Biographie Vladimir Feierabend

 

Vladimir age21 1945

Vladimir Feierabend


wird am 7. Juli 1924 in Prag als zweiter Sohn von Karel und Marie Feierabend geboren. Er ist noch nicht mal ganz 15 Jahre alt, als NS-Deutschland am 15. März 1939 die Tschechoslowakei besetzt und sie zum „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ proklamiert. Mit der Besatzung beginnen Terrorwellen, Verhaftungen und Verschleppungen der Bevölkerung.

 

 

 

 

 

Im Februar 1940 gelingt es seinem Onkel „Lada“ (dem Bruder von Marie), Ladislav Feierabend, einem engagierten Politiker, Mitglied der geheimen antinazistischen Widerstandsbewegung „politische Generalquartier“ durch den Balkan zu flüchten. Er erreicht Frankreich und geht nach London ins Exil, wo er Landwirtschaftsminister im Beneš Exilregierung ist.

Vladimir’s Vater wird dann durch die Gestapo verhaftet, denn er wird verdächtigt, Ladislav Feierabend bei seiner Flucht geholfen zu haben. Zuerst im Pankrac-Gefängnis in Prag festgehalten, wird er dann in das Münchner Stadelheim-Gefängnis überstellt. Im März, sehr abgemagert, kann er nach Hause zurückkehren. Das Leben nimmt wieder seinen Lauf mehr schlecht als recht. Vladimir ist Gymnasiast und gibt dem Basketballtraining den Vorzug.
Im Mai 1942 wird ein Attentat auf Reinhard Heydrich verübt. Seine Familie ist Opfer von Vergeltungsmaßnahmen der Gestapo gegen alle tschechischen Familien, die im Ausland gegen die Nationalsozialisten kämpfen. Am 1. Juli 1942 gegen 15 Uhr klingelt die Gestapo an der Tür der Familie Feierabend und nimmt den 81jährigen Großvater zum Verhör mit. Vladimir bleibt zu Hause und macht seine Hausaufgaben. Eine Stunde später kommt die Gestapo zurück und weist ihn an, ihnen zu folgen. Die Gestapo schnappt ihn, sucht seine Tante, die nicht zu Hause ist, holt seinen älteren Bruder Karel aus der technischen Schule, wo er Unterricht hatte. Zum Sitz der Gestapo geführt, finden sie ihren Vater, Großvater und andere Leute wieder. Am Abend ist seine Tante mit anderen Personen auch mitgebracht. Am selben Abend werden sie alle nach Theresienstadt überführt.
Hier werden die Frauen von den Männern getrennt. Sie sind für schuldig befunden, die Existenz und Sicherheit des Volks und des Staates zu gefährden, werden verdächtigt, feindselige Aktivitäten zu entwickeln und gegen das Wohl des Reiches zu handeln. Sie sind etwa sechzig und müssen alte Militäruniformen anziehen, Haare und Bärte werden abrasiert. Sie sind dann in einer Zelle im dritten Hof der kleinen Festung zusammengepfercht. Pritschen, ein einziges Stehklosett sowie ein Wasserahn. Sie werden von Wanzen und Flöhen befallen und gestochen. Sie werden zur Arbeit verpflichtet. Der Großvater schält Erdäpfel in der Küche, sein Vater fegt die Höfe. Ab 5 Uhr in der Früh schuften Vladimir, sein Bruder und sein Cousin Mirek draußen, auf den Gleisanlagen, arbeiten mit Spaten, Äxten und dgl. Vladimir arbeitet auch in einer Wäscherei, gräbt ein Schwimmbecken aus, trägt Nahrungseimer für die Frauensektion und schleppt Zementsäcke.
Seine Mutter Marie, die drei Tage nach ihrer Familie verhaftet wurde, wird schließlich auch nach Theresienstadt überführt. Mit der Tante Hanna (Frau des Ministers im Exil) werden sie dann ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert.


