Die Homosexuellen Häftlinge im KZ Dachau

DachauerHeft14

ALBERT KNOLL

TOTGESCHLAGEN - TOTGESCHWIEGEN
DIE HOMOSEXUELLEN HÄFTLINGE IM KZ DACHAU

Ziel der nationalsozialistischen "Bevölkerungspolitik" war die "Aufartung" des deutschen Volkes, das bedeutet, die zu Fremden oder zu entarteten Elementen des Volkskörpers erklärten Juden, Sinti und Roma, Behinderten und eben auch die Homosexuellen sollten, wie es in der Sprache des Hitlerregimes hieß, "mit Stumpf und Stiel ausgerottet" werden, damit sie sich nicht seuchenartig ausbreiten würden. Dies zu verhindern, wurde das System von Denunziation, Bespitzelung und Strafverfolgungsmöglichkeiten vergrößert und verfeinert; es sollte lückenlos funktionieren.
Gleich nach dem 30. Januar 1933 setzten Verfolgungsmaßnahmen auch gegen Homosexuelle ein. Die sexualpolitische Reformbewe­gung der Weimarer Zeit wurde zerschlagen, als im Mai 1933 das Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld in Berlin verwüstet wurde, Treffpunkte und Vereine wurden überwacht und waren Ziel brutaler Anschläge. Im Februar 1933 erließ der preußische Innenminister ein Verbot aller Schwulenlokale, bald darauf mußten zahlreiche Publikationen ihr Erscheinen einstellen. Die Polizeidirektion Nürnberg-Fürth meldete, daß sie "schon seit Mitte des Jahres 1933 strenge Maßnahmen gegen das Unwesen der Homosexuellen ergriffen hatte."1 Einzelne einflußreiche Homosexuelle der nationalsozialistischen Bewegung, wie der SA-Chef Ernst Röhm, hatten kein Interesse, diese Entwicklung aufzuhalten.
Anläßlich der Gruppenführerbesprechung in der SS-Eliteschule in Bad Tölz am 18. Februar 1937 entwarf der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, das Zerrbild einer sich seuchenartig über Deutschland ausbreitenden Homosexualität. ”Es gibt unter den Homosexuellen Leute, die stehen auf dem Standpunkt: was ich mache, geht niemandem etwas an, das ist meine Privatangelegenheit. Alle Dinge, die sich auf dem geschlecht­lichen Sektor bewegen, sind jedoch keine Privatangelegenheit eines einzelnen, sondern sie bedeuten das Leben und das Sterben des Volkes. ... Das Volk, das sehr viel Kinder hat, hat die Anwartschaft auf die Weltmacht und Weltbeherrschung."2 Die Homosexuellen waren es, die in den Augen von Heinrich Himmler die Weltherrschaft Deutschlands vereiteln würden. Noch konkreter waren Himmlers Vor­stellungen von der Beseitigung der homosexuellen Unterwanderung in der SS: "Ich habe mich nun zu folgendem entschlossen: Diese Leute werden selbstverständlich in jedem Fall öffentlich degradiert und ausgestossen und werden dem Gericht übergeben. Nach Abbüssung der vom Gericht festgesetzten Strafe werden sie auf meine Anordnung in ein Konzentrationslager gebracht und werden im Konzentrationslager auf der Flucht erschossen." 3
Von 1933 – 1944 wurden etwa 50.000 – 63.000 Männer wegen Homosexualität abgeurteilt.4 Über eine unbekannt hohe Anzahl von ihnen ist im Anschluß an die Gefängnisstrafe Schutzhaft verfügt worden. Die meisten der Schutzhäftlinge kamen in eines der Konzentrationslager. Im Februar 1934 erfolgte die Einführung der vorbeugenden Polizeihaft für sogenannte Berufsverbrecher; dazu zählten alle Personen von über 21 Jahren, die Sexualkontakte mit an unter 16jährigen hatten. Die Maßnahme wurde gerechtfertigt, "um das bisher gegenüber dem Verfolgungsgedanken zurückgetretene Verhütungsprin­zip in den Vordergrund der kriminalpolizeilichen Tätigkeit zu stellen."5
Erste Einweisungen von Homosexuellen in das KZ Dachau fanden schon 1933 statt. Wie die Tänzerin Lilian Karina berichtet, war davon ihr Berufskollege Egon List betroffen, der Star des beliebten Berliner Homosexuellenlokals Eldorado. 1933 kam List "zur erzieherischen Behandlung" nach Dachau und verließ es im darauffolgenden Jahr mit "Narben auf Rücken und Armen, die von Schlägen und Brandwunden durch Zigaretten herrührten".6

BEGINN DER ORGANISIERTEN HOMOSEXUELLENVERFOLGUNG IN BAYERN

Bis zum 30. Juni 1934 beschränkte sich die Homosexuellenverfolgung auf gezielte Einzelaktionen. Dieses Datum, an dem mit einem schlagartigen Vorgehen die SA-Elite beseitigt wurde, markiert einen entscheidenden Einschnitt in der Praxis der Homosexuellenverfolgung. Ernst Röhm als SA-Chef war einem internen Machtkampf zum Opfer gefallen, er wurde erschossen. Seine homosexuelle Veranlagung hatte bis dahin bei Kritikern die gesamte nationalsozialistische Bewegung in die Nähe gleichgeschlechtlicher Affinität gerückt. Nun distanzierte sich Hitler von seinem einstigen Duzfreund.
Der als Kommunist inhaftierte Alois Louis Stadler äußerte sich verwundert und mit großem Mißtrauen, als er die ersten Homosexuellen im KZ Dachau erlebt: ”Obgleich darüber heute keine amtlichen Unterlagen mehr vor­liegen, erinnere ich mich zuverlässig, dass im Sommer 1933 einmal etwa ein Dutzend Homosexuelle ins Lager kamen, Leute, die nach § 175 des Strafgesetzbuches einschlägig vorbestraft, oder verdächtig waren. Es handelte sich jedoch keineswegs um Leute, die etwa dem Kreis um den bekanntlich homosexuellen Obersten SA-Führer Hauptmann Röhm nahestanden, sondern überhaupt um keine Nazis, die man offenbar ins Lager verfrachtet hatte, um sich nach außen den Anschein zu geben, dass das Regime auch in dieser Beziehung auf Sauberkeit achte. Diese Hundertfünfundsiebziger, wie wir sie nannten, waren politisch gesehen völlig indifferent, wie wir auch nicht begreifen konnten, dass man sie in ein Lager sperrte, wenn doch selbst sogar der oberste SA-Führer gewisserma­ßen einer der ihrigen sei.” 7 Politische Häftlinge empfanden es als Verhöhnung ihrer Widerstandstätigkeit, als Verfolgte aus rassischen, sozialen und sexualpolitischen Gründen in die Lager kamen.
Am 3. Juli 1934, also vier Tage nach der "Nacht der langen Messer", ist vom bayerischen Innenministerium den Polizeidi­rektionen, Bürgermeistern der unmittelbaren Städte und den Be­zirksämtern die Durchführung einer großangelegten Razzia ange­kündigt worden, bei der "ein schlagartiges Vorgehen in ganz Bayern beabsichtigt" war.8 Anberaumt wurde die Aktion für die Abendstunden des darauffolgenden Samstags, den 7. Juli 1934. Sie ist wegen der zu kurzen Vorbereitungszeit nicht durchgeführt worden. Gauleiter Adolf Wagner befahl deshalb die Verschiebung auf den Abend des 20. Oktober 1934, ebenfalls ein Samstag.9 Allein in München waren bei dieser Aktion mehr als 50 Polizei­beamte im Einsatz. Die Razzia erstreckte sich auf Parkanlagen, vornehmlich den Engli­schen Garten und auf Bedürfnisanstalten. Vor den beiden noch bestehenden Schwulenloka­len "Schwarzfischer" und "Arndthof" fuhren vier Gefangenentrans­portwagen auf und sämtliche Besucher wurden abtransportiert.10 Das Ergebnis dieser bayernweiten Razzia vom 20./21. Oktober 1934: mehrere hundert Personen wurden vorläufig festgenommen und erkennungsdienstlich behandelt, davon allein in München 145. Am Vormittag des 21. Oktober 1934 wurden 99 der Festgehaltenen wieder entlassen. Weitere 39 wurden "vorläufig in Schutzhaft genom­men und sollen durch die Bayer. Polit. Polizei dem Konzentra­tionslager Dachau über­führt werden". Bayernweit wurden insgesamt 78 Homosexuelle in Haft genommen, von denen 24 in Polizei­haft verblieben und 54 in Schutzhaft nach Dachau gebracht wur­den. Als Haftdauer wurde "für die leichteren Fälle mindestens drei Monate, für die schwereren Fälle bis zu sechs Monaten vor­geschlagen." 11 Vergleichbare Aktionen wurden auch in anderen deutschen Großstädten durch­geführt, etwa in Berlin am 9. März 1935 oder die Kölner Sonderaktion vom Sommer 1938.
Die aus dem geselligen, gleichwohl verbotenen Beisammensein gerissenen Lokalbesucher wurden brutal behandelt. Nur wenige Berichte geben die erkennungsdienstliche Behandlung wider. Am beeindruckendsten ist der Brief eines in Berlin verhafteten Betroffenen an den Reichsbischof Ludwig Müller vom Juni 1935: "Nachdem die Festgenommenen 12 und mehr Stunden in den Gängen der Geheimen Staatspolizei gestanden hatten, ohne daß man ihnen Gelegenheit gab, irgend etwas zu essen oder zu trinken, wurden sie entweder entlassen oder in das sogenannte 'Kolumbia-Haus'12 gebracht. Das hört sich vielleicht nicht besonders schlimm an, aber in Wirklichkeit brachen die armen Festgenommenen auf den Gängen der Geheimen Staatspolizei vor Schwäche zusammen, bekamen Herz­krämpfe, wurden ohnmächtig usw. Mehrere Stunden mit dem Gesicht zur Wand stehen zu müssen, ist schon eine Tortur, dann aber nicht einmal seine Notdurft verrichten zu dürfen, ist furchtbar. (Erst nach Verlauf von 6 Stunden durften die Festgenommenen die Aborte - unter Bewachung! - benutzen!) Ganz entsetzlich war die Behandlung der Festgenommenen durch die Angehörigen der SS (Adolf-Hitler-Standarte!), welche die Bewachung ausübten. Mit dem Fuß stieß man gegen die Schienbeine, schrie und tobte herum, als ob man Schwerverbrecher vor sich hätte, die sich renitent benommen hätten. (Dabei waren alle so eingeschüchtert, daß sie nicht ein Wort sprachen und allen Befehlen der Wachmannschaften nachkamen!)"13 Gleichzeitig mit der Razzia in Lokalen und Treffpunkten der schwulen Szene wurde eine Reihe von Homosexuellen anhand der seit dem Kaiser­reich bestehenden und in der Weimarer Zeit fortgeführ­ten "Rosa Liste" festgenommen.14
Aus einem Bestand von 5.800 Karteikarten wurde in Bayern "gegen 48 Päderasten, die als die am schwer­sten Belasteten ge­wertet werden mußten, ... Schutzhaftbefehl erlassen". Auf eine Anordnung aus dem bayerischen Innenmini­sterium sollten 48 der im Oktober 1934 in Schutzhaft genommenen Homosexuellen am 5. November 1934, also nach 16 Tagen, wieder aus der Haft entlassen werden.15 Offenbar hat sich die Lagerleitung des KZ Dachau dieser Anordnung widersetzt oder sie zumindest verschleppt. Die Gefangenen wurden erst in den Morgenstunden des 12. November 1934 entlassen.16 Der zuständige Regierungsrat führte verwaltungstechnische Erschwernisse, also fadenscheinige Begründungen an, die es den Untergebenen des Lagerkommandanten Eicke nicht ermöglicht hätten, die Entlassungen fristgerecht zu vollziehen. Offensichtlich wurde von seiten der Lagerleitung versucht, als Schikane gegen die Häftlinge die Entlassung möglichst lange hinauszuschieben.
Der Initiator dieser Razzia vom Herbst 1934 war offensichtlich der Führer des Gaues München-Oberbayern, Adolf Wagner. Er war mit dem Ergebnis nicht zufrieden und hegte Zweifel, ob die Polizeibehör­den mit allem Nachdruck bei der Sache gewesen seien. Von zahlreichen Dienststellen wurde Fehlanzeige gemeldet, im Fall von Aschaffenburg mit dem Hinweis, "daß sich die Personen, die nach § 175 bestraft sind ..., seit der Röhm's Revolte große Zurückhaltung auferlegen."17 Besonders die hohe Rate an Arbeitern unter den Festgenommenen lief Wagners Intention zuwider, mit dieser Aktion gleichzeitig einen Schlag gegen die Intellektuellen zu führen, da er der Überzeugung war, daß "wie allgemein bekannt diese Verirrung menschlichen Trieble­bens, hauptsächlich in den Kreisen der sog. Intelligenz und einer gewissen übersättigten Bürgerlichkeit verbreitet ist."18 Für den Fall einer eventuellen Wiederholung kündigte er größere Gründlichkeit und Bestimmtheit an. Möglicherweise ist der von Adolf Wagner so empfundene Mißerfolg der Grund dafür, daß ein Teil der Inhaftierten schon nach so kurzer Zeit wieder freikam. Auf jeden Fall sollte der Effekt einer Einschüchterungsmaßnahme mit abschreckendem Charakter erzielt werden.
Die Durchführung einer weiteren Razzia im Jahr 1936 mit Einlie­ferungen in das KZ Dachau, wie sie der ehemalige Dachau‑Häftling Hugo Burkhard beschrieb,19 kann anhand der Aktenlage noch nicht bestätigt werden.

