Gedenkfeier Mahnmal Todesmarsch 4 Mai

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„Neid und Versagensangst“, so hat es Götz Aly formuliert, „Missgunst und Habgier trieben den Antisemitismus der Deutschen an......" (OB Hartmann)

"Keine Historische kalte Faktoren koennen das schildern, was der einzelne Mensch durchgehen musste, die Angst, das Ueberleben, die Gedanken die er hatte, die Traeume und Wuensche, das Menschliche..(Dana Bloch)

 


 

 

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Rede OB Hartmann Gedenkfeier Mahnmal Todesmarsch Sa. 4. Mai 2019, 18 Uhr

 

 

Verehrte Zeitzeugen,

sehr geehrte Damen und Herren,

jedes Jahr am Vorabend der Befreiungsfeier versammeln wir uns hier am Mahnmal Todesmarsch, um gemeinsam der Häftlinge zu gedenken, die zu Tausenden noch in den letzten Tagen vor der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau von der SS Richtung Süden auf einen Todesmarsch geschickt wurden. Unzählige von ihnen kamen vor Entkräftung und Krankheit zu Tode, wurden erschossen oder erschlagen.

Ich bin sehr dankbar, dass wir auch dieses Jahr Überlebende des Konzentrationslagers Dachau sowie weitere Zeitzeugen bei der heutigen Gedenkfeier begrüßen dürfen. Ich darf begrüßen: Jean Samuel, Erich Finsches, Györgi Csillag, Max Volpert, Jehuda Beiles, Vladimir Feierabend und Clément Quentin sowie Ernst Grube [je nach Anwesenheit]. Der Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitee Abba Naor, der auch dieses Jahr zu uns sprechen wollte, musste leider kurzfristig seinen Besuch absagen.

Ich begrüße Prof. Dr. Michael von Cranach, Mitinitiator des Gedenkbuches für die Münchner Euthanasie-Opfer, der im Anschluss zu uns sprechen wird.

Aus der Politik darf ich neben den anwesenden Mandatsträgern aus Stadt, Landkreis, Land und Bund ganz besonders den Bezirkstagspräsidenten von Oberbayern Josef Mederer begrüßen.

Ich freue mich sehr, dass auch dieses Jahr wieder Delegationen aus den Dachauer Partnerstädten und befreundeten Städten Fondi, Klagenfurt, Oswiecim und Oradour-sur-Glane zur Befreiungsfeier nach Dachau gereist sind, darunter zahlreiche Stadträte und Referenten sowie die Vize-Bürgermeister von Oswiecim und Oradour-sur-Glane.

Ganz herzlich begrüßen darf ich auch die Mitglieder des Motorradclubs Kuhle Wampe, die im Rahmen ihrer Gedenkfahrt für die Opfer der Todesmärsche bereits zum wiederholten Male an unserer Gedenkfeier teilnehmen.

Musikalisch umrahmt wird das heutige Gedenken durch Tatjana Mischenko und Zarko Mirdjanov.

Mein Dank für die gemeinsame Organisation der heutigen Gedenkfeier gilt der Dachauer Initiative Mahnmal Todesmarsch, die die Errichtung der Bronzeplastik von Hubertus von Pilgrim in Dachau im Jahr 2001 maßgeblich möglich gemacht hat und sich seit fast 20 Jahren kontinuierlich um das Gedenken kümmert.

Sehr geehrte Damen und Herren,

74 Jahre sind vergangen seit dem Ende der NS-Herrschaft. 74 Jahre seit dem Ende des millionenfachen Mordens in Konzentrations- und Vernichtungslagern als letzte Konsequenz einer menschenverachtenden, rassistischen Ideologie. Trotz der Mahnungen der Überlebenden, trotz der Berichte der Zeitzeugen, trotz jahrzehntelanger Aufklärung und Erinnerungspolitik sehen wir uns heute in ganz Europa wieder mit einem erstarkenden Rechtspopulismus, Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus konfrontiert.

Rechtspopulisten in Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich, Polen, Ungarn, den Niederlanden – um nur einige Länder zu nennen – wollen die gefühlte Entfremdung der Menschen in den modernen Gesellschaften auffangen, indem sie neu definieren, wer dazu gehört und wer nicht. Wenn die Grenzen der Gemeinschaft neu gezogen werden, wenn WIR und die ANDEREN voneinander abgegrenzt werden, dann werden Minderheiten rasch zu Zielscheiben des Hasses. Die Anderen, das können die Muslime sein, das können die Flüchtlinge sein, das können die Juden sein. Antisemitismus und Rassismus breiten sich aus wie Gift. Radikalen Worten von rechten Politikern folgen radikale Taten. Die Hemmschwelle, gerade was den Antisemitismus betrifft, sinkt und macht ihn sichtbarer. Nicht nur in Deutschland, in ganz Europa.

