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boekernstKinder der Rückkehr – auch aus Dachau

„Trotz unterschiedlicher individueller Lebenswege, die von einer gesellschaftlichen Randgruppe im reaktionär-katholischen Klima Österreichs in die Mitte der Gesellschaft geführt haben, wirkt die Zusammengehörigkeit bis heute fort und führt zu regelmäßig wiederkehrenden Treffen: die „Kinderjause“ – das sind etwa 200 Personen, geboren zwischen 1939 und 1953“, erzählt Ernst Berger in einem Interview.

Was hatten ihre Eltern ihnen erzählt über die Zeiten des nationalsozialistischen Terrors und des Widerstands? Wie hatten sie ihre Rückkehr erklärt? Wie gingen sie mit dem Schweigen und Leugnen von Kriegsverbrechen in Österreich um? Wie erlebten die Kinder die nicht selten dogmatischen Einstellungen und Ideologien ihrer Eltern – angesichts des Kalten Krieges, des Aufdeckens stalinistischer Verbrechen, der Krisen in Osteuropa und der demokratischen Neuerfindung der österreichischen Republik? „Auf viele Fragen hatten wir nur spekulative Antworten“, begründet Ernst Berger seine Forschungsmotivation.

1938 marschierte die deutsche Wehrmacht in Österreich ein – es folgte der sogenannte „Anschluss“ an das Deutsche Reich. 80 Jahre später veröffentlichen Ernst Berger und Ruth Wodak mit Kinder der Rückkehr ein Buch bei Springer VS, in dem sie die Gruppe der „Kinderjause“ erstmals systematisch erfassen. Es geht um Kinder kommunistischer und teilweise jüdischer Eltern, die die Zeit des Nationalsozialismus überlebt hatten und nach Kriegsende aus Exilländern und Konzentrationslagern in ihre Heimat zurückgekehrt waren, um ein neues demokratisches Österreich aufzubauen. In diesem Kreis führten Berger und Wodak Interviews, um den Umgang mit der Geschichte der Eltern und der Weitergabe an die nächste Generation aus diskursanalytischer und psychotherapeutischer Perspektive nachzuzeichnen.

„Die meisten Gesprächspartner kennen nur wenig Einzelheiten über die Flucht und die Gefangenschaften ihrer Eltern“, fasst Ruth Wodak das Phänomen des „Erzählschleiers“ und der „Zeitlose Orte“ zusammen. Erzählungen über Flucht, Vertreibung, Exil und Haft seien vor allem durch Orte, nicht aber über genaue Zeitangaben erinnert worden. „Die meisten weisen eine erstaunliche Resilienz auf“, kommentiert Ernst Berger ein zweites zentrales Ergebnis. Trotz großer Rucksäcke voller Leid, Angst, Kampf, Verlust, Visionen und politischen Prinzipien, die sie von ihren Eltern mitbekommen hatten, schlugen sie kreative Lebenswege ein, erkämpften sich berufliche Perspektiven und ließen sich durch Ausgrenzungen und Diskriminierungen von ihren Zielen nicht abhalten. Ein Punkt überraschte die beiden Autoren besonders: Viele Befragte zeigten eine „Achillesferse“ in Form einer Erinnerung, die sie immer wieder fast wortgleich und verbunden mit großer Emotionalisierung ausdrückten. Dies seien „Tränenthemen“, in denen sich das Leidvolle und Furchterregende der Nazizeit verdichte. „Dieses Tränenthema und die zugehörige Erinnerung sind abgespalten“, erklärt Wodak. Es tauche nur bei bestimmten Anlässen auf, ohne sich anzukündigen.

„Die Kinder haben im Laufe ihrer Biografien von ihren Eltern klare politische und moralische Haltungen mitbekommen“, sagt Ernst Berger. Mit den Werten, sich für ein „Nie wieder“ und eine bessere Welt einzusetzen, wurde sehr unterschiedlich umgegangen. „So sind sie alle am Rand der Gesellschaft gestartet und in der Mitte gelandet, was Berufswahl und Lebensstandard betrifft“, fasst Ruth Wodak zusammen. Eine kritisch-linke, politische Positionierung behielten jedoch alle bei.

Professor Dr. Ernst Berger ist Kinderpsychiater, Psychotherapeut und Entwicklungsforscher. Professor Dr. Ruth Wodak ist Sprachsoziologin und Diskursforscherin.

Ernst Berger / Ruth Wodak
Kinder der Rückkehr
2018, 345 S., 36 Abb., davon 32 in Farbe
Hardcover € 49,99 (D) | € 51,39 (A) | sFr 51.50 (CH)
ISBN 978-3-658-20849-3
Auch als eBook verfügbar

 

Reflexionen über das Buch „Kinder der Rückkehr“

Eva Friedler

Das Buch „Kinder der Rückkehr“ hat für viele Kinder der 2. und 3. Generation von Eltern, die nach dem 2. Weltkrieg nach Österreich zurückkehrten Diskussionen ausgelöst.

Beschäftigt sich doch das Buch mit uns, sei es als Interviewte oder Betroffene.

Der Satz von Sonja Holtz-Arendse bei der Generalversammlung des CID 2018: „Wir sind doch alle eine Familie; wir haben doch alle die gleiche Geschichte“ fällt mir immer wieder ein. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher, ob das wirklich zutrifft! Aber als Konsequenz der Veröffentlichung des Buches zeigt sich, dass es für viele von uns tatsächlich so erlebt wird.

Es gab bereits Treffen von Betroffenen, die über viele Fragen, die im Zusammenhang mit diesem Buch stehen wie: waren wir in unserer Jugend, nach der Rückkehr der Eltern z.B. aus Dachau tatsächlich marginalisiert? Konnten wir unser Leben vom Rand in die Mitte gestalten? Es wird deutlich, dass unsere Eltern wenig bis gar nichts aus ihrer Zeit der Gefangenschaft erzählen konnten!

So wussten wir „Kinderjausenkinder“(Zusammenkünfte der Kinder der Rückkehr) auch wenig voneinander.

Offensichtlich ist es in anderen Ländern ähnlich, denn diese Auseinandersetzung mit der Geschichte unserer Eltern zeigt sich sowohl in vielen Veröffentlichungen als auch in Treffen der Nächsten Generationen.