Johannes Meerwald

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Johannes Meerwald / Spanische Häftlinge im KZ-Komplex Dachau (1940-1945) 

Deportation, Lagerhaft, Folgen

Das Schicksal der spanischen Häftlinge in den deutschen Konzentrationslagern ist noch kaum erforscht. Johannes Meerwald widmet sich dem Thema und untersucht in seiner an der Philipp-Universität Marburg verfassten Masterarbeit mit dem Titel „Spanische Häftlinge im KZ-Komplex Dachau (1940-1945). Deportation, Lagerhaft, Folgen“ die Geschichte der knapp 700 spanischen Häftlinge im KZ Dachau und seinen Außenlagern. Er fragt nach ihrer Herkunft und der Sozialstruktur der Häftlingsgruppe sowie nach den Motiven hinter der Politik der Nationalsozialisten, Spanierinnen und Spanier nach Dachau zu deportieren. Auch beleuchtet er die individuellen und kollektiven Erfahrungen der Häftlinge zwischen Deportation, KZ-Haft und Zwangsarbeit. Dabei liegen ein Fokus auf den Überlebensstrategien und ein weiterer auf den Lebenswegen der Spanier nach ihrer Befreiung.
Die SS deportierte Spanierinnen und Spanier in zwei Phasen in den KZ-Komplex Dachau. Etwa ein Viertel der Gruppe kam zwischen 1940 und 1942 aus Frankreich und über den Lagerkomplex Mauthausen/Gusen. Es handelte sich überwiegend um spanische Männer, die 1940 auf Seiten der französischen Armee gegen die Deutschen gekämpft hatten. Die Nationalsozialisten betrachteten die antifaschistischen Spanier als „unzuverlässige Elemente“ und verfolgten das Ziel, wie die Historie der Spanier in Mauthausen/Gusen belegt, sie letztendlich zu vernichten. 1943 und 1944 waren es hauptsächlich antifaschistische spanische Exilantinnen und Exilanten, die in den Widerstandsbewegungen des Maquis oder der Résistance gegen die deutschen Besatzer oder die Vichy-Kollaborateure gekämpft hatten und aus Gefängnissen und Lagern in Frankreich in das KZ Dachau verschleppt wurden. Äußerst grausame Bedingungen prägten die Transporte dieses Zeitabschnittes. Deutlich stellt dies der sogenannte Geisterzug unter Beweis, der knapp zwei Monate unterwegs gewesen war, ehe er Dachau am 28. August 1944 erreichte. In der Häftlingsgruppe befanden sich im August 1944 auch neun Frauen, welche die SS nach wenigen Tagen in das KZ Ravensbrück deportierte.
Im KZ Dachau und seinen Außenlagern hatten die Eingelieferten den roten Winkel für „politische Häftlinge“ zu tragen. Zahlreiche spanische Häftlinge mussten von 1943 an für die deutsche Rüstungsindustrie Zwangsarbeit leisten. Von besonderer Bedeutung war dabei das Außenlager Allach im Münchner Nordwesten, wo die SS rund 100 Spanier zur Arbeit bei den Bayerischen Motorenwerken (BMW) zwang. Dort, aber auch im Stammlager Dachau fanden sie Unterstützung durch Häftlinge, die zuvor im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republik gekämpft hatten. Die Interbrigadisten besetzten meist vorteilhafte Positionen und konnten so zahlreiche Spanier vor der Einteilung in harte Kommandos retten, die kaum Überlebenschancen boten, oder sie vor der Überstellung in ein Lager mit noch schlimmeren Lebensbedingungen bewahren. Dennoch starben im KZ Dachau und seinen Außenlagern mindestens 159 spanische Häftlinge an Hunger, Krankheiten und den Gewalthandlungen der SS.
Da die Franco-Diktatur auch nach 1945 fortwährte, konnten die Spanier nach der Befreiung des KZ Dachau nicht in ihr Heimatland zurückkehren. Mit Hilfe der französischen Armee trat der Großteil der Gruppe den Weg nach Frankreich an. Dort lediglich als Geflüchtete geduldet, trafen sie auf gravierende Schwierigkeiten, sich in das Leben im Exil einzufinden. Deshalb gründeten ehemalige Dachau-Häftlinge Interessensverbände, die sich für Entschädigungsansprüche einsetzten und sich gegen die franquistische Diktatur engagierten. Ein Teil von ihnen sah sich aufgrund der prekären Lage im Nachkriegs-Exil schließlich doch dazu gezwungen, nach Spanien zurückzugehen. Dort erwarteten sie Repressionen des franquistischen Regimes. Andere hingegen übersiedelten nach Süd- und Mittelamerika.
Johannes Meerwald, der mit seiner Masterarbeit Grundlagenforschung geleistet hat, stützt sich sowohl auf Erinnerungsschriften von spanischen Überlebenden und ihren Mithäftlingen als auch auf Täter-Quellen, darunter Überstellungslisten der SS und die in den Häftlingsakten enthaltenen Dokumente der Dachauer Lagerverwaltung. Eine Veröffentlichung seiner Studie ist geplant.