Neid und Versagensangst“, so hat es Götz Aly formuliert, „Missgunst und Habgier trieben den Antisemitismus der Deutschen an. Die Todsünde des Neids, kollektivistisches Glücksstreben, moderne Wissenschaft und Herrschaftstechnik ermöglichten den systematischen Massenmord an den europäischen Juden. Es gibt keinen Ort des Bösen, der sich ein für alle Mal vermauern ließe, um derartige Schrecken zu bannen. Ein Ereignis, das dem Holocaust der Struktur nach ähnlich ist, kann sich wiederholen. Wer solche Gefahren mindern will, sollte die komplexen menschlichen Voraussetzungen betrachten und nicht glauben, die Antisemiten von gestern seien gänzlich andere Menschen gewesen als wir Heutigen.“

Ich denke, Götz Aly hat mit seiner Schlussfolgerung absolut Recht. Die Entwicklungen der Gegenwart führen uns das nachdrücklich vor Augen. Wir müssen deshalb alle zusammen dem europaweit erstarkenden Rechtspopulismus entschieden entgegentreten, gegen Antisemitismus und Antiislamismus, gegen Rassismus und jegliche Form von Hass und Unterdrückung unser Wort erheben. In der Politik, aber genauso im alltäglichen Leben, wo wir es nicht zulassen dürfen, dass Mitmenschen aufgrund ihrer Religion, aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Aussehens oder aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diffamiert oder ausgegrenzt werden. Wehret den Anfängen – daran soll uns das Gedenken hier am Mahnmal Todesmarsch jedes Jahr aufs Neue erinnern.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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Rede Dana Bloch Gedenkfeier Mahnmal Todesmarsch Sa. 4. Mai 2019,

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Das ist das erste Jahr, dass ich hier bin, ohne mein Opa und das fehlt mir schwer.
Nicht nur weil ich Ihn hier mit mir haben wollte, sondern weil es fuer mich all das symbolisiert, was ich am meisten fuerchte.
Ich fuerchte, ich habe richtig Angst, das wenn die Zeitzeugen nicht mehr da sind, dass ihre Geschichten vergessen werden, dass im besten Falle das persoenliche zur seite gelegt wird und wir nur mit kalten Fakten bleiben werden, die die wahre und tiefe Grausamkeiten der Shoa gar nicht anfangen dar zu stellen.
Im Hinblick auf den wachsenden Antisemitismus Welt-weit, beaengstigt es mich mehr, und mehr.
Keine Historische kalte Fakten koennen das schildern, was der einzlene Mensch durchgehen musste, die Angst, das Ueberleben, die Gedanken die er hatte, die Traeume und Wuensche, das Menschliche.
Mein Opa konnte dieses Mal nicht kommen, weil er Herzprobleme hat. Es stellt sich aus, das auch das Groesste Herz schwach werden kann. Das Herz, das so vieles durchgehen musste, den Brutalen Mord seines Bruders Chaim im Neunten Fort, die Vergasung seiner Mutter Hanna und seines kleinen Bruders Baerale in Auschwitz und den Versuch sein ganzes Volk zu vernichten, und trotz Allem, hat sich dieses Herz entschieden niemals zu hassen! Jahre lang versucht er genau dies, durch seiner Lebensgeschichte weiter zu geben, und manchmal sieht es sogar aus als wuerde er es schaffen, aber dann hebt sich wieder der Haessliche Kopf des Antisemitismus hoch - weltweit, und es schmerzt.
Mein Opa ist mein Held, ein Mann der so viel grausames erleben musste, und trotz Allem so bescheiden geblieben ist und vor allem, wie es in Jiddish so schoen heist – ein Mentsch geblieben ist.
Ich schulde es meinem Held, in seinem Weg weiter zu gehen, seine Geschichte und sein Wort weiter zu verbreiten und dafuer sorgen, dass die Shoa niemals vergessen wird, nie wieder. Aber ich brauche Sie Alle dafuer. Und frage Sie – sind Sie bereit mit mir diesen Weg zu gehen?

 

Danke