AUSWEITUNG DER VERFOLGUNG DURCH DEN VERSCHÄRFTEN § 175

Die Intensität der Verfolgung der Homosexuellen war reichsweit uneinheitlich. Sie wurde von den einzelnen Gestapo-Leitstellen unterschiedlich gehandhabt. München als "Hauptstadt der Bewegung" galt als gefährliches Pflaster für Homosexuelle. Die Äußerungen des Gauleiters Wagner lassen auf eine hohe Verfolgungsmotivation schließen. Am 4. Juli 1934 hatte Adolf Wagner in der Folge des Röhm-Putsches auch die Führung der Polizeidirektion München übernommen und behielt sie fast zwei Jahre.20 Eine Koor­dination von Parteidirektiven und Exekutivgewalt war damit auf das vorzüglichste ermöglicht.
Über 100 der bislang ermittelten 595 Dachau-Häftlinge mit dem Rosa Winkel kamen aus München und Umgebung (nicht eingeschlossen sind die Opfer der Razzia, da Häftlinge, die vor dem April 1936 aus dem KZ Dachau entlassen wurden, nicht in der Häftlingsliste aufgenommen sind, die der Gedenkstätte vorliegt). Die Auswertung der Dachauer Häftlingsliste weist für München und Berlin bezüglich Geburts- und Wohnort der homosexuellen KZ-Insassen einen Spitzenplatz aus. Angesichts einer damals fünfmal geringeren Einwohnerzahl ergibt sich daraus für München eine entsprechend intensivere Verfolgung.
Im Einklang mit den Razzien wurde die systema­tische Erfassung von Homosexuellen in Rosa Listen vorangetrie­ben. Es dauerte nur wenige Monate, bis die Verfolgertätigkeit des Staates durch eine Strafgesetzbuchänderung gestützt wurde, denn mit der im Juni 1935 beschlossenen Verschärfung des § 175 wurde im nachhinein die juristische Grundlage für die seit der Machtübernahme 1933 geübte Verhaftungspraxis (mit anschließender Sicherungs­verwahrung) geschaffen. Der zu strafende Tatbestand "widernatür­liche Unzucht" wurde ausgeweitet. Der Fortfall des Begriffs "widernatürliche Unzucht" war von großer Bedeutung, denn bisher konnten nur "beischlafähnliche Handlungen" zwischen Männern verfolgt werden. In dieser Fassung blieb der Paragraph bis 1969 bestehen.
Im Zuge derselben Strafgesetzno­velle wurde am 28. Juni 1935 der sogenannte Analogieparagraph erlassen, der es jedem Richter überließ, nach dem "gesunden Volksempfinden" zu entscheiden und sich ohne weiteres über das geschriebene Gesetz hinwegzusetzen. Der § 175 war jetzt zu einem besonders gut einsetzbaren Strafverfolgungsmittel gegen mißliebige Kreise geworden, wie Jugendbünde, katholi­sche Kirche oder Wehrmacht. Die Anzahl der nach § 175 verurteilten stieg von 1933 bis 1938 um das zehnfache auf 8.500 im Jahr. Die ”Homosexuellenfrage” wurde zu einer politischen Frage stilisiert.
Die neugeschaffene ”Reichszentrale zur Bekämpfung von Abtreibung und Homosexualität” war seit 1936 unter der Leitung Josef Meisin­gers damit beschäftigt, den inkriminierten Personenkreis möglichst lücken­los zu erfassen. Nach vier Jahren Arbeit hatte die als oberste Polizeibehörde tätige Reichszentrale 41.000 Daten von Männern gespeichert, die als homosexuell bestraft worden waren oder als solche verdächtigt wurden.21
Ein Beispiel, das für viele individuelle Schicksale steht, soll den reibungslosen Informationsfluß zwischen den Verfolgungsbehörden des nationalsozialistischen Staates verdeutlichen. Der 32jährige Heinz F., Jurist, brach am Morgen des 18. September 1937 mit dem Auto zu einem Ausflug ins Gebirge auf. Mit einem Freund, dem zehn Jahre jüngeren Ernst Sch., fuhr er von München nach Berchtesgaden. Sie übernachteten gemeinsam in einem Gasthaus. In der Nähe von Rottach-Egern wurden sie in einen Verkehrsunfall verwickelt, bei dem ein Mensch zu Tode kam. Die Schuld wurde ihnen zur Last gelegt. Beide kamen in das Amtsgerichtsgefängnis von Miesbach. Nach genauer Durchsicht des Vorstrafenregisters wurde festgestellt, es handle sich bei F. "um einen aktenbekannten Homosexuellen, der bereits ... wegen Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sittlichkeit im K.L. Dachau untergebracht war."22 Sch. wurde als angeblicher "Strichjunge" identifiziert, der ebenfalls für fast zwei Jahre in Dachau inhaftiert war. Beide waren erst seit vier bzw. drei Monaten in Freiheit, sie hatten sich wahrscheinlich in Dachau kennengelernt und wollten jetzt ihre Freiheit genießen. Für den Beamten der Gestapo-Leitstelle München im Wittelsbacher Palais, Josef Gerum, war damit der Fall klar: "Es besteht der dringende Verdacht, nachdem Beide in einem Gasthaus in Bergen und zwar in der Nacht vom 19.9.37 übernachteten, miteinander die Unzucht ausgeübt haben." Gerum drängte darauf, daß F. sofort im Anschluß an das Strafverfahren wegen des Verkehrsdelikts in Schutzhaft ”verschubt” wird. Homosexuelle sollten möglichst rasch dem Polizeigewahrsam und damit den Möglichkeiten eines juristischen Verfahrens entzogen und in das Konzentrationslager überstellt werden. Der "dringende Verdacht" eines Beamten reichte aus, um ein neues Verfahren wegen Verstoßes gegen § 175 in die Wege zu leiten. Die Hauptverhandlung gegen F. wurde auf den 3. Februar 1938 anberaumt, dann verlor sich seine Spur, er hat wohl eine Gefängnisstrafe abgesessen, bis er im Herbst 1939 als KZ-Häftling auftauchte. Erneut begann eine Odyssee durch verschiedene Konzentrationslager: Buchenwald, Natzweiler, Sachsenhausen, wo er Anfang 1945 für den Einsatz in der Wehrmacht entlassen wurde. F. überstand das Ende des Krieges und lebt heute in hohem Alter in der Nähe von Hannover. Seine Erlebnisse wurden in Tonbandinterviews unter dem Pseudonym Rolf Tischler festgehalten, eine Zusammenfassung dieser Interviews wurde kürzlich publiziert.23
NS-Politiker, wie der Münchner Gauleiter Adolf Wagner oder sein Handlanger in der Gestapo-Leitstelle, Josef Gerum (von dem noch die Rede sein wird), benutzten nicht nur die politischen Gegner sondern auch die Gruppe der Homosexuellen, um sich innerhalb der Parteihierarchie zu profilieren. In einem Brief an die Polizeipräsidenten und Stapoämter vom Juni 1937 stellt Wagner fest: "In letzter Zeit mehren sich die Fälle der widernatürlichen
Unzucht nach § 175 RStGB. Es muß alles versucht werden, um dieses widernatürliche Laster mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auszurotten. ... Ich weise deshalb alle Polizeibehörden auf das bestimmteste an, jeden Einzelfall mit unnachsichtlicher Strenge zu verfolgen. Insbesondere genügt es nicht, nach der polizeilichen Vorbehandlung die Verbrecher den Gerichten zu übergeben. Soferne die Gerichte nicht von sich aus richterliche Haft verhängen, sind die Verbrecher regelmäßig bis zur gerichtlichen Aburteilung in Schutzhaft zu nehmen."24