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Laudatio | Barbara Distel 

Laudatio

Sehr geehrte Freunde des Comité International de Dachau,
liebe Mitglieder der Jury des Stanislav-Zamecnik-Studienpreises,
Sehr geehrter Herr Meerwald, Preisträger des zweiten Wettbewerbs,
sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

ich möchte Sie im Namen der Jury dieses Wettbewerbs sehr herzlich zur – aufgrund der Corona-Pandemie verspäteten und noch immer nur auf diese Weise möglichen -Verleihung des zweiten Studienpreises begrüßen. Er trägt nun den Namen des tschechischen Dachau-Häftlings und Historikers Stanislav Zamecnik, dem Chronisten des Konzentrationslagers Dachau, und wird von der internationalen Vereinigung der überlebenden Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau, dem Comité International de Dachau, ausgelobt. Preisträger ist Johannes Meerwald, dessen Masterarbeit im Studiengang M.A. Geschichte der internationalen Politik der Philipps Universität Marburg zum Thema „Spanier im KZ Dachau (1940–1945). Deportation, Lagerhaft, Folgen.“ ausgezeichnet wird.
Bevor ich mit meiner Laudatio auf den Preisträger beginne, möchte ich an den Historiker Jürgen Zarusky erinnern, der vor drei Jahren die Laudatio für den ersten Preisträger gehalten hat und der inzwischen verstorben ist. Jürgen Zarusky war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Münchner Institut für Zeitgeschichte und lebte in Dachau. Er hat das Wissen um die Geschichte des Konzentrationslagers Dachau und seiner Opfer durch seine Forschungen entscheidend bereichert und sich immer für die Belange der ehemals Verfolgten eingesetzt.
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Die letzte statistische Aufzeichnung über Zahl und nationale Zusammensetzung der Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau stammt vom 26. April 1945 – das war drei Tage vor der Befreiung des Hauptlagers Dachau am 29. April 1945 durch Einheiten der US-Armee. An diesem Tag wurden für Dachau und seine Außenlager insgesamt 67 665 Häftlinge aus insgesamt 38 Nationen registriert. 14995 polnische Gefangene bildeten die größte nationale Gruppe, aber auch 269 Personen mit spanischer Staatsangehörigkeit waren verzeichnet.
Inzwischen sind 76 Jahre vergangen und es gibt nur noch wenige Überlebende die selbst über ihr Verfolgungsschicksal berichten können. Die seit dem Jahr 1945 gesammelten Zeugnisse, die das Fundament für die Weitergabe der Geschichte und der Bewahrung der Erinnerung bilden, sind jedoch nur Bruchstücke des Gesamtgeschehens. Unser heutiges Wissen über das Schicksal der über 200 000 Gefangenen, seien es Einzelpersonen oder Mitglieder einer nationalen Gemeinschaft oder einer speziellen Verfolgtengruppe, die in den Jahren 1933 bis 1945 ins Konzentrationslager Dachau verschleppt wurden, ist äußerst ungleichgewichtig. Es gibt individuelle Lebensgeschichten wie auch Gruppenschicksale, die gut erforscht sind wie auch solche, über die wir noch immer nichts oder so gut wie nichts wissen. Zu ihnen gehörten auch die etwa 700 spanischen Dachau-Häftlinge.
Nun hat Johannes Meerwald eine Studie über ihre Geschichte vorgelegt, die detailliert ihr spezifisches Schicksal nachzeichnet. Damit hat er historiographisches Neuland betreten. Denn bis dahin hatten nahezu ausschließlich die spanischen Häftlinge des Konzentrationslagers Mauthausen und dessen Außenlager Gusen einen Platz in der Erinnerung und das Interesse der zeitgeschichtlichen Forschung gefunden. In Mauthausen waren mit etwa 7000 Spaniern die größte Häftlingsgruppe dieser Nationalität in einem deutschen Konzentrationslager inhaftiert.