Vladimir und die anderen Familienmitglieder werden nach einem mehrtätigen und sehr mühsamen Transport ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Sie kommen am 11. September 1942 an und werden registriert: Matrikelnummer 36176 für Vladimir, 36174 für seinen Vater Karel Feierabend. Matrikelnummer 36175 für seinen Großvater Karel Feierabend (1861-1945) und Matrikelnummer 36173 für seinen Bruder Karel Feierabend. Rasiert, mit Kreosol besprüht, nehmen sie ihre erste Dusche seit zwei Monaten. In blau-weißgestreiften Uniformen gekleidet werden sie im Block 15, Stube 3 unter Quarantäne gestellt. Es gab saubere Betten, Strohmatratzen, Kopfkissen und Decken. Nach Theresienstadt und ihrem fürchterlichen Transport nach Dachau ist ihr erster Eindruck positiv: „Im Vergleich zu Theresienstadt regierten in Dachau Ordnung und Sauberkeit, Das Lager war von den Häftlingen unter dem Befehl der SS selbstverwaltet“. „Wir mußten die Betten sehr ordentlich machen, ohne Falten, und falls es schlecht gemacht war, wurde uns das Frühstück entzogen.“ Nach drei Wochen wird er im Block 10, dem tschechischen Block überstellt. Vladimir arbeitet zuerst im Arbeitskommando Baulager II, wo er die Fundamente für ein Gebäude außerhalb des Lagers aushebt. Im Dezember wird er mit seiner Familie im „Bekleidungslager“ eingesetzt. Sie sind froh, nicht mehr in der Kälte und Feuchtigkeit zu arbeiten. Und noch dazu, wenn man in diesem Kleiderlagerraum arbeitet, kann man Socken, Handschuhe und dgl. „organisieren“. Anfang 1943 wird dann in die « Politischen Abteilung » als Schreiber verlegt. Diese „Politische Abteilung“ ist damit beauftragt, die Unterlagen für die Münchner Gestapo zusammenzustellen. Er kann Deutsch und hat noch dazu eine schöne Schrift - zwei Eigenschaften, die eine Chance und ein zusätzliches Mittel sind, während dieser drei Jahre zu überleben. Am Anfang füllte Vladimir von Hand die Namen und persönlichen Daten der Neuankömmlinge in den Gestapounterlagen aus. Im Jahre 1943 beginnt das Lager überfüllt zu sein, die sanitären Bedingungen verschlechtern sich. „Und es wimmelt von Flöhen. Wir können weder Wäsche noch Kleidungen wechseln.“ Er ist an Typhus erkrankt, hat hohes Fieber während mehr als in Monat. Es ist die kritischste Phase, die er im Lager übersteht. Er ist dem Tode sehr nah gekommen, obwohl er noch jung ist. „Aber es war schon so viele Jungen, die gestorben waren.“ Sein Vater, sein Bruder helfen ihm, bringen ihm etwas zu essen und tragen so zu seiner Genesung bei. Er ist wieder zur „Politischen Abteilung“ zugeteilt, wo er weiter damit beauftragt ist, die Neuankömmlinge zu registrieren, in dem er die Fragebögen in verschiedenen Sprachen (slawisch, deutsch, französisch usw.) ausfüllt. Er macht es von Hand, schreibt aber von nun an auch mit der Schreibmaschine. Das Büro, wo er gearbeitet hat, kann man im Museum in der Gedenkstatte noch sehen. Die Funktion, die er ausübte, hat ihn dazu geführt, ins Außenlager Kaufering zu fahren – selbstverständlich von SS -Posten begleitet. Er muß die jüdischen Frauen registrieren, die in diesem Lager im Jahre 1944 inhaftiert waren. In den Archiven der Gedenkstätte wird u.a. nachgewiesen, dass Vladimir Feierabend in Dachau im Block 20/II von Juli 1943 bis März 1944 und im Block 4/IV von August 1944 bis Februar 1945 inhaftiert war.


Der Vater und der Bruder von Vladimir werden im Effektenkammerkommando eingesetzt. Ein Glück, nicht mehr bei jedem Wetter arbeiten draußen zu müssen. In diesem Lagerraum im Wirtschaftsgebäude sortierte das Arbeitskommando die Kleidungen und Sachen, die bei der Ankunft im Lager beschlagnahmt wurden.
Der Großvater konnte nur durch die Solidarität der anderen Reviergefangenen überleben, besonders dank Heinrich Stöhr, dem Pfleger, der in der vierten Stube „eine Art von Zufluchtsort für einige bekannte Persönlichkeiten und gefährdete Häftlinge“ einrichtete. Von einer Lungenentzündung befallen, wird dieser Achtzigjährige von 1942 bis zur Befreiung im Revier versteckt. Die Solidarität der Pfleger und Mithäftlinge verhindern, daß er in einen Invalidentransport nach Hartheim selektioniert wird, um in diesem Schloß ausgerottet zu werden. Er ist der älteste Häftling, der am 29. April 1945 die Ankunft der amerikanischen Truppen erlebt. Im Archiv der Gedenkstätte findet man auch 13 Briefe der Familie Feierabend, die an Marie Feierabend gerichtet sind, die in das KZ-Lager Ravensbrück verschleppt wurde. Die Gedenkstätte hat Fotos von Vladimir mit anderen tschechischen Häftlingen bei der Befreiung. Am 29. April 1945 arbeitet Vladimir in der Baracke Nr.1. Er geht auf den Appellplatz hinaus. „Das war wie eine Lawine und ich war in dieser Lawine. Ich habe geschaut, geschaut und geschaut. Und ich war einfach glücklich.“ Die amerikanische Befreier und das internationale Komitee der Häftlinge führen die notwendigen Maßnahmen durch: die Ordnung und die Sicherheit gewähren, die Typhuskranken isolieren, pflegen, impfen, Läusedesinfektion. „Wir konnten atmen, waren glücklich, überlebt zu haben. Dank der US-Armee.“