ROSA-WINKEL-HÄFTLINGE – EINE KLEINE GRUPPE IM KONZENTRATIONSLAGER

Aufgrund von Kriegseinwirkung und Aktenvernichtung kurz vor der Befreiung sind Häftlingsdokumente nur bruchstückhaft überliefert. Die Häftlingskartei konnte aber zum größten Teil gerettet werden. Eine geschätzte Größe von 5.000 bis 15.000 Häftlingen mit dem Rosa Winkel in nationalsozialistischen Konzentrationslagern25 konnte bislang durch eine namentlich ermittelte Zahl von 3.723 Häftlingen erhärtet werden.26 595 von ihnen wurden zur Schutzhaft in das KZ Dachau verbracht. Nur Buchenwald und Sachsenhausen weisen höhere Zahlen aus. Die Zahl der Häftlinge nahm kontinuierlich zu. Ein erster Höchststand ist für September 1938 mit 81 homosexuellen Häftlingen erreicht worden, das waren 2,35 % der Gesamtzahl.27 Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der homosexuellen Häftlinge im KZ Dachau betrug 13,4 Monate. Anläßlich der vorübergehenden Schließung des KZ Dachau im September 1939 kamen von den verbliebenen 75 homosexuellen Häftlingen 11 nach Buchenwald und 64 nach Mauthausen. Fast ein Viertel der neueingewiesenen homosexuellen Dachau-Häftlinge wurde allein im Jahr 1942 ins Lager gebracht, ihre Höchstzahl betrug im September 1944 genau 174 Männer, das waren 0,32 % der Gesamtzahl;28 danach sank ihre Zahl aufgrund von Todesfällen und Transporten in andere Lager. Diese Zahlen machen deutlich, daß der Anteil der Rosa-Winkel-Häftlinge an der Gesamtzahl der Häftlinge im Verlauf der Kriegsjahre kontinuierlich abnahm. Angesichts der massenhaften Einweisung von Juden und Häftlingen aus den besetzten Gebieten waren sie zu einer verschwindenden Minderheit geworden. Nach Aussagen heute noch leben­der ehemaliger Häftlinge des KZ Dachau seien einzelne Homosexu­elle wohl wahrgenommen worden, aber die Gruppe der Homosexuellen in der Masse der Häftlinge nicht weiter aufgefallen.29
Xaver K., mit knapp 18 Jahren der Jüngste unter den homosexuellen Häftlingen in Dachau, wurde nach 15 Monaten Schutzhaft wieder entlassen. Dagegen hat Theodor Sch., der als 73jähriger aus Natzweiler nach Dachau transportiert wurde, die Haftzeit nicht überlebt. Er starb nach 9 Wochen Lagerhaft.
Von 97 Homosexuellen wissen wir, daß sie entlassen wurden, hauptsächlich noch in den 30er Jahren; die größte Entlassungsaktion fand am Führergeburtstag, den 20. April 1939 statt. Damit weist Dachau in der vorläufigen Statistik unter allen Konzentrationslagern die höchste Überlebensquote unter den Rosa-Winkel-Häftlingen auf (240 Befreite und Entlassene = 40%).
Eine Auswertung nach Berufen ergab, daß knapp die Hälfte aus dem Arbeiter- und Handwerkerstand kamen, ein Drittel Angestellte bzw. Kaufleute waren, die übrigen waren Akademiker, Künstler und im Öffentlichen Dienst beschäftigt. Fast alle sind deutsche oder österreichische Staatsbürger, was darauf hindeutet, daß nach Verfolgungsaktionen gegen Homosexuelle in den besetzten Gebieten keine Verhafteten nach Dachau gebracht wurden.