Johannes Meerwald beschreibt in chronologischer Reihenfolge Herkunft und Wege, auf denen spanische Staatsbürger nach Dachau kamen. Ihre Vorgeschichte unterschied sich von der Vorgeschichte Gefangener anderer Nationen, da ein großer Teil der Spanier in den Jahren vor ihrer Einlieferung im KZ Dachau bereits Verfolgung, Kampferfahrung und Entbehrung kennen gelernt hatten – sei es im spanischen Bürgerkrieg, sei es in französischen Internierungslagern oder im französischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Deshalb traf sie die Realität des deutschen Konzentrationslagers nicht völlig unvorbereitet.

Den breitesten Raum der Studie nimmt die Geschichte ihrer Haft im KZ Dachau und seinen Außenlagern ein. Wiederum abweichend vom Verhalten der Häftlinge anderer Nationen war ihr enger und solidarischer Zusammenhalt untereinander. Er führte dazu, dass den spanischen Häftlingen trotz ihres relativ geringen Anteils an der Gesamtzahl der Gefangenen vom Rest der Häftlingsgesellschaft Bewunderung, ja Hochachtung entgegen gebracht wurde. Dazu kam, dass ihnen von den bereits im Lager befindlichen ehemaligen Kämpfern der Internationalen Brigaden unterschiedlicher Staatsangehörigkeit, die der Kategorie „Rotspanienkämpfer“ zugeordnet wurden, Hilfe und Unterstützung zuteil wurde. Insbesondere die österreichischen Spanienkämpfer, die zumeist ebenfalls aus französischen Internierungslagern ins KZ Dachau deportiert worden waren und die mit 458 Häftlingen die größte Gruppe dieser Haftkategorie bildeten, halfen den Spaniern bei Sprachschwierigkeiten oder der Zuteilung in relativ geschützte Arbeitskommandos.
Ein großer Teil der spanischen Häftlinge wurde jedoch in eines der in den Jahren 1943/1944 für den Ausbau der Rüstungsindustrie entstehenden Außenlager weiter geschickt. Dort konnten sie zumeist nicht als Gruppe zusammenbleiben und die Überlebensbedingungen waren zumeist schlechter als im Hauptlager. In den letzten Monaten vor der Befreiung als die Sterberate in Dachau aufgrund der Überbelegung und einer Typhusepidemie dramatisch anstieg, waren die Spanier ebenso betroffen wie alle anderen Gefangenen.

