Rede des Generals Jean-Michel Thomas

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 Gedenkfeier 73. Befreiung des KZ-Gedenkstätte Dachau. 29. April 2018.

"Erinnern wir uns an die Münchner Abkommen von 1938 vor 80 Jahren: die Konferenz der Schande und der beschwichtigenden Feigheit. "

 

 

Sehr geehrter Herr Minister Sibler, sehr geehrter Herr Freller, sehr geehrte Frau Dr. Hammermann, sehr geehrter Herr Dr. Schuster, sehr geehrte Frau Knobloch,
Meinen Damen und Herren, liebe Freunde,

ich bedanke mich bei jedem, der heute anwesend ist, und grüße besonders die hohen Vertreter aus den Nachbarländern: die Präsidentin der Ersten Kammer der Niederlande, Frau Broekers-Knol und die stellvertretende Ministerin für Kultur und Nationalerbe aus Polen, Frau Prof. Dr. Magdalena Gawin.

Diese jährliche Feier kann eine Gelegenheit sein, den gegangenen Weg zu hinterfragen, seit die Überlebenden des KZ Dachau vor 73 Jahren den folgenden Wunsch geäußert haben: „Nie wieder“.

Leider hat diese Frage gemischte Antworten: die, die zufrieden stellen, aber auch die, die Zweifel und Sorgen bereiten.

Einerseits Zufriedenheit darüber, dass die von den Nationalsozialisten begangenen Abscheulichkeiten erkannt und bekannt sind, und daraus Lehren für die Zukunft der Völker gezogen werden.

Zufriedenheit darüber, dass aufgrund der engagierten Arbeit des Personals der Stiftung und der Gedenkstätte, aber auch aller Vereine und Verbände, jedes Jahr dank der Unterstützung des Freistaats Bayern und des Bundes mehr als 800.000 Besucher an diesem Ort empfangen und begleitet werden.

Positiv ist auch, dass es zu Verbesserungen der Barrierefreiheit kommen wird und dem Verschwinden von Fahrzeugen auf dem Gelände dieses sakralen Ortes.

Der Finanzierungsbedarf erhöht sich durch neue Instandhaltungs-und Sicherheitsmaßnahmen, sowie die notwendige Sanierung des Mahnmals.

Begrüßen wir auch die erfolgreiche Initiativen, um die Außenlager des KZ Dachau aus dem Schatten zu ziehen und eine Mahnmal in Mühldorf und einen Gedenkort in Allach zu eröffnen – auch trotz manchmal übermäßiger Reaktionen, die heute langsam milder werden.

Freuen wir uns schließlich über die rege Teilnahme von uns allen, versammelt rund um diese Fahnen, die an die Häftlinge aus mehr als 50 Ländern erinnern ; über diese hundert Kränze, die von Institutionen, Konsuln verschiedener Ländern, Religionsgemeinschaften, politischen Parteien, Gewerkschaften und verschiedenen Vereinen in tiefer Andacht niedergelegt werden. Diese würdige und bewegende Ehrung ist der Nährboden unserer Initiativen für das Gedenken. Dafür sei jedem einzelnen gedankt.

Andererseits müssen wir aber auch die Augen für einen anderen Aspekt der Realität öffnen, ohne Misserfolge und Sorgen zu vertuschen.

Die Überlebenden von Dachau hatten den Willen, ein friedliches, vereintes und solidarisches Europa zu bilden. Die Realität ist von diesem Anspruch noch sehr weit entfernt. Der Aufstieg des Nationalismus und Populismus zeigt die Enttäuschungen der Bevölkerungen, ihre Zukunftsangst, ihr Gefühl der Verlassenheit, und ihr Gefühl, dass ihre Erwartungen nicht berücksichtigt werden.

Auch außerhalb der Grenzen Europas hofften die Überlebenden auf eine friedliche Welt. An diesem 70. Jahrestag der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen ist dieses Ziel noch längst nicht erreicht.

 

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Der erste Artikel der allgemeinen Erklärung lautet: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“. Aber diese Gleichheit an Rechten, schon 1789 in Paris in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte verkündet, ist immer noch nicht allgemein.

Ihr wird von der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam widersprochen, die 1990 von 57 Mitgliedstaaten der Organisation der islamischen Konferenz verabschiedet wurde. Geprägt von starker religiöser Beeinflussung und der Bekräftigung des Primats Gottes, von der Einschränkung der Freiheit seine Religion zu wählen und auch zu wechseln und von der Ungleichheit der Rechte von Männern und Frauen.

Dieser Widerspruch mit der westlichen Welt beruht auf dem Primat der Scharia und des Korans, mit der Absicht, deren Herrschaft in der ganzen Welt durchzusetzen. Salafistische Organisationen verfolgen zudem das Ziel, die Integration der Muslime in nicht-muslimische Gesellschaften zu verhindern.

Die in Dachau und Auschwitz begangenen Verbrechen werfen Fragen auf. Sie können zu einer Falle und missbraucht werden, um damit die Ablehnung des Westens zu begründen, das vermeintlich jüdisch-christliche Böse zu zeigen und für die Unterwerfung unter das vermeintlich salafistische Gute zu werben. Diese Weltanschauung ist unvereinbar mit liberalen Demokratien.

Nach dem nationalsozialistischen und kommunistischen Totalitarismus ist der radikale Islamismus eine echte Gefahr. In diesem Kontext der Unsicherheit und des Aufstiegs des Antisemitismus ähnelt die aktuelle Lage der, die dem zweiten Weltkrieg voranging.

Erinnern wir uns an die Münchner Abkommen von 1938 vor 80 Jahren: die Konferenz der Schande und der beschwichtigenden Feigheit. Jeder kennt das Zitat von Winston Churchill:

You were given a choice betweeen war and dishonor. You chose dishonor, and you will have war“.

Infolge dieses Verzichts, trotz der wohlbekannten Gefahr, die man aber nicht scharfsichtig sehen wollte, wurden Tausende von Juden und Widerstandskämpfern nach Dachau verschleppt: unter ihnen der mit 13 deportierte Litauer Abba Naor, der Tscheche Vladimir Feierabend, der Niederländer Ernst Sillen, die Franzosen Clément Quentin und Jean Samuel.

Diese fünf CID Mitglieder, Überlebenden des KZ Dachau, in dem mehr als 41.500 Häftlinge starben, werden jetzt den ersten Kranz niederlegen und all ihren verstorbenen Mithäftlingen gedenken. Wir dürfen nicht vergessen.

 

General Jean-Michel Thomas,
Präsident des Comité International de Dachau