ANKUNFT IM LAGER - KONFRONTATION MIT DER HÄFTLINGSGEMEINSCHAFT

Das KZ zeigt sich dem Betrachter als ein System, in dem gleichzeitig völlige Rechtlosigkeit und strenge Disziplin herrschten. Die Häftlinge wurden mit einer Hierarchie konfrontiert, in der die Machthaber - seien es die Wachmannschaften oder korrumpierte Funktionshäftlinge - Gewalt skrupellos ausübten. Brutalität bis zum krankhaften Sadismus war an der Tagesordnung. In dieser neuen Realität galt es zu bestehen, um zu überleben. Die Überlebens­strategie hieß: sich anpassen, nicht auffallen, tun, was verlangt wird, um auf diese Weise Gunst und Vertrauen der Machthaber zu gewinnen. Der Wille zum Überleben erzeugte neue Hierarchien innerhalb der willkürlich zusammengewürfelten Häftlingsgemeinschaft. Wer mit dem Rosa Winkel auf der Brust diesen Mikrokosmos betrat, mußte in seine Überlebensstrategie nicht nur den Vernichtungswillen der SS einbeziehen sondern auch ein verständnisloses, ablehnendes und überwiegend unsolidarisches Verhalten der Mithäftlinge.30 Besonders die effeminierten Homosexuellen waren Zielscheibe des Spottes und der Gewaltausbrüche. Alois Louis Stadler beschrieb eine Szene, die sich 1933 im KZ Dachau zutrug: ”Ich erinnere mich dieser (homosexuellen) Häftlinge deshalb so lebhaft, weil sich unter ihnen ein junger Mann befand, den sie Olga nannten und jeder Kamerad, der zu dieser Zeit im Lager war, wird sich der Olga erinnern. Er, oder sie, die Olga, hatte nämlich außerdem eine schöne Frauenstimme und erfreute gleichermaßen Häftlingskameraden und SS mit Opernarien in Coloratursopran."31
Bei der Ankunft wurde den Neuankömmlingen in furchteinflößendem Tonfall ihre Situation der Rechtlosigkeit und tödlichen Bedrohung nahege­bracht. Körperhaare wurden abrasiert, Juden und Homosexuellen angeblich sogar die Schamhaare.32 Der Erstappell machte aus den Individu­en bloße Zahlen. Homosexuelle Häftlinge waren dabei einer besonders entwürdigenden Prozedur unterworfen. Häufig mußten sie ihrem Namen ein schwulenfeindliches Adjektiv voranstellen. Franz Ahrens, Häftling in Dachau von 1936 bis 1939, beschreibt eine Appellplatzszene, bei der ein neueingewiesener junger homosexuel­ler Häftling gezwungen wurde, vor allen Mithäftlingen sexuelle Praktiken zuzugeben. Der als Sadist berüchtigte Wachmann Kantschuster verhängte daraufhin willkürlich eine Strafe, die er selbst als Fremdenlegionär kennengelernt hatte: das sogenannte Krummschließen. Das war ein äußerst schmerzhaftes Mittel der Einschüchterung und Erniedrigung, bei dem die Häftlinge im Gefängnis, dem sogenannten Bunker, mit auf dem Rücken zusammen­gefesselten Armen und Beinen auf den kalten Zementboden geworfen wurden.33 Ein anderer Mithäftling beschreibt, wie ein neuangekom­mener Rosa‑Winkel‑Träger durch die Androhung der Kastration (die dann nur ein "fauler Witz" gewesen sein sollte) einen Nervenzu­sammenbruch erlitt.34
Pater Sales Hess erlebte eine Szene auf dem Appellplatz im KZ Dachau, die sich im September 1941 zutrug. Sie ist repräsentativ für die sadistische Behandlung der Homosexuellen: "Während die ersten aufgerufen wurden, fingen die rohen Kerle an, Mann für Mann auszufragen. 'Was hast Du angestellt?' 'Warum kommst Du her?' Einer kam wegen § 175. Er wurde nach allen Regeln geohrfeigt, mußte laut vor allen sein Delikt erzählen, genau beschreiben, was er gemacht und wie, dann fielen sie von neuem über ihn her und
gaben ihm Ohrfeigen und Fußtritte. Man konnte ihnen Wollust und Sadismus vom Gesicht lesen."35
Überraschend freizügig schildert Rudolf Höß, der spätere Kommandant von Auschwitz, seine sadistische Stimulanz, während er in Dachau zum ersten Mal bei einer Prügel­strafe zusah: "Zwei Mann aus der Truppe hielten Kopf und Hände fest und zwei Blockführer vollzogen, Schlag um Schlag wechselnd, die Strafe. Der Häftling gab keinen Laut von sich. Anders der zweite, ein starker, breiter Politischer. Schon beim ersten Hieb schrie er wild auf und wollte sich losreißen. Es blieb auch beim Schreien bis zum letzten Schlag, obwohl ihm der Kommandant mehrmals zurief, still zu sein. Ich stand im ersten Glied und war nun gezwungen, den ganzen Vorgang genau anzusehen. Ich sage gezwungen, denn hätte ich in einem hinteren Glied gestanden, hätte ich nicht hingesehen. Mich durchlief es kalt und heiß als die Schreierei begann. Ja der ganze Vorgang, schon beim ersten, ließ mich schaudern. Ich war später bei der ersten Exekution bei Kriegsbeginn nicht so erregt wie bei dieser körperlichen Züchtigung. Eine Erklärung hierfür kann ich nicht finden."36
Entsprechend der schon beim Eintritt ins Lager beschriebenen Abwertung der Gruppe der Homosexuellen, ist auch ihre Stellung in der Lagerhierarchie zu bewerten. Ein Überleben war den Häft­lingen nur durch solidarische Handlungen möglich. Diese Hilfe wurde aber meist nur Mitgliedern innerhalb einer spezifischen Häftlings­gruppe zuteil. Schwulen gelang es nur in ganz wenigen Ausnahmen die Stellung eines mit Privilegien ausgestatteten Funktionshäftlings einzunehmen, der etwa in der Schreibstube über erleichternde Arbeitseinsätze entscheiden konnte. Die Durch­sicht der originalen Häftlingskarteien beim Internationalen Suchdienst in Arolsen ergab, daß einige Rosa-Winkel-Häftlinge Kapos37 und Vorarbeiter wurden.38 Diese Angaben liegen der KZ‑Gedenkstätte Dachau aber nicht vor.
Vereinzelt finden sich in den Häftlingsberichten Hin­weise auf Akte der Solidarität der Mitgefangenen mit homosexuel­len Häftlingen. Franz Ahrens gibt für das Jahr 1936 ein Beispiel einer solchen solidarischen Handlung. Mitgefangene waren von einem Oberscharführer aufgefordert worden, zehn Minuten lang einen homosexuellen Häftling zusammenzuschlagen. Nach dieser Zeit wolle er wiederkommen und sich das Ergebnis ansehen. Doch von den umstehenden Häftlingen rührte keiner den Rosa‑Winkel‑­Träger an, der sadistische Auftrag wurde ignoriert. Die bedroh­liche Szene löste sich auf, als zum Antritt zum Arbeitskommando auf dem Appellplatz gerufen wurde.39
Die von den homosexuellen Häftlingen beim Empfang im Konzentra­tionslager erlittenen Qualen setzten sich im Verlauf ihres La­gerlebens fort. Ihr Verhaftungsgrund wird von den Peinigern des Verfolgungsapparates innerhalb der KZ‑Mauern, aber auch von den Mithäftlingen immer wieder zum Anlaß genommen, sich lustig zu machen, zu spotten, bis hin zur Ausführung gnadenlosen Terrors. Aus den Berichten der Mitgefangenen ist versteckte oder offene Abneigung herauszulesen. Ludwig Bendix, Häftling in Lichtenburg und Dachau, in Dachau von Februar bis Mai 1937, erzählte über einen homosexuellen Prinzen aus reichem Hause: "Der verweichlichte und verweiblichte Junge von Mitte der 20er Jahre führte nämlich von den reichen Einkünften seines ererbten Vermögens ein Parasitendasein.".40

ISOLIERUNG

Eine einheitliche Kennzeichnung durch den Rosa Winkel hat es, zumin­dest in den Anfangsjahren, nicht gegeben. Wann genau der Rosa Winkel eingeführt wurde, ist nicht bekannt. In den Deutsch­land­berichten der Exil-SPD heißt es 1936 zu Dachau: "In der Abteilung Homosexuelle tragen alle Gefangenen in großen Ziffern die Zahl 175 auf dem Drillichrock."41 Im Jahr darauf wird ihre Kenn­zeichnung mit roten Streifen und schwarzen Punkten beschrieben.42 Die
Angaben des ehemaligen Häftlings Alfred Hübsch stimmen mit diesem Bericht überein.43 Daß das rosa Dreieck größer als die andersfarbigen gewesen sei und somit leichter erkennbar, beschreibt nur ein einziger der ehemaligen Häftlinge.44 Das heißt, der Rosa Winkel ist in Dachau erst nach 1937 verwendet worden.
Der Lagerkommandant zur Zeit der ersten Homosexuellenrazzia war Theodor Eicke (bis Dezember 1934). Eicke fungierte ab Juli 1934 als Inspekteur aller Konzentrationslager. Von Eicke sind keine speziellen Anweisungen überliefert, in welcher Weise Homosexuelle oder andere ein­grenzbare Häftlingsgruppen zu behandeln seien. Das von ihm kommandierte Lager, das 1934 noch im nicht erweiterten Zustand ein Fassungsvermögen von 5.000 Häftlingen besaß, konnte mühelos den Häftlingstransport der Razzia vom 20./21. Oktober 1934 aufnehmen und isoliert unterbringen. Die Anweisung aus dem Innenministerium lautete: "Die Schutzhäftlinge werden in Dachau gesondert von allen übrigen Gefangenen in einer Baracke für sich untergebracht. Die Baracke ist auch in der Nacht hell erleuchtet. Ein ausreichender Wachdienst innerhalb der Baracke sorgt dafür, daß die Häftlinge während der Nacht sich einander nicht nähern können"45 Dies ist einer der ersten Hinweise auf Isolierung und lückenlose Überwachung einer Gefangenengruppe. Solche Maßnahmen wurden im Jahr 1933 nur bei der jüdischen Häftlingsgruppe angewandt. Nach demselben Schema, nur in weitaus größerem Umfang, wurden vier Jahre später die Opfer des Novemberpogroms in Dachau behandelt. Insofern ist die Homosexuellenaktion als eine Vorstufe, ein Testfall für die Perfektionierung des nationalso­zialistischen Lagersystems zu werten. Die Isolierung bot, wie Eugen Kogon feststellte, ”die ungehinderte Möglichkeit zu schamloser Erpressung, Mißhandlung und Vergewaltigung.”46
Im November 1934 ‑ also wenige Tage nach Einlieferung der bei der Razzia festgenom­menen Homosexuellen ‑ trat Rudolf Höß im Rang eines SS‑Unterscharführers als Block‑ und Rapportführer in die Wachtruppe des KZ Dachau ein. In seinen Lebenserinnerungen behauptete er, die Isolierung der schwulen Häftlinge sei auf seine Initiative hin geschehen. "Schon in Dachau waren die Homosexuellen, obwohl sie gegenüber Sachsen­hausen zahlenmäßig nicht ins Gewicht fielen, für das Lager ein Problem geworden. Der Kommandant und der Schutzhaftlagerführer waren der Ansicht, daß man sie am zweckmäßigsten im ganzen Lager auf alle Stuben verteilte. Ich war gegenteiliger Ansicht, da ich sie vom Zuchthaus her gut genug kannte. Es dauerte auch nicht lange, so kamen auch schon laufend Meldungen aus allen Blocks über homosexuellen Verkehr. Die Bestrafungen änderten daran nichts. Die Seuche griff um sich. ‑ Auf meinen Vorschlag wurden nun alle Homosexuellen zusammengelegt. Sie bekamen einen Stubenältesten, der mit ihnen umzugehen verstand. ... In ihrer Unterkunft wurden sie so überwacht, daß es zu keinem Verkehr kommen konnte..."47 Der eigentliche Befehl scheint von anderer Stelle gekommen zu sein. Möglicherweise hat Höß ihn in Dachau aber erst durchgesetzt. Auch die Deutschlandberichte der SPD sprechen von einer Isolie­rung homosexueller Gefangener. Im Dachau‑Bericht vom April/Mai 1937 heißt es: ”in der fünften Stube (der VII. Kompagnie) befinden sich
die wegen eines Vergehens gegen den § 175 Inhaftierten. Die sogenannten Hundertfünfundsiebziger werden nur zu Kiesarbeiten mit den Juden zusammen verwendet”.48 Ein nach dem Anschluß Österreichs nach Dachau gekommener Häftling spricht von einer eigenen Baracke der Homosexuellen, die noch eine Zeitlang beibehalten wurde.49 Diese Isolierung galt auch nach Kriegsbeginn. Die Baracken hatten nach dem Umbau des Lagers Dachau in den Jahren 1937‑1938 aber eine solche Größe erreicht, daß die Gesamtzahl der Homosexuellen sie nicht gefüllt hätte. Deshalb wurden Schwule nach 1941 in zwei einzelnen Stuben des Blocks 22 oder 24 zusammengelegt.50
Nicht alle Homosexuel­le sind in Dachau mit dem Rosa Winkel gekennzeichnet worden. Insbesondere die Homosexuellen, die im Rahmen der kriminalpolizeilichen Aktionen der "vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" festgenommen und in ein Konzentrationslager überwiesen wurden, sind häufig als "Berufs- oder Gewohnheitsverbrecher, Asoziale" oder "Sittlichkeitsverbrecher" jedoch nicht als Homosexuelle bezeichnet worden.51 Fast durchweg wurde dann in der Häftlingsliste der Eintrag "Polizeiliche Sicherungs­ver­wahrung" für die sogenannte Berufsverbrecher mit dem grünen Winkel vergeben. In der späten Phase des Lagers fand offenbar ein Abgleich zwischen den Schutzhaftbefehlen und der Häftlings­karteikarte statt. In 50 Fällen lautete dann der Eintrag "ab 15. Feb. 1945 Homo". Der betroffene Personenkreis war auf diese Weise lange Zeit von einigen Schikanen verschont. Karl M., heute 85 Jahre alt, gehörte zu diesen "Privilegierten" mit dem grünen Winkel. Nach seiner Erinnerung war sein wahrer Haftgrund dennoch bekannt gewesen.52

