung gefunden hat. Glücklicherweise hat mich die Rosa-Luxemburg-Stiftung dann doch noch
in ein Promotionsstipendium aufgenommen und damit das Entstehen dieser Arbeit ermöglicht.
Auch wenn ich sie hier nicht alle nennen kann, haben viele Kolleginnen und Kollegen mit ihren
Anmerkungen, mit der kritischen Lektüre von Kapiteln oder Hinweisen auf Quellen zum Gelingen
beigetragen – dafür einen herzlichen Dank an jede und jeden!
Zudem möchte ich meiner Familie für die Unterstützung danken: Meinen beiden leider in der Zeit
der Entstehung der Arbeit verstorbenen Eltern, die mein Interesse für Geschichte geweckt haben,
meinem kleinen Sohn Ruben, der mir immer wieder den Blick geweitet hat und vor allem Josephine
Ulbricht, die als geliebte Frau und härteste Kritikerin in einer Person wohl am meisten mit mir
gelitten hat. Sie hat aber zugleich den größten Anteil daran, dass die Arbeit so wurde, wie sie ist und
dass sie überhaupt jemals fertig wurde.
Abschließend danke ich noch einmal den Mitgliedern der Jury und dem gesamten Comité. Es ist
mir eine sehr große Ehre, diesen Preis entgegennehmen zu dürfen!

Einblicke in die Dissertation
Ich möchte nicht versuchen, par force meine gesamte Dissertation vorzustellen, sondern im
Folgenden zu jedem Teil der Arbeit ein kurzes exemplarisches Schlaglicht werfen. Diese habe ich
mit besonderer Berücksichtigung des heutigen Anlasses ausgesucht, sie beziehen sich also auf die
Evakuierung des KZ Dachau und auf Bayern als Region.


1. Handlung: Poing
Ende April 1945 hielt im Bahnhof der Kleinstadt Poing, nur etwa 20 km von hier entfernt, ein Zug
mit etwa 3.000 KZ-Häftlingen aus dem Dachauer Außenlagerkomplex Mühldorf. Kurz zuvor hatte
die Räumung dieser Lager begonnen. Da die weitere Bahnstrecke nicht passierbar war, blieb der
Zug im Bahnhof Poing stehen. Dann herrschte – zumindest für die einheimische Bevölkerung –
zunächst eine trügerische Ruhe. Ein Passant erinnerte sich später daran mit den Worten: „Es war
damals ein schöner sonniger Tag und die SS saß am Bahndamm und bewachte die Häftlinge.“ Zur
etwa gleichen Zeit begann hier in München die heiße Phase der „Freiheitsaktion Bayern“. Die
genauen Zusammenhänge zwischen diesem Aufstandsversuch und dem Geschehen in Poing sind
schwer zu rekonstruieren. Jedenfalls sprach sich unter den KZ-Wachmannschaften des Zuges am
Nachmittag des 27. oder 28. April herum, dass der Krieg beendet sei. Daraufhin setzten sich etliche
Wachmänner ab, die Türen wurden geöffnet und die überraschten Häftlinge wähnten sich in
Freiheit. Nun begannen sie, sich mit Nahrung zu versorgen und begaben sich dafür auch in die
Ortschaft. Einwohner erinnerten sich später, von den Wachmännern über das vermeintliche
Kriegsende informiert worden zu sein und an befreite KZ-Häftlinge. Aber als in Poing nach etwa
einer Stunde klar wurde, dass die Nachricht vom Kriegsende eine Falschmeldung gewesen war,
eskalierte die Situation: Plötzlich sah man die Häftlinge nicht mehr als befreit, sondern als geflohen
an. In den umliegenden Ortschaften setzte eine Suchaktion nach den KZ-Häftlingen ein, an der sich
SS, Wehrmacht, Polizei, Reichsarbeitsdienst und Angestellte der Bahn sowie Zivilisten beteiligten.