Ein weiteres, bisher unbekanntes Kapitel der Geschichte der spanischen Häftlinge des KZ Dachau ist ihr Schicksal nach der Befreiung. Sie hatten gehofft, dass mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa auch die Diktatur Francisco Francos ihr Ende finden würde. Aufgrund dessen fortdauernder Herrschaft konnten sie jedoch nicht in ihr Heimatland zurückkehren. Die für die Rückführung der überlebenden Häftlinge in ihre Heimatländer zuständigen amerikanischen Militärbehörden wehrten sich gegen die Erlaubnis sie nach Frankreich ausreisen zu lassen, von wo aus sie zumeist deportiert worden waren. Dank der Unterstützung der französischen Überlebenden des KZ Dachau gelang einem großen Teil der Spanier dennoch die Ausreise nach Frankeich. Eine bedeutsame Rolle spielte dabei Edmond Michelet, der Sprecher der Franzosen im befreiten Dachau. In Frankreich erwartete die Spanier erneut ein Leben im Exil Sie hatten mit fehlender Anerkennung wirtschaftlicher Not und inneren Konflikten zu kämpfen. Es sollte noch einmal dreißig Jahre dauern bevor im Jahr 1975 mit dem Tod Francos die Diktatur in Spanien zusammenbrach und den überlebenden KZ-Opfern eine Rückkehr in ihre Heimat möglich war.
Aber auch dann dauerte es weitere Jahrzehnte bis in Spanien mit der Erforschung und Aufarbeitung der Geschichte der Diktatur und des Krieges begonnen wurde und eine öffentliche Debatte zum Schicksal der Opfer begann, das in den 1930er Jahren seinen Anfang genommen hatte und sich bis zum Tod des Diktators hinzog.
Eine Ausnahme bildeten die überlebenden spanischen Häftlinge des Konzentrationslagers Mauthausen, die immer aktiv in die österreichische Erinnerungspolitik eingebunden waren. Für sie und auch für Spanier, die in anderen Konzentrationslagern inhaftiert gewesen waren, ist die Gedenkstätte Mauthausen bis heute der zentrale Ort der Erinnerung. Im KZ Mauthausen war auch der junge spanische Fotograf Francisco Boix inhaftiert. Ihm ist eine große Sammlung von Fotografien zu verdanken, die er im Lager im Geheimen aufgenommen hat. Mit Hilfe von österreichischen Spanienkämpfern war es gelungen, diese Fotos aus dem Lager zu schmuggeln. Sie konnten unmittelbar nach der Befreiung sichergestellt und anschließend als Beweisdokumente genutzt werden. Boix dokumentierte auch die Tage der Befreiung fotografisch und er trat als Zeuge im Mauthausen Prozess in Dachau auf. Er starb 1951, erst dreißigjährig, an den Folgen seiner Haft im französischen Exil und es dauerte lange bis seine Bedeutung als Bild-Chronist Mauthausens erforscht und gewürdigt wurde.

Für die Arbeit in der Gedenkstätte Dachau waren es vor allem die ehemaligen Spanienkämpfer unter den österreichischen Überlebenden, die über die Spanier berichtet haben. Ich möchte Ferdinand Berger, Ferdinand Hackl, Hans Landauer und Herrmann Langbein namentlich nennen, die alle nach ihrer Befreiung an der Bewahrung der Erinnerung an die spanischen Opfer der spanischen und der deutschen Diktatur mitgewirkt haben.

Johannes Meerwald ist die Einbeziehung der bisher
unbekannten Quellen in spanischer Sprache in seine Studie zu verdanken. In seiner Schlussbetrachtung benennt er Desiderate zur Weiterführung der Forschung zu diesem Thema. Es wäre wünschenswert, dass seine Masterarbeit Grundlage dafür werden könnte.
Heute gratuliere ich Johannes Meerwald zu seinem wichtigen Beitrag zur Erforschung und Bewahrung des Erbes der Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau, der mit der Verleihung des Stanislav Zamecnik Preises gewürdigt wird.

Barbara Distel

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Rede General Jean-Michel Thomas, President des CID

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