LEBEN IM LAGER

Die gegen Homosexuelle gerichteten Maßnahmen in der Anfangs­zeit der Konzentrationslager zielten auf eine Umerziehung ab und noch nicht auf die "Ausmerzung" oder den Einsatz als Sklavenarbeiter für die Kriegsmaschinerie. Die von den Verfolgungs­behörden vorgesehenen und im Konzentrationslager Dachau getrof­fenen Maßnahmen belegen dies. Auch in der Behandlung von Homosexuellen gingen von Dachau offenbar Maßstäbe aus, die mit der tief angesiedelten Stellung der Homosexuellen in der Lagerhierarchie korrespondieren. Als Stichworte sind hier zu nennen: Stigmatisierung mit dem Rosa Winkel, Isolierbaracken, lückenlose Überwachung, erschwerte Arbeitsbedingungen und verringerte Essensrationen.
Rudolf Höß war stolz darauf, daß die erschwerten Lebensbedingungen der Homosexuellen auf ihn zurückzuführen seien. Mit Genugtuung schrieb er in seinen Lebenserinnerungen: "sie wurden geson­dert von den anderen Häftlingen zur Arbeit eingesetzt. So zogen sie lange Zeit die Straßenwalze. ... Mit einem Schlag war die Seuche erloschen. Wenn auch ab und zu noch dieser widernatürli­che Verkehr stattfand, so waren es doch vereinzelte Fälle."53 Der Befehl hierzu wurde schon gleich nach der Razzia im Herbst 1934 in der Anweisung des Innenministe­riums formuliert: "untertags werden sie ganz besonders zu körperli­cher Arbeit herangezogen. In der ersten Zeit ist beab­sichtigt, sie auch in der Kost etwas kürzer zu halten, sodass ein gewisser Erfolg dieser Erziehungsmassnahmen zu erwarten ist."54
Natürlich "gesundete" keiner der zu schwersten Arbeiten an der Walze oder in der Kiesgrube gezwungenen homosexuellen Häftlinge - im Gegenteil: sie ruinierten ihren Körper, wurden verhöhnt und geschlagen, hatten keine Gewißheit, jemals wieder frei zu kommen und bekamen von Mitgefangenen statt Trost den Vorwurf, an ihrem Schicksal selbst Schuld zu sein. Die Folge war ein extremer Rückzug, ein Abkapseln, das sie aber noch stärker zu Opfern der SS-Willkür machte.
Gelegentlich sind Homosexuelle auch in Außenlager des KZ Dachau gekommen. In welchem Ausmaß dies geschehen ist, ist aufgrund des Fehlens der Angaben über den Einsatz der Häftlinge in Außenlagern nur schwer zu rekonstruieren. Die im Verlauf des Zweiten Weltkriegs festzustellende Wandlung der Konzentrationslager zu einem Menschen­reservoir zur Unterstützung der Kriegsindustrie ist auch in Dachau nachvollziehbar. Es entstand nach 1942, besonders aber nach 1944 eine Vielzahl von Außenlagern mit einem gesamten Häft­lingsbestand von weit über 30.000 zum Zeitpunkt der Befreiung. Die größten von ihnen ‑ Landsberg‑Kaufering, Mühldorf und Mün­chen‑Allach ‑ dienten der Rüstungsproduktion. In einem 1981 veröffentlichten Interview mit Herrmann R. - somit der erste veröffentlichte Bericht eines homosexuellen Dachau‑Häftlings ‑ ist von einer gezielten Aussonderung tschechischer, politischer und homosexu­eller Häftlinge bei ihrer Ankunft 1944 auf dem Appellplatz in Dachau die Rede. Die kleine Gruppe wurde weggeführt, mit einer Häft­lingsuniform eingekleidet und danach in das Außenlager Landsberg gebracht.55 In unterirdischen Bunkern der Dynamit AG wurden, wie R. berichtet, Granaten fabri­ziert. Er allerdings wurde auf dem Militärflugplatz von Lands­berg zum Zuschütten von
Bombentrichtern eingesetzt. Homosexuelle Häftlinge waren ebenso wie die Häftlinge mit anderen Winkelfar­ben den mörderischen Lebens‑ und Arbeitsbedingungen der Außen­lager ausgesetzt. Eine Lagerstandsmeldung vom 8. April 1945 zeigt, daß von den 98 homosexuellen Häftlingen 74 im Hauptlager und 24 in den Außenkommandos eingesetzt waren.56
Karl M., homosexueller Häftling mit zeitweise grünem Winkel, dessen Leidensweg 1941 in Dachau begann und über Groß-Rosen und Flossenbürg nach Natzweiler führte, schilderte seinen Einsatz im Steinbruch in Groß-Rosen, wo er zusammen mit anderen Häftlingen ”in der Grube” die Lore geschoben hatte. Wieder zurück in Dachau erreichte es M., in das Außenkommando Allach zu BMW zu kommen und dort nach einiger Zeit als Hilfskapo die Essensausgabe vornehmen zu können. Die Häftlinge waren dort ungeschützt der ständigen Bedrohung durch Luftangriffe ausgesetzt gewesen. M´s Verhaltenstaktik für das Überleben im Lager war zu ”schauen, daß du dich irgendwie mit den Kapos gutstellst. Dann kommst du durch.” Der Tod der Mutter (die letzte Familienangehörige, keine Geschwister) wurde ihm militärisch knapp mitgeteilt. Die Möglichkeit einer Sondergenehmigung, für die Beerdigung das Lager zu verlassen, bekam er nicht.57
Prinz Leopold von Preußen, der von seiner Familie wegen des Zusammenlebens mit einem Mann denunziert und im Mai 1944 unter der offiziellen Anschuldigung ”Abhören feindlicher Sender” verhaftet wurde, kam zusammen mit seinem Freund im Oktober 1944 nach Dachau.58 Er infizierte sich mit Diphterie und wurde ins Revier gebracht. Nach sechs Wochen Ernährung mit wässerigem Ersatzkaffee, einem Stück Brot und hin und wieder Marmelade, sowie Mittags einer Wassersuppe, sank sein Körpergewicht von 75 auf 43 Kilo. Leopold und sein Lebensgefährte, die später das Privileg hatten, als Helfer im Offizierskasino zu arbeiten, waren dort wegen ihrer Homosexualität ständigem Spott ausgesetzt. Kurz vor der Befreiung des Lagers wurden sie zusammen mit anderen hochrangigen Dachau-Häftlingen auf den Prominenten-Transport nach Südtirol gebracht, wo sie befreit werden konnten.
Willi Eifler, Dachau‑Häftling von 1938‑1945, beschreibt eine Szene auf dem Block 6, die wohl zu Weih­nachten oder Silvester 1941 stattfand. Die Häftlinge hatten, da sie unbeaufsichtigt waren, eine Feier organisiert und auch "sei­dene Frauenkleider" zum Tanzen verwendet. Die Feier, ein kleiner Lichtblick im trostlosen Lebensalltag der Häftlinge, wurde ver­raten. Bei der Vernehmung lautete dann der Vorwurf, der dazu dienen sollte, Eifler von seiner Stellung als Funktionshäftling abzuberufen, daß wegen des Tanzens wohl Homosexualität im Spiel sein müsse.59
Nirgendwo sonst war eine so große Anzahl von ausschließlich Männern auf so engem Raum zusammengepfercht, wie im Konzentrationslager. Zum Vergleich: die Einwohnerzahl des heutigen Dachau (ca. 35.000) lebte in der Schlußphase des Lagers auf einem Terrain von 300 x 500 Metern. Gemeinschaftliche Sexualität - wenn aufgrund des miserablen körperlichen und seelischen Zustands überhaupt ein Bedürfnis danach bestand - war nur kontrolliert und kontingentiert in dem im Mai 1944 geschaffenen Lagerbordell möglich.60 Die Bereitschaft zu gleichgeschlechtlicher Sexualität war verbreitet, wie schon von Eugen Kogon und anderen als ”ortsgebundene sexuelle Aktivität” erwähnt.61 Entsprechend den hierarchischen Strukturen der Häftlingsgemeinschaft wird eine Rangordnung geschildert, nach der junge Mithäftlinge nach ihrem äußeren Reiz ausgesucht werden durften (sog. Polenjungen). Derartige Beziehungen schienen sich über Monate hinweg entwickeln zu können und wurden offenbar in manchen Fällen auch von der SS geduldet. Meistens hatte die Entdeckung eines solchen Verhältnisses aber zu schweren Strafen geführt. Homosexuelle mit dem Stigma des Rosa Winkels dürften sich bezüglich ihrer Sexualität extrem zurückgenommen haben. Sie mußten noch härtere Strafen befürchten, da sie als "unverbesserliche Rückfalltäter" mit Haftverlängerung und sadistischer Bestrafung zu rechnen hatten.
Einige Male werden von heterosexuellen Mitgefangenen Eifersuchtsszenen im Homosexuellenblock geschildert. Alle diese Anmerkungen klingen aber sehr pauschal, dem Nazi-Jargon folgend und möglicherweise von einem gewissen Neid initiiert. Mit den Konzentrationslagern hatten die Nationalsozialisten jedenfalls einen Ort geschaffen, an dem von Vertrauen gespeiste Zuneigung nicht mehr möglich war. In der von David Rousset in Buchenwald geschilderten Szene "Le desir meme est corrompu" hat die liebevolle Begegnung zweier Männer inmitten einer vom mörderischen Überlebenskampf geprägten Umwelt etwas Unwirkliches, fast Gespenstisches.62 Wer beim sexuellen Zusammensein mit einem anderen Mann entdeckt wurde, mußte mit dem Tod rechnen. Der seit Juli 1933 als jüdischer Häftling in Dachau eingesperrte Hugo Burkhard beschreibt eine solche Szene,63 wobei unklar ist, ob es sich um Häftlinge mit dem Rosa Winkel handelte. Mithäftlinge hatten das Paar verraten.
Mindestens 103 Homosexuelle sind in Dachau gestorben.64 Der erste Tote war der aus München stammende Rudolf P. Er starb am 28. August 1937 nach vier Monaten Aufenthalt in Dachau mit 50 Jahren. Die Ursache ist unbekannt. Die Überlebenschance sank mit zunehmendem Alter. Fast die Hälfte der Todesfälle ist für das Jahr 1942 zu verzeichnen. Regelrechte Vernichtungsaktionen wie im KZ Sachsenhausen oder Buchenwald sind für Dachau nicht überliefert. 17 nicht mehr arbeitsfähige Homosexuelle sind als Invalide zu den Transporten nach Schloß Hartheim aussortiert worden. Vielleicht haben sie gehofft, dort in einer Krankenstation wieder zu genesen. Sie sind nach wenigen Tagen vergast worden, wie hunderte anderer Häftlinge. Annähernd 300 mal wurden Homosexuelle von Dachau in ein anderes Lager überführt, die meisten nach Mauthausen oder Buchenwald. Die Todesrate war dort, bezogen auf die Homosexuellen, noch höher als in Dachau (jeweils ca. 25 %). Umfangreiche Deportationen von jeweils 10 - 15 homosexuellen Häftlingen von Dachau in andere Lager gab es am 16. August 1940 nach Mauthausen, am 10./11. Dezember 1940 nach Buchenwald, vom 3. bis 8. April 1941 nach Ravensbrück, am 5. Juli 1941 und 19. September 1942 nach Buchenwald, am 11. Januar 1944 nach Majdanek (wo fast alle gestorben sind), am 24. August 1944 nach Flossenbürg und am 22. Oktober 1944 nach Neuengamme.