Ein Leutnant der Luftwaffe versuchte, Bahnangestellte zu Gewalttaten gegenüber den Gefangenen
zu bewegen. Der örtliche Fahrdienstleiter besorgte Gewehre aus der Ortschaft und postierte einen
bewaffneten Eisenbahner am Bahnhofseingang. Überlebende Häftlinge berichteten später
gegenüber der US-Armee, dass sich auch der Bürgermeister von Poing an den Morden beteiligt
habe.
Bei dieser Menschenjagd kamen nach Aussagen von Überlebenden etwa 200 Gefangene ums

Leben. In den umliegenden Ortschaften und Wäldern wurden noch Tage und Wochen später
Leichen gefunden. Außerdem kam es bald darauf zu einem Tieffliegerangriff auf den Bahnhof, bei
dem erneut Häftlinge ums Leben kamen. In der darauf folgenden Nacht wurde die Fahrt des Zuges
Richtung München fortgesetzt.
Poing ist nicht der einzige Ort, bei dem sich diese Situationen zeigen – auch in andere Ortschaften
waren die mobilen KZs gerollt und stecken geblieben. Es ging für die Transporte weder vor noch
zurück und es war unklar, wann, wie und wohin der Weg fortgesetzt werden konnte. Hinzu kam,
dass Bahnhöfe als Verkehrsknotenpunkte besonders der Gefahr von Luftangriffen ausgesetzt waren
und dass die Ladung der Züge – tausende von ausgehungerten KZ-Häftlingen – als Bedrohung für
die Bevölkerung wahrgenommen wurde. Dies verstärkte in der Einwohnerschaft das Gefühl großer
Gefahr. Deswegen wurde fieberhaft nach einem Ausweg gesucht, um die Züge und ihre Insassen so
schnell wie möglich aus der eigenen Gemeinde zu befördern. Die Entwicklung hing dabei sehr stark
von den lokalen Akteuren ab. Auch wenn unklar ist, woher das Gerücht über das Kriegsende
stammte, beendeten sie das mörderische Geschehen der Räumungstransporte in Poing eigenhändig.
Hier entstand auf Grundlage eines Gerüchts ein vermeintliches Moment der Befreiung – mit sehr
realen Folgen, weil sich die Beteiligten durch das Beobachten der jeweils anderen vergewisserten,
das Richtige zu tun: Die Wachmänner ließen die Gefangenen unbehelligt gehen. Dieses Verhalten
zeigte den Zivilisten wiederum, dass sich tatsächlich etwas Grundlegendes verändert haben musste
– und sie verhielten sich dementsprechend. Die Gefangenen verließen daraufhin Waggons, Bahnhof
und schließlich die Ortschaft. Sie bekamen teilweise von Einwohnern, die auch vom Ende des
Krieges ausgingen, Unterstützung. Die Wachmannschaften sahen den Zeitpunkt gegeben, sich
schleunigst abzusetzen oder in der Masse der Häftlinge unterzutauchen. Als aber klar wurde, dass
der Krieg nicht zu Ende war, versuchten Teile der Wachmannschaften und die anderen genannten
Akteure, die Befreiung rückgängig zu machen und dies endete in einem Gewaltausbruch gegenüber
den Häftlingen. Die lokale Bevölkerung schrieb der Situation nun eine neue Bedeutung zu: Aus
„entlassenen“ Häftlingen wurden plötzlich „Ausbrecher“. Dementsprechend wurden sie nicht mehr
unterstützt, sondern gejagt und ausgeliefert. Der überlebende Häftling Ernst Bornstein beschrieb
den Moment, in dem die Stimmung in der Bevölkerung umschlug so: „Wir baten den Bauern, uns
im Keller zu verstecken oder uns eine Scheune zu überlassen. Aber sein Gesichtsausdruck wurde
mit einem Mal abweisend, und von seiner vorherigen Freundlichkeit war nichts mehr zu spüren. Er
könnte uns nicht verstecken, sagte er mit unbeweglichem Gesicht, wir sollten sofort sein Haus
verlassen.“
Poing ist deswegen so markant, weil die extreme Verdichtung von Raum, Zeit und
Handlungsvarianten einen Blick durch ein Brennglas eröffnet, durch das auch andere Situationen im

Umfeld der Todesmärsche betrachtet werden können: Die Ereignisse hingen vor allem vom
Handeln der Protagonisten vor Ort ab und von den Bedeutungen, die diese dem Geschehen
zuschrieben.


