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Rede anlässlich der Gedenkveranstaltung am 1. Mai 2022

 

 

 

 

General Jean-Michel Thomas, Präsident des CID

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Für das CID, das Internationale Dachau-Komitee, das mit dem Ziel der Einheit und des Friedens bei der Befreiung des Lagers vor 77 Jahren gegründet wurde, ist dieser Appellplatz des ehemaligen Konzentrationslagers ein Ort der Besinnung und des Gedenkens. Kein Podium für politische Stellungnahmen. Es ist jedoch unmöglich, nicht zu reagieren und unser schmerzliches Mitgefühl und unsere Fassungslosigkeit angesichts der Aggression gegen die Ukraine und der Verstöße gegen das Völkerrecht nicht zum Ausdruck zu bringen.
Es ist nicht meine Aufgabe, die zahlreichen und komplexen Ursachen dieses Krieges zu ergründen. Aber wenn er als bloße "Militäroperation" bezeichnet wird und seine Rechtfertigung in der "Entnazifizierung" eines Teils Europas besteht, ist es unsere Pflicht, gerade von diesem Platz aus unsere tiefe Empörung zum Ausdruck zu bringen.

 

 

 


kransUkraine

 

 
 
 Denn die Verwendung des Wortes „Entnazifizierung“ ist eine unzulässige Verfälschung und eine unerträgliche Beleidigung aller Opfer des Nationalsozialismus und des KZ-Systems, dessen Modell das KZ Dachau war.
Die Überlebenden, die heute anwesend sind, sind hier, um Zeugnis abzulegen. Und die Realität ist, dass neben den sowjetischen Kriegsgefangenen, von denen über 4000 in Hebertshausen ermordet wurden, auch Häftlinge ukrainischer Herkunft zusammen mit den Russen im KZ Dachau registriert wurden.
Nach Schätzungen des Archivs der KZ-Gedenkstätte waren von den 25.400 Menschen, die als Sowjetbürger inhaftiert waren, mindestens 65% wahrscheinlich sogar 75% Bewohner der Ukrainischen Sowjetrepublik. Sie alle waren mit demselben R auf ihrer gestreiften Kleidung gekennzeichnet.
Erinnern wir uns an dieses gemeinsame Leid, das gemeinsame Martyrium, und den gemeinsamen Kampf gegen den Nationalsozialismus bis zu seiner Ausrottung.
 
 
Der Ruf nach dem "Nie wieder" und nach einem Ende der Kriege war eine tiefe Sehnsucht, die von den KZ-Überlebenden bei ihrer Befreiung herausgeschrien wurde.
Trotz unvollständiger Fortschritte, wie man sieht, bleibt dieses Ziel immer aktuell und für die ganze Welt unumgänglich. Die traurigen Ereignisse, die wir erleben, erinnern manche daran, dass der Frieden ein prekäres, instabiles Gleichgewicht ist, das nicht ein für alle Mal erreicht wird, sondern unermüdlich angestrebt werden muss.
 
 

Wie können wir in bescheidenem Maße dazu beitragen?
Zunächst einmal durch die Suche nach Wahrheit und Objektivität Indem wir beispielsweise vermeiden, durch vorschnelle Instrumentalisierungen und Vereinfachungen abweichende Meinungen abzulehnen. Die "reductio ad hitlerum", bei der die Argumente eines Gegners disqualifiziert werden, indem sie systematisch mit Adolf Hitler in Verbindung gebracht werden, ist üblich, aber unwürdig. Der Nationalsozialismus darf nicht verharmlost werden. Dazu gehört auch, dass man die unbedachte Verwendung der Bezeichnung « Faschismus » unterbindet und zugleich jeglichen Totalitarismus beim Namen nennt.
 
 
 

Vor allem aber gibt es eine Aufgabe, die uns alle angeht und an der wir uns alle beteiligen können. Es ist die vom Internationalen Dachau-Komitee initiierte Mission, die nun von der Gedenkstätte Dachau und zahlreichen Vereinen und Gemeinschaften getragen wird. Es ist eine Pflicht, zu informieren, zu lehren, zu erklären, und unsere gemeinsame Geschichte mit ihren zahlreichen ethnischen, religiösen, nationalen, wirtschaftlichen und sprachlichen Aspekten unermüdlich verständlich zu machen.
Diese Vermittlungsarbeit ist eine wesentliche Aufgabe, ein unverzichtbarer Schritt, der bei allen, bei Jugendlichen wie bei Besuchern aus der ganzen Welt, fortgesetzt werden muss, um beim Aufbau des Friedens zu helfen.
Für diese Aufgabe sind die Bemühungen und Schritte der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und der bayerischen Staatsregierung für die Neugestaltung der KZ-Gedenkstätte Dachau ermutigend und vielversprechend. Danke für diesen richtungsweisenden Entscheidungen, wir sollten nicht nachlassen.
 

at The Crematorium today


Auf diesem von den Überlebenden vorgezeichneten Weg haben wir heute das Glück, dass drei von ihnen vor unserer gemeinsamen Andacht vor dem Mahnmal jetzt sprechen werden.
Ein Franzose, Jean Lafaurie, Vorsitzender des Freundeskreises von Eysses, dem Gefängnis, in dem die Widerstandskämpfer und viele spanische Gefangene rebellierten und erschossen oder nach Dachau verschleppt wurden;
Ein Italiener Mario Candotto, auch Widerstandskämpfer und heute sehr aktiv als Zeitzeuge
und ein Ukrainer, Borys Zabarko, Überlebende des Ghetto Scharhorod und Präsident der ukrainischen Vereinigung jüdischer ehemaliger Häftlinge der Ghettos und nationalsozialistischer Konzentrationslager. Er lebt in Kiew und musste fliehen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.