DOPPELTE STIGMATISIERUNG: JÜDISCH UND HOMOSEXUELL

Besonders brutal behandelt wurden homosexuelle Häftlinge, wenn zu ihrer sexuellen Orientierung noch die Zugehörigkeit zu einer weiteren verfolgten Minderheitengruppe hinzukam. Fast alle der homosexuellen jüdischen Häftlinge Dachaus sind nach Buchenwald deportiert worden. Die eine Hälfte wurde dort umgebracht, das Schicksal der anderen Hälfte ist unbekannt. Nur von einem einzigen homosexuellen jüdischen Dachau-Häftling, dem bei der Befreiung 31jährigen Paul G. aus München, ist das Überleben bekannt.
Der Akademiker und Besitzer einer Weinhandlung, Leopold Obermayer aus Würzburg, geboren am 10. Mai 1892, war Jude und homosexuell. Obermayer geriet im Herbst 1934 in die Fänge des Würzburger Gestapo‑Dienststellenleiters Josef Gerum. Gerum witterte ein leichtes, weil wehrloses Opfer. Dank der unversehr­ten Überlieferung von Obermayers Gestapo‑Akte konnte der Fall dieses mutig um sein Recht kämpfenden promovier­ten Juristen entdeckt und aufgearbeitet werden. Die präzise Aufhellung des Zusammenwirkens von Bayerischer Politischer Polizei bzw. Gestapo und der von ihr unter Druck gesetzten Justiz sowie den national­sozialistischen Presseorganen ist in der Literatur ausführlich behandelt worden.65 Hier soll der von Obermayer selbst verfaßte Bericht über seine Zeiten der Lagerhaft in Dachau dargestellt werden.
Leopold Obermayer war Schweizer Staatsbürger, sein Paß ist heute noch in der Verfolgungsakte zu sehen. Er leistete seinen Militärdienst im schweizer Heer. Seinen Lebensmittelpunkt hatte er aber in Würzburg. In seinem Auftreten wirkte er selbstbewußt, hochintelligent und mutig auf sein Recht pochend. Als er im Herbst 1934 bemerkte, daß seine Post geöffnet wurde, beschwerte er sich wegen Verletzung des Briefgeheimnisses bei der Polizei. Josef Gerum ließ ihn daraufhin verhaften und warf ihm Spionage und Verbreitung von Greuelnachrichten vor, zudem sei ihm schon länger aufgefallen, daß Obermayer ”immer sehr große Taschen mitnahm” und häufig ver­reiste. Im nachhinein wurde zur Formulierung des Schutzhaft­befehls ein illegaler KPD-Kontakt erfunden. Obermayer wurde daraufhin in Würzburg und München verhört und ins Polizeigefäng­nis geworfen. Als der Tresor seiner Bank geöffnet wurde, kamen Aktfotos junger Männer zum Vorschein. Die Politische Polizei sah sich in ihrer Verfolgertätigkeit bestätigt und erhoffte sich jetzt die Nennung weiterer Namen. Bei einer Wohnungsdurchsuchung wurde der gesamte Briefwechsel mit dem weitläufigen Freundeskreis durchgesehen und eine ganze Reihe seiner Bekannten geriet in das Fangnetz der Polizei. Einige von ihnen sind in Konzentrationslager gebracht worden.
Josef Gerum setzte eine Diffamierungskampagne gegen Obermayer in Gang. Die in Würzburg erscheinenden Mainfränkischen Zeitung schrieb am 7. November 1934 in schrillen und inhaltlich nichts­sagenden Parolen: ” Er ist von jener gemeinen Veranlagung, die Mediziner Päderastie nennen und die der Volksmund mit anormal oder – nachsichtiger ausgedrückt – mit unglücklicher Veranlagung bezeichnet... Nun sind wir ihm auf der Spur. Wir wissen, daß wir in diesem Juden ein gemeinge­fährliches Individuum aufgespürt haben, das verdient hätte, auf eine andere Art und Weise gestraft zu werden, als durch eine humane Inschutzhaftnahme.” Da Obermayer aufgrund der bisher erfahrenen Behandlung ahnte, welche lebensbedrohlichen Folgen die willkürliche und ungesetzliche Inhaftierung für ihn nach sich ziehen konnte, versuchte er durch die Erstattung einer Straf­anzeige gegen sich selbst ein Untersuchungsverfahren in Gang zu setzen. Zu den Gerichten hatte er Zutrauen, es war das Gebiet, auf dem er sich auskannte. Der Vollzugsbeamte zerriß jedoch das Schreiben mit der Bemerkung ”Sie werden doch nie zu ihrem Recht kommen.”
Da Obermayer bei den Verhören keine verwertbaren Aussagen machte, wurde er - ohne daß eine Anklage erhoben und ein Verfahren gegen ihn eingeleitet worden wäre und ohne daß er die Möglichkeit gehabt hätte, seinen Anwalt zu sprechen, in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Josef Gerum fuhr ihn am 12. Januar 1935 höchstpersönlich dorthin. Der Lagerkommandant Deubel drohte ihm gleich beim Empfang, daß jeder Widerstand mit der Waffe gebrochen werde.
Für Obermayer begann nun eine neun Monate, bis zum 26. September 1935 dauernde, Zeit von Folter, Dunkelhaft, unzureichender Ernährung, Hygiene und medizinischer Versorgung, von Verhören, üblen Beschimpfungen, Todesdrohungen und der Ungewißheit, den Ort jemals wieder verlassen zu können. Von Anfang an wurde er im Kommandanturarrest festgehalten. Er beschrieb die Zelle als verliesartigen Raum von fünf Metern Höhe mit einem weit oben angebrachten kleinen Fenster. Die Ausstattung bestand aus ”Holzpritsche mit Strohsack und 2 Decken, Holzschemel, Wasser­kanne, Schüssel, Seife, Handtuch. Kein Spiegel, keine Zahnbürste, kein Kamm, keine Bürste, kein Tisch, kein Buch vom 12. Januar bis zu meinem Weggang am 18. September; keine Zeitung vom 12. Januar bis 17. August; kein Bad und keine Brause vom 12. Januar bis 10. August; kein Verlassen der Zelle, abgesehen von Verhören vom 12. Januar bis 1. Juli ...” Über Monate wurde Obermayer bei reduzier­ter Kost in Dunkelarrest gehalten, einmal, weil er Papier und Briefkuvert, das sein Anwalt ihm geschickt hatte, zu einem Brief an das Schweizer Konsulat zu nutzen suchte, ein andermal, weil er sich über die unmenschliche Behandlung zu beschweren wagte. Doch auch in der ”normalen” Arrestzelle herrschten menschen­unwürdige Bedingungen: ”Ab 1. Mai bis 15. Mai in Zelle 1. Ganz klein, neben der Pritsche ½ m Platz zum Stehen, vor der Pritsche kaum 1 m, Zellenfläche wohl 3 x 1,5 m. Fenster nur 2 – 3 cm zu öffnen! Und dazu seit 12. Januar ohne Bewegung außerhalb der Zelle oder im Freien! Keine Sonne, ich friere, da den ganzen Winter über nur Drillichhose. Immer Hunger! Immer Herzbeschwerden und Schlaflosigkeit! Tag für Tag, Woche für Woche, Monat um Monat verrinnt! Ich bitte immer und immer wieder um Lektüre. Genauso, als ob ich Tauben etwas sagte. Ich flehe um mehr Essen, käufliche Zukost oder Brot! Umsonst. Auch Unterhuber gibt mir zu dieser Zeit nur halbe Portionen. Am 4. Mai früh soff Unterhubers Hund, ein Dobermann, aus meiner Wasserkanne, die vor der Zelle zum Füllen stand. Reklamation nutzlos, mußte mich später aus Ekel wiederholt erbrechen ...”