2. Ahndung und Suche nach den Opfern: Oberbayern
Ich hatte das große Glück, gemeinsam mit anderen Kolleginnen und Kollegen erstmals eine große
Anzahl von bis dato kaum zugänglichen Unterlagen zu den Todesmärschen auswerten zu können.
Es handelt sich dabei um die Unterlagen des International Tracing Service (ITS) Bad Arolsen aus
den späten 1940er und frühen 1950er Jahren; den meiner Kenntnis nach größten geschlossenen
Bestand serieller Quellen zu den Todesmärschen. Der ITS bzw. seine Vorgänger versuchten
jahrelang, die Opfer der Todesmärsche zu finden und zu identifizieren. Die Hinterbliebenen sollten
einerseits Gewissheit über das Schicksal der Verschleppten erlangen. Zum anderen konnten nur
durch Beurkundung des Todes Erbfragen und Pensionsansprüche geklärt werden.
1947 begann das „Death March Programming“, bei dem für jeden bekannten Todesmarsch eine
Akte zusammengestellt und vor Ort durch Quellen belegt werden sollte. Zwei Jahre später koppelte
sich daran das Programm „Attempted Identification of Unknown Dead“, bei dem versucht wurde,
die Identitäten der Opfer aufzuklären. Im Frühjahr 1947 begann man mit der flächendeckenden
Versendung von Fragebögen. So erhielt zumindest in der US-amerikanischen Besatzungszone quasi
jede deutsche Gemeinde einen auszufüllenden Vordruck, mit dem über die Todesmärsche Auskunft
zu geben war.
In den ersten Fragen ging es um die Anzahl und Richtung der Transporte, danach um die Anzahl
der Häftlinge und der Todesopfer sowie deren Grablagen und abschließend um die Augenzeugen
aus der Gemeinde.
Diese Fragebögen liegen zu Tausenden beim ITS und eine Gesamtauswertung steht bislang aus. Ich
habe in der Arbeit den Versuch einer beispielhaften statistischen Erfassung und inhaltlichen Analyse
für ein bestimmtes Gebiet unternommen. Dabei habe ich mich für den Regierungsbezirk
Oberbayern entschieden. Da durch diese Region viele Märsche gingen, liegt fast flächendeckendes
Material vor. Außerdem lassen sich die Fragebögen hier sehr gut mit anderen Quellen –
Ermittlungen der US-Armee 1945 und der bayerischen Landpolizei zehn Jahre später – abgleichen.
Zuerst zu den Zahlen: In Oberbayern gab es zum fraglichen Zeitpunkt 1.166 eigenständige
Gemeinden. Jede davon war potenzielle Adressatin eines Fragebogens zu den Todesmärschen. Für

knapp die Hälfte aller Gemeinden – also 581 – liegen Antworten aus dem Death March
Programming vor. Von diesen waren nach eigenen Angaben 166 von Räumungstransporten
durchquert worden. Das sind 14 Prozent sämtlicher Gemeinden des Regierungsbezirks. Davon
wiederum meldeten etwa die Hälfte (88), dass innerhalb ihrer Gemarkung KZ-Häftlinge gestorben
seien.