Vladimir Feierabend
Im Chaos der Befreiung gelingt es seinem Bruder aus dem Lager wegzugehen und er ist der Erste der Familie, der nach Prag zurückkommt. Die Amerikaner organisieren Militärlastwagen, die die tschechischen Häftlinge bis nach Pilsen fahren. Vladimir Feierabend erreicht Prag am 22. Mai 1945 und trifft am folgenden Tag seine Mutter Marie und seine Tante Hana, die am 28. April 1945 aus Ravensbrück evakuiert wurden und die einen Monat lang zu Fuß gegangen sind, um bis zur tschechischen Grenze zu gelangen, wo ein Bus sie nach Prag fuhr. Sein Vater kehrt auch in einem amerikanischen Wagen am folgenden Tag nach Prag zurück. Sein Großvater, vollkommen entkräftet, aber am Leben, wurde von den Amerikanern ins Pilsener Spital gebracht. Vladimir holt ihn und bringt ihn nach Prag ins Vinohrady Krankenhaus, wo er trotz der medizinischer Versorgung am 6 Juni stirbt, fünf Tage nach seinem Rückkehr in sein Heimatland. Aber sein Wunsch, nach Hause zurückzukommen, wurde erfüllt. Wie Vladimir sagt : „Es ist so, nach 3 Jahren Dachau und Ravensbrück trifft sich die Familie wieder und wird in 3 Tagen vereinigt. Ist es nicht unglaublich ?“ Nach der Befreiung studiert sein Bruder an der Technischen Hochschule, Vladimir legt Prüfungen ab, schließt das Gymnasium ab, studiert und wird Arzt. Vladimir heiratet und gründet eine Familie. Unter dem kommunistischen Regime ist er Repressalien ausgesetzt, wird 1952 aus Prag verbannt, kann als Arzt nicht mehr tätig sein und muss in einem Bergwerk schuften.
Nach dem Fall der Mauer im 1989 gründet er die Lagergemeinschaft Dachau in Prag mit Miroslav Kubik und Zdeněk Pošusta. Er ist derer Präsident seit 1990. Ab Oktober 1990 nimmt er an dem CID-Verwaltungsrat in Paris teil und wird am 4. Mai 1991 durch die Generalversammlung einstimmig zum Mitglied des CID- Exekutivbüro gewählt. Am 12. Juni 1992 empfängt er die Sitzung des Exekutivbüro in Prag und ein Kranz wird in Lidice niedergelegt. Vladimir ist Mitglied des CID-Lesekomitees, unterhält mit Barbara Distel und den „Dachauer Heften“ eine enge Beziehung. Im Dezember 1992 ist er in der Delegation des CID mit Paul Kerstenne und Max Mannheimer an der europäischen Parlament in Straßburg mit dabei. Diese Delegation mit den Vertretern der anderen internationalen Lagerkomitees hat zur Annahme eines sehr wichtigen Dokuments im Februar 1993 geführt: die „Entschließung zum europäischen und internationalen Schutz der nationalsozialistischen Konzentrationslager als historische Mahnmale“. Im Frühjahr 1996 sitzt das Exekutivbüro wieder in Prag auf Einladung von Vladimir Feierabend zusammen, sowie auch am 23. Oktober 1999. Aus diesem Anlaß führt er die Büromitglieder nach Theresienstadt, zeigt die Festung und das Ghettomuseum. Bei dieser Gelegenheit enthüllt er seinen CID-Freunden die Geschichte seiner Familie, die in der kleinen Festung eingesperrt wurde und erzählt, wie er damals abends sah, als er von der Arbeit zurückkam, wie die SS-Leute die Juden der Ghetto in Theresienstadt folterten.