Verhöre in den Büros der Kommandantur waren häufig mit Körperverletzung verbunden. Obermayer beschrieb eine solche Vernehmung: ”Am 15. Mai wieder zum Verhör gerufen. Vor und bei dem Hinüberfahren in die Kommandantur zwei kräftige Ohrfeigen und Faustschlag ins Gesicht, daß mir der Kopf brummt, durch Lang. Grund: ich hatte mich nicht genau senkrecht gegenüber der Tür zum Wärterzimmer aufgestellt, ferner glaubte Lang bei mir einen noch nicht abgegebenen Bleistift gesehen zu haben. Verhör: Beim Hinsetzen sagte ich, daß ich der Polizei jede Aussage verweigere. Darauf sagte der verhörende Beamte: ´Warum sehen Sie mich so zynisch an?´, Bums, schlug er mir ins Gesicht. Ich fuhr natürlich vom Stuhl auf. Dann fiel er nebst Lang über mich her und sie verprügelten mich, wobei Lang noch seinen Revolver zog und auf mich anlegte. Ich sauste zur Türe und wurde dann abgeführt.”
Der von vielen Häftlingen praktizierte Grundsatz, daß das Leben im Lager durch ein angepaßtes und unauffälliges Verhalten gegenüber der Wachmannschaft am besten zu ertragen sei, kam für Obermayer nicht in Frage. Mit einem ungebrochenen Rechtsempfinden und ohne Rücksicht auf seine Gesundheit klagte er immer wieder – freilich vergeblich – sein Grundrecht auf menschliche Behandlung ein. Insofern ist sein Fall wohl von beispielhaftem Mut, jedoch nicht repräsentativ für das Verhalten der Häftlinge. Obermayer bekam den unkon­trollierten Haß der SS auf beide Randgruppen zu spüren: ”Am 20. Mai kam älterer SS-Führer, Abzeichen Eichenlaub. Ich sagte ihm, daß ich am 15. Mai in Gegenwart des Lagerkommandanten blutig geschlagen worden sei. Er meinte: ´Ja, man geht eben jetzt wegen § 175 in Deutschland streng vor.´”
Die einzige Chance, der Außenwelt seine Situation mitzuteilen, sah Obermayer gekommen, als das Gerücht ging, daß eine aus­ländische Delegation das Konzentrationslager besichtigen werde: ”Ich suchte mich durch starkes Pochen an der Zellentür dem Oberführer Deubel bemerkbar zu machen. ... Nutzlos! Nur Lang kam wütend und kündigte mir Hiebe an – Wie ich später hörte, war es eine ausländische Kontrollkommission ... Nachdem die Kommission weg war, wurde ich in Zelle 22 zurückgeführt. Hier wurde ich von Lang und Dessloch, der seit Mitte Juni Dienst machte, in Gegenwart vom Verwalter Kantschuster aufs gemeinste mit Fäusten verprügelt, so daß ich in den nächsten Tagen am Oberkörper grüne und gelbe Flecken, Stechen auf der Lunge, Rippenschmerzen bekam und mir jede Bewegung weh tat. Lang drosselte mich am Hals, Dessloch zog dabei den Revolver um mich niederzuschießen, wenn ich die geringste Miene gemacht hätte, Widerstand zu leisten. ´Du Hund mußt verrecken, Du darfst nicht mehr lebend hier herauskom­men´ schrie Dessloch immer wieder!”
Am 23. September 1935 wurde Obermayer mit einem Sammeltransport von Dachau in das Würzburger Untersuchungsgefängnis gebracht, die Zentrale der Politischen Polizei hielt es für angebracht, ein Gerichtsverfahren einzuleiten, um nicht eine diplomatische Verwicklung mit der Schweiz heraufzubeschwören. Dieser Haft­wechsel ermöglichte Obermayer die Abfassung des Berichtes über die Haft in Dachau. Fassungslos hält er fest: ”Am 1. Oktober wird mir nach über 11 Monaten Haft, davon über 9 Monate im Dachauer Kerker des Konzentrationslagers, vom Untersuchungsrichter B. eröffnet, daß Haftbefehl wegen Vergehen gegen § 175 gegen mich erlassen sei. Dazu mußte ich also fast 11 Monate in der Schutz­haft der Politischen Polizei sein, bis man die Untersuchung gegen mich begann!” Es gelang Obermayer nicht, das Dokument seinem Rechtsanwalt zu übergeben. Es wurde einkassiert und ruht seither – in flüchtiger Schrift auf Butterbrotpapier – in seinen Gestapoakten. Mit allen Mitteln versuchte Gerum, an das Schrift­stück heranzukommen. Der Nachdruck, mit dem er den Bericht als ”Greuelnachrichten schlimmster Sorte” zu denunzieren versucht, deutet darauf hin, wie sehr er sich doch vor dessen Bekanntwerden fürchtete. Aus diesem Grund setzte er alles daran, die Justiz dazu zu bewegen, die Untersuchungshaft aufzuheben und Obermayer wieder zurück nach Dachau zu bringen. Nach zwei Wochen war ihm das
gelungen. Daß die Strafverfolgungsbehörde bereits einen großen Prozeß gegen die Personen anstrengte, denen eine intime Beziehung zu Obermayer unterstellt wurde, interessierte Gerum nicht. Ihm kam es allein auf die Vernichtung dieses einen Mannes an.
Über die zweite Haftzeit Obermayers in Dachau vom 12. Oktober 1935 bis 24. September 1936 sind wir weniger gut informiert als über die erste Inhaftierung. Aus dem Briefwechsel mit seiner Schwester und aus weiteren Beschwerdebriefen läßt sich jedoch ein unbeirrter Lebenswille schließen. Offensiv schreibt er aus Dachau an den Rat der Universität in Frankfurt am Main, nachdem ihm die Doktorwürde aberkannt worden war, daß es eine Reihe von Professo­ren und Rektoren gegeben habe, die aufgrund von Homosexualität rechtskräftig verurteilt worden waren, keinem von ihnen sei aber die akademischen Würden abgesprochen worden.
Nachdem die Schweizer Behörden an seiner Auslieferung kein Interesse zeigten und außerdem eine deutsche Staatsangehörigkeit bei ihm festgestellt wurde, war auch dieser Ausweg ausgeschlos­sen. Am 9. Dezember 1936 kam es schließlich zum Prozeß gegen Leopold Obermayer. Durch massive Beeinflussung der Justiz, durch den Rückzug seines Rechtsanwalts, dem die Sache offenbar zu heiß geworden war, durch den Ausschluß von neutralen (schweizerischen) Berichterstattern und durch eine extrem diffamierende Presse beeinflußt, hatte Josef Gerum mit Hilfe der Gestapo Berlin dafür gesorgt, daß es kein fairer Prozeß sein würde. Die Nürnberger Ausgabe des ”Stürmer” titelte im Dezember 1936 in ihrer 52. Ausgabe: ”Satan vor Gericht – Der Prozeß gegen den jüdischen Männerverderber Obermayer – Schauerliche Schandtaten eines echten Talmudjuden” – darunter die Karikatur eines Juden vor einer Weltkarte, die die Weltherrschaftspläne der Juden dem Volk in platter Nazi-Manier einhämmerte. Vier Tage nach Prozeßbeginn stand das Urteil fest: 10 Jahre Zuchthaus, zehn Jahre Ehrverlust und anschließende Sicherungsverwahrung. Bis 1942 blieb Obermayer Strafgefangener der Zuchthäuser Amberg und Waldheim in Sachsen. Dann wurde er einer Weisung über die Schutzhafteinweisung langjähriger Zuchthausgefangener zufolge in das berüchtigte Konzentrationslager Mauthausen überführt. Dort starb er am 22. Februar 1943.