Allerdings zeigt der Abgleich mit anderen Quellen, dass diese Angaben nur wenig verlässlich
waren. Ich habe etliche Beispiele gefunden, in denen weder Todesmärsche noch tote Häftlinge an
den Suchdienst gemeldet wurden, obwohl Dokumente zeigen, dass diese durchaus bekannt gewesen
waren.
Mich haben vor allem die Antworten zu den Zeugen aus der Einwohnerschaft interessiert. Ich habe
die Dokumente nach drei Kategorien geordnet: je nachdem ob 1. angegeben wurde, dass keine
Zeugen vorhanden seien, 2. alle Einwohner der Gemeinde als Augenzeugen bezeichnet wurden oder
3. einzelne namentlich genannt wurden.
Über die Hälfte der Fälle fiel tatsächlich in die letzte Kategorie. Häufig beschränkten sich die
namentlichen Angaben jedoch auf Amtsträger: Bürgermeister, Polizisten, Gemeindeschreiber,
Bahnpersonal, Pfarrer oder Totengräber. Dies waren genau die Personenkreise, die typischerweise
Kontakt zu den Transporten hatten und ihre Namen waren ohnehin ortsbekannt. Ihre Benennung
konnte aber auch eine Distanzierung der lokalen Bevölkerung bewirken, weil man sich ersparte,
weitere Teile der Einwohnerschaft mit den Todesmärschen in Verbindung zu bringen. Überraschend
war für mich, dass häufig nicht Gemeindeangehörige, sondern ehemalige Häftlinge namentlich als
Augenzeugen benannt wurden. Das war natürlich sinnvoll, etwa wenn es um Fragen der
Identifizierung ging. Ihre Nennung war aus Perspektive der deutschen Verwaltungen aber auch eine
bequeme Lösung, weil so abermals die Einheimischen aus der Schusslinie genommen werden
konnten.
Etwa ein Drittel der Gemeinden antwortete, es könne niemand genannt werden, der oder die
Angaben zum Tatgeschehen machen könne. Teilweise zeigt sich dabei das Phänomen, dass
angeblich zwar niemand etwas gesehen, aber trotzdem viele Leute geholfen hätten.
Und schließlich antworteten etwa 13 Prozent der Gemeinden, dass die gesamte Einwohnerschaft
Zeuge der Todesmärsche geworden sei. Das ist in der Absolutheit eindrucksvoll, hatte aber auch
eine Kehrseite: Die kollektive Nennung vieler oder aller Einwohner erfüllte nämlich ebenfalls
häufig die Funktion, keine Einzelpersonen namentlich als Ansprechpartner benennen zu müssen. In
Neuötting hieß es etwa zu den Augenzeugen: „Ein großer Teil der Bevölkerung. Einzelne Namen
nicht bekannt.“

Wie das Suchbüro mit den erhobenen Daten arbeitete, zeigt sich beispielhaft am Todesmarsch von
Dachau nach Bad Tölz: Grundlage war für den Suchdienst eine vom damaligen International
Information Office (IIO) in Dachau, also von Überlebenden des Lagers, zusammengestellte
Broschüre, in der Gefangene mit Aussagen über den Todesmarsch in Richtung Alpen zitiert wurden.
Anhand ihrer Angaben wurde die Route rekonstruiert, verkartet und dann mit den Antworten aus
den Fragebögen verknüpft. So zählte man allein auf diesem Todesmarsch 287 Tote, von denen man
47 Namen, 45 Haftnummern und in 22 Fällen zumindest die Nationalität feststellen konnte
Für den gesamten Regierungsbezirk Oberbayern zählte der ITS 9.802 aufgefundene Todesopfer aus
Konzentrationslagern – bei über 8.000 von ihnen war allerdings weder Name noch Haftnummer
bekannt.
Diese Bilanz führt uns zur Einstellung des Programms „Attempted Identification“ im Jahr 1951:
Die erhobenen Daten waren viel zu ungenau, um verlässliche Aussagen über Leben und Tod
Einzelner zu treffen: Viele Häftlinge hatten unterwegs Kleidung getauscht, die Haftnummern
wurden in unterschiedlichen Lagern mehrfach vergeben oder waren fehlerhaft notiert worden.