 


Vladimir Feierabend gab mehrere Interviews – z.B. für die Bayerische Rundfunk im 1999, für das Haus der Bayerischen Geschichte im April 2000, für das Förderverein für internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit in Dachau im Jahre 2004 und für die Archive der KZ-Gedenkstätte Dachau. Er erzählt dort von seiner Arbeit als Schreiber in der Politischen Abteilung, von der Solidarität und gegenseitigen Hilfe, die seine Familie gerettet hat, vom Typhus usw.
Vladimir Feierabend hat an der Herausgabe in tschechischer Sprache des Buches von seinem Landsmann und Freund Stanislav Zámečník entscheidend mitgewirkt: „To bylo Dachau“ bei dem Verlag Paseka im Jahre 2003 erschienen. Er trägt auch an der Herausgabe dieses Buches in deutscher und französischer Sprache bei, indem er als Vermittler zwischen CID und Stanislav Zámečník hinzugezogen wurde, wenn es nötig war.
Vladimir war immer bemüht, einander zuzuhören, die Einheit innerhalb des CID zu wahren. Ohne irgendeinen Geltungsdrang war seine kompetente Beratung von den Mitgliedern des Internationalen Komitees geschätzt. Vladimir Feierabend hat immer der Erhaltung des internationalen Charakters der KZ-Gedenkstätte Dachau eine große Bedeutung beigemessen, er war Zeuge der unterschiedlichen Herkunft der politischen Gegner des NS-Regimes.
Seine Frau stirbt am 5. November 2012 nach einer langen Krankheit, was ihn zutiefst betrifft. Er wird von seiner stark verbundenen Familie zärtlich umsorgt. Seine Tochter Alena oder sein Enkel Honza begleiten ihn nach München und Dachau, wenn er zu den Sitzungen des Internationalen Komitees fährt.
Vladimir hat gute Kontakte zu den Schulen in Prag, Pilsen und Roudnice unterhalten. Mit der Unterstützung des CID hat er mehrere Schülerreisen nach Dachau organisiert und begleitet. Sein präzises Gedächtnis, sein Wohlwollen und sein Humor machen aus ihm einen geschätzten und wertvollen Zeitzeugen. Für Vladimir war es wichtig, dass das CID diese Reisen und die Ausbildung der Lehrer und Geschichtsprofessoren unterstützt.

Er stirbt am Sonntag, den 13. September 2020 im Alter von 96 Jahren. Die Trauerfeier findet am Montag, dem 21. September in Prag im Beisein seiner Familie – seiner Tochter Alena und seinen Enkelkindern Honza und Katerina statt. Das CID wird durch seinen Präsidenten und Zdeněk Pošusta vertreten. Sein alter Mithäftling Miroslav Kubik nimmt auch daran teil. Abschließend zitieren wir Auszüge aus der Würdigung des Präsidenten Jean-Michel Thomas, der die tiefe
Menschlichkeit von Vladimir betont:
„Nachdem Du in den letzten Jahren tapfer gekämpft hast, hast Du uns verlassen. Du bist sanft und friedlich eingeschlafen. (…) Du hast immer an unseren Aktivitäten teilgenommen, warst ein Beispiel von Weisheit und Würde.
Die CID-Mitglieder sind berührt von Deinem Weggang und viele haben ihre Trauer zum Ausdruck gebracht, wie Deine zahlreichen Freunde an der KZ-Gedenkstätte Dachau, die Dich hoch schätzen. Ich zitiere ihre Zeugnisse: ein Gentleman, ein bemerkenswerter Mann, der Respekt und Bewunderung verdient. Du hast uns durch Deine Fähigkeit zuzuhören, Deine Zurückhaltung und Deine Diskretion beeindruckt, wobei Du immer für Harmonie und Einheit eingetreten bist. Wie in Deinem Leben als Arzt, warst Du allen gegenüber aufmerksam. Mit Wohlwollen und Gelassenheit teilst Du Deine Menschlichkeit, Deinen gesunden Menschenverstand und Deine Einfachheit. Wir alle sind Dir dankbar für das, was Du uns gebracht hast. Wir hatten die Ehre und das Glück, Dich als einen grundsätzlich guten Menschen kennen zu lernen und werden Dich nicht vergessen. Adieu Vladimir und vielen Dank.“ 

 

Text von Sylvie Graffard