MEDIZINISCHE VERSUCHE, STERILISATION UND KASTRATION

Zu den entsetzlichsten Kapiteln nationalsozialistischen Unrechts zählen die an den Häftlingen vorgenommenen medizinischen Versuche. In Buchenwald waren zahlreiche Homosexuelle Fleckfieberversuchen unterworfen, im Auftrag der Wehrmacht und der Pharmaindustrie.66 Spezifisch die Häftlingsgruppe der Homosexuellen wurde dort seit Beginn des Zweiten Weltkriegs zu Hormonversuchen ausgesucht. Ziel war es, ein Mittel zu erproben, um die sich gerne unter Soldaten ausbreitende "Volksseuche Homosexualität" wirksam zu bekämpfen. Dabei wurden den Opfern künstliche Sexualdrüsen einoperiert. Der Versuchsreihe des Dr. Vaernet sind mehrere Männer zum Opfer gefallen.67
Nicht weniger gefährlich verliefen die Sterilisa­tionen und
Kastrationen, die in den Konzentrationslagern an Männern mit dem Rosa Winkel durchgeführt wurden. Um die Freiwilligkeit zu diesem Eingriff, die nach den Bestimmungen des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses erforderlich war, zu gewährleisten, war den Häftlingen in Aussicht gestellt worden, nach der Entmannung eventuell aus der Vorbeugehaft entlassen zu werden. Daß dies in aller Regel aber nicht der Fall war, sondern heftiger Druck der SS-Ärzte für die Bereitschaft zur Kastration sorgte, beweisen Häftlingsaussagen.68 Die Tätigkeit der kriminalbiologischen Sammelstelle im Gefängnis München-Stadelheim, wo viele Kastrationen vollzogen wurden, konnte bislang noch nicht dokumentiert werden.
Nach Stanislav Zamecnik, einem tschechischen Dachau-Häftling, der als Helfer im Krankenrevier eingesetzt wurde, sind auch in Dachau solche Operationen durchgeführt worden, wohl aber nicht immer mit der gebotenen medizinischen Sorgfalt.69 Zamecnik nannte aus der Erinnerung einen Österreicher, Franz S., der als Homosexueller kastriert wurde. Franz S. wurde 1943 aus der Dachauer Lagerhaft entlassen und hatte später in Österreich eine hohe öffentliche Funktion. Seine Homosexualität ist nicht bekannt geworden. Ver­schiedentlich werden Kastrationen in Häftlingsberichten erwähnt, vor allem für die späteren Jahre.70 Eugene Ost, ein luxemburgischer Häftling, der als Helfer auf der Malariastation arbeitete, erwähnt einen homosexuellen Häftling (er nennt nur den Vornamen Max), der in Buchen­wald kastriert worden sei. Er kam nach dem Mai 1940 nach Dachau, trug den grünen Winkel der sogenannten Berufsverbrecher und wird als "großer, stämmiger Bayer aus München‑Pasing" beschrieben, der als "Mädchen für alles" für die SS‑Lagerärzte tätig war. Aufgrund der Kastration stellte sich ein ständiger Urinrückstau ein. Er wurde im Juli 1943 entlassen. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich beständig und Anfang der 50er Jahre starb Max an Urämie.71

LEBEN IN FREIHEIT?

Waren Homosexuelle schon während der Lagerhaft zu Parias geworden - ein jeder Mithäftling, der zu engen Kontakt zu ihnen hatte setzte sich der Gefahr aus, ebenso als schwul eingeordnet zu werden - so bedeutete für viele die Freilassung den Weg in die gesellschaftliche Ausgrenzung. Familie und alte Freunde wandten sich ab, der Entlassene wurde "von einem Teil der schwulen Bekannten gemieden".72
Wenn Homosexuelle aus dem Konzentrationslager Dachau entlassen wurden, galt für sie wie für alle anderen ehemaligen Mithäftlin­ge, über Monate hinweg eine strenge Meldepflicht. Das bedeutete im Einzelfall, der Auflage nachzukommen, sich jeden zweiten Werktag bei der Polizeibehörde zu melden. Aus den wenigen überlieferten Schutzhaftakten der Bayerischen Politischen Polizei bzw. Gestapo läßt sich schließen, daß homosexuelle KZ-Entlassene ungewöhnlich lange dieser Auflage nachkommen mußten. Der mit einem Schrift­steller befreundete K. R. bat fünf Monate nach der Schutzhaftentlassung bei höchsten Stellen um eine Aufhebung der strengen Meldepflicht. Aber erst nach drei weiteren Monaten erließ die Verfolgungsbehörde zähneknirschend die Auflage, obwohl K. R. mit seinem Verhalten bewiesen habe, "dass er in Freiheit belassen, in sittlicher Hinsicht eine grosse Gefahr für die heranwachsende Jugend bildet."73 Ähnlich lautet der Tenor in den Haftprüfungen bei Kilian A. Es sei ”grösste Vorsicht geboten, da er nach seinem Charakter bei seiner Freilassung um so leichter in sein altes Laster verfallen wird, weil ihm in dem Betrieb seiner Tante (Gastwirtschaft), zu deren Hausgemeinschaft er gehört, leichter die Gelegenheit sich bietet als anderswo. Die öffentliche Sicherheit wird in diesem Fall weiterhin gefährdet sein.”74 Der Großteil der Entlassungen fand in den Jahren bis 1939 statt. Die wenigen nach 1942 Entlassenen dürften überwiegend in eine der "Bewährungseinheiten" der Wehrmacht gekommen sein, wo ihr Leben nicht minder stark gefährdet war. Dennoch haben mindestens 143 Homosexuelle die Befreiung Dachaus erlebt. Zwei von ihnen starben
unmittelbar danach an den Folgen der Haft.
Der § 175, der einvernehmliche Sexualität zwischen erwachsenen Männern unter Strafe stellte, blieb in seiner 1935 verschärften Form noch bis 1969 in Kraft. Die Verfolgungsquote erreichte im Jahr 1959 einen neuen Höchststand von 8.737 neu gemeldeten Fällen in der Bundesrepublik Deutschland - das entspricht den Zahlen von 1938! Die Anzahl der für ihre Haftzeit in Gefängnissen und Konzentrationslagern entschädigten Homosexuellen ist verschwindend gering. Gelegentlich ist in Berichten zu lesen, daß homosexuelle KZ-Gefangene bald nach ihrer (vermeintlichen) Befreiung durch alliierte Kräfte wieder in ein Gefängnis kamen. Im Leistungsbericht des Polizeipräsidiums München für das Jahr 1948 heißt es: "160 Fälle von widernatürlicher Unzucht wurden gemeldet. 93 Personen wurden auf frischer Tat betroffen und vorgeführt. Darunter befanden sich 12 Ausländer."
Die Stimmung gegenüber den aus den KZ befreiten Homosexuellen in der Nachkriegszeit verdeutlicht ein Interview, das der englische Journalist Llew Gardner mit dem damaligen Dachauer Bürgermeister Hans Zauner geführt hat. So waren 1960 im Londoner "Sunday Express" folgende Worte des Stadtoberhauptes zu lesen: "Bitte, machen Sie nicht den Fehler und glauben Sie, daß nur Helden in Dachau gestorben sind... Sie müssen sich daran erinnern, daß viele Verbrecher und Homosexuelle in Dachau waren. Wollen Sie ein Ehrenmal für solche Leute?"

Dachauer Hefte 14 (1998): Verfolgung als Gruppenschicksal