Letztlich war es dem Suchdienst nicht möglich, die in den Lagern vorgenommene Degradierung der
Menschen zu Nummern und die Auflösung der letzten Strukturen bei der Räumung posthum
rückgängig zu machen. Die deutschen Gemeinden wiederum waren wenig engagiert, dieses
Vorhaben zu unterstützen. An ihren Antworten wird deutlich, dass sich nach Kriegsende fortsetzte,
was während der Todesmärsche begonnen hatte: Die Wahrnehmung der KZ-Häftlinge als anonyme
Masse; als Problem, das schnell und unauffällig gelöst werden musste, und zwar möglichst, ohne
Spuren zu hinterlassen.
3. Erinnerung: Gauting und anderswo
Im oberbayerischen Gauting reichten SPD und Grüne 1985 einen Antrag ein, ein Denkmal in
Erinnerung an den Todesmarsch zu errichten. Bürgermeister Ekkehard Knobloch (CSU) sandte
daraufhin ein Schreiben an 14 Ortschaften zwischen Dachau und Königsdorf und startete eine
Umfrage. Er wollte jeweils wissen, ob es in den Gemeinden schon Erinnerungszeichen gäbe, ob
man vielleicht gar konkrete Absichten habe, solche Denkmäler zu errichten und wie man zu der
Idee stehe, entweder in allen Orten Gedenksteine zu setzen oder ein gemeinsames Denkmal an einer
zentralen Stelle zu errichten. Das Ergebnis war allerdings ernüchternd: Nicht eine Gemeinde sprach
sich für Gedenkzeichen in allen Ortschaften aus, nur zwei waren für ein zentrales Denkmal und
ganze fünf äußerten überhaupt prinzipielle Bereitschaft zu Gesprächen über das Vorhaben.

Knoblochs Amtskollege aus Königsdorf etwa antwortete feinsinnig, die Gemeinderäte würden
„bedauern“, dass der Vorschlag keine Befürwortung gefunden habe, ein zentrales Denkmal bringe
aber nichts für die einzelnen Gemeinden, sondern komme nur derjenigen zugute, in der es stehe.
Auf die Idee, sich dann einfach selbst als Standort anzubieten, kam man in Königsdorf aber auch
nicht. Vielmehr hieß es, man wolle selbst auch keinen Gedenkstein, weil „die Gemeinde Königsdorf
mit relativ hohem Kostenaufwand ein bereits bestehendes Kriegerdenkmal, sowie einige Pestsäulen,
Feldkreuze und ähnliches unterhält.“. Wie unaufrichtig das angebliche „Bedauern“ war, wurde dann
in einem zweiten Schreiben deutlich. Hier hieß es, die Gemeinderäte seien einstimmig gegen die
Errichtung von Mahnmalen. Bürgermeister Baader belehrte dann nicht nur seinen Kollegen in
altväterlichem Ton, sondern maßte sich sogar an, für die Häftlinge zu sprechen: „Im Interesse einer
gemeinsamen Zukunft und damit im Interesse der überlebenden Opfer muß jedoch auch einmal
Vergessen auf beiden Seiten eintreten.“
Trotz der sehr verhaltenen Reaktionen blieb der Gautinger Bürgermeister Knobloch aber am Ball
und konnte immer mehr Gemeinden davon überzeugen, sich doch zu beteiligen. Die Ausschreibung
zur künstlerischen Gestaltung brachte allerdings gleich die nächste Kontroverse mit sich. Aus 60
Entwürfen wurde derjenige von Hubertus von Pilgrim zum Sieger gekürt, den Sie in leicht
abgewandelter Form auch hier im Haus ansehen können. Kritikerinnen und Kritiker argumentierten
allerdings gegen seinen Entwurf, dieser reduziere das Problem auf den leidenden Menschen und
klammere damit die historische und politische Dimension aus. Dennoch wurde von Pilgrims
Denkmal umgesetzt und ab 1989 wurden die ersten Todesmarsch-Denkmale aufgestellt. Bis 2001
wurden 22 identische Skulpturen in Ortschaften auf der Route dieses Todesmarsches errichtet, seit
1992 steht eine weitere in Yad Vashem in Jerusalem und nur fünf Jahre später errichtete sogar
Königsdorf eine. Zuletzt wurde eines der Denkmäler hier im NS-Dokumentationszentrum
aufgestellt. Die identischen Plastiken zeigen in halber Lebensgröße eine mehr wankende als
marschierende Menschengruppe mit amorphen Gesichtern. Die Vordersten scheinen zu fallen, die
Körper fließen ineinander. Auf einer Bronzetafel informiert ein Text: „Hier führte in den letzten
Kriegstagen im April 1945 der Leidensweg der Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau
vorbei ins Ungewisse.“
Diese Denkmäler symbolisieren einen neuen Umgang mit den NS-Verbrechen – die zitierte
unverhohlene Abwehr wie in Königsdorf war nicht mehr zukunftsfähig. Wir sehen somit eine
Erfolgsgeschichte der Auseinandersetzung mit den Todesmärschen. Zugleich kann aber die Frage
gestellt werden, ob dies vielleicht deswegen möglich war, weil bestimmte Aspekte in den
Hintergrund gerieten. Schon die frühe Kritik an Hubertus von Pilgrims Entwurf richtete sich unter
anderem dagegen, dass zwar die Opfer gewürdigt, aber Täter oder Zuschauer keine Erwähnung

finden. Außerdem findet sich kein Hinweis auf das konkrete Tatgeschehen vor Ort – über das es ja
mehr Informationen geben musste als die Inschrift preisgibt. Darüber hinaus sind die gewählten
Begrifflichkeiten bemerkenswert: Statt des weithin bekannten und von den Überlebenden selbst
geprägten „Todesmarsches“ handelt es sich deutlich abgeschwächt um einen „Leidensweg“. Dieser
führte schließlich ins „Ungewisse“ – was die Wahrnehmung der Zeitzeugen wiedergibt, aber aus
heutiger Sicht eher mystifizierend wirkt.
Interessant ist in dem Zusammenhang übrigens der Vergleich mit anderen Denkmälern. Die Idee mit
baugleichen Erinnerungszeichen an der Route von Todesmärschen war nämlich in der DDR schon
Jahrzehnte zuvor umgesetzt worden – natürlich nach den dortigen Vorstellungen moderner
künstlerischer Gestaltung und politisch-ideologischer Geschichtspropaganda. Sie waren zwar vom
Erscheinungsbild und der Aussage her völlig anders gelagert, aber sie teilten letztlich mit ihren
Pendants in Bayern das Ungefähre, das Unkonkrete, was die Ereignisse vor der eigenen Haustür, die
vielen Tatbeteiligten und noch zahlreicheren Zuschauer der Todesmärsche anbelangt.
Das ist etwas, was die Aufarbeitung der Todesmärsche über die Jahrzehnte durchzieht wie ein Roter
Faden: Wenn es ganz konkret um die Beteiligung der Einheimischen an dem Tatgeschehen um die
Todesmärsche geht, spürt man bis heute eine gewisse Abwehr, diesen Aspekt genauer zu
beleuchten. Ich hoffe, dass meine Arbeit dazu beitragen kann, diese Lücken aufzuzeigen und dafür
zu sensibilisieren, dass Verbrechen entsetzlichen Ausmaßes auch vor der eigenen Haustür und unter
den Augen vieler Augenzeugen stattfinden konnten – und wohl auch heute könnten.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Martin Winters CID preis