János Forgács Erinnerungen

forgacs1 3PassZeitzeugengespräch mit János Forgács

am 13.12.2016 In der Gedenkstätte Dachau

 

Ich fühle mich geehrt, dass ich, als ein jüdischer, ungarischer Staatsbürger, ein Überlebender des Holocaust, auf Ersuchen der Leitung der KZ-Gedenkstätte Dachau bei diesem Gedenk-Gespräch anwesend sein darf und Ihnen berichten kann, dass im Sommer 1944, innerhalb von 56 Tagen, in 149 Zügen, 465000 Personen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft aus Ungarn verschleppt wurden, die Mehrheit von ihnen nach Auschwitz-Birkenau und in andere Vernichtungslager, und die dort am Leben gelassenen in andere Konzentrationslager.

Ich bin János Forgács, bin 1928 in der Gemeinde Gödöllő nähe Budapest geboren. Mit sechzehn habe ich in den KZ - Lagern Birkenau, Auschwitz und Dachau jeweils ungefähr vier Monate, rund ein Jahr verbracht.

forgacs2 2Meine Familie (mein Vater, meine Mutter und meine drei Brüder) sowie die meisten Verwandten lebten in Gödöllő, beziehungsweise in anderen Gemeinden auf dem Lande, eine verwandte Familie lebte in Budapest. Insgesamt waren wir 42 Personen, die – leider - alle Opfer der Verfolgung oder Deportation wurden.

Im Folgenden komme ich auf unser weiteres Schicksal zu sprechen, das für uns schon unerträglich anfing und sich in furchtbaren Tragödien fortsetzte.

Gödöllő war keine antisemitische Gemeinde, man hat es zumindest nicht gespürt. Unter meinen ganzen Kinderfreunden gab es kaum welche mit jüdischem Glauben. Aber am 19. März 1944 marschierte die deutsche Armee – als Verbündete – in Ungarn ein, so auch in Gödöllő. Infolgedessen belebten sich die Aktivitäten der Pfeilkreuzler, einer auch schon vorher existierenden ungarischen Partei mit Judenhass, die nun auf der Hauptstraße der Gemeinde laute Umzüge veranstaltete. Gegen Ende April wurde das Aufnähen des gelben, sechseckigen David-Sterns auf der Oberbekleidung verordnet, ohne ihn war es verboten auf die Straße zu gehen. Diese Kennzeichnung war sehr demütigend.

Am 10.Juni erschienen bei unserem Haus zwei Gendarmen mit einem schriftlichen Befehl, laut dessen wir uns in zwei Tagen auf dem Hof einer bestimmten Familie mit etwas Lebensmittel und Kleidung zu versammeln hatten, da wir verpflichtet seien, nach Deutschland arbeiten zu gehen. Wir verstanden dies nicht, aber wir mussten es zur Kenntnis nehmen.

forgacs3 2 500x402Dieser Befehl wurde allen jüdischen Familien in der Gemeinde ausgehändigt, nach genauen Listen.

Und in der Tat, nach zwei Tagen, erschienen morgens zwei Gendarmen. Wir mussten das Haus verlassen, der Haupteingang wurde zugesperrt, die Schlüssel hatten die beiden eingesteckt. Danach begleiteten sie uns zu dem erwähnten Sammelort. Gegen Mittag, als alle Familien der Gemeinde eingesammelt waren, brachen wir in Begleitung von Gendarmen zum Bahnhof der Gemeinde auf. Da warteten schon mehrere Hundert Leute, die aus den umliegenden Gemeinden eingesammelt worden waren, damit sie einwagoniert werden, was dann auch geschah. Der Zug fuhr los und hielt am Frachtbahnhof der Zuckerfabrik des Zielstädtchens, namens Hatvan.

Dies geschah schon am Abend, wir wurden aufgefordert, jeder, wo er kann die Nacht zu verbringen, natürlich unter freiem Himmel. In Wahrheit war dies also ein Ghetto. Und danach fing für uns die Deportation an. Wir wurden in Begleitung von Gendarmen zum Bahnhof von Hatvan getrieben, mehrere tausend Personen, alle die da zusammengesammelt waren, jedweden Alters. Da stand schon ein Zug aus ungefähr fünfzig Viehwaggons und da waren auch die offiziellen Personen, die die Deportation leiteten, Gendarmen, Polizisten, Vertreter der ungarischen Verwaltung und ein deutscher Soldat.

Durch Treppen, die an die Waggons gelehnt waren, wurden wir mit mindestens fünfzig Personen hineingepfercht, so eng, dass wir uns nicht mehr bewegen konnten. Vier, fünf Eimer Trinkwasser und ebenso viele Eimer für die Notdurft wurden hereingegeben. Schon dies widersprach dem, was uns versprochen worden war. Und nun ereignete sich der erste schockierende Vorfall: Auf einer Trage wurde ein alter Mann zum Zug gebracht, der vor einigen Wochen eine Hirnblutung erlitten hatte und lag nun völlig gelähmt da. Nach kurzer Überlegung wurde der deutsche Soldat geholt, er sollte entscheiden, was mit dem alten Mann passieren soll. Er dachte nicht lange nach, holte seine Pistole heraus und erschoss dem Kranken. Dies alles vor unseren Augen, was uns fürchterlich erschütterte. Am Ende eines jeden Waggons des Zuges saß ein bewaffneter Gendarm, der Zug fuhr los zu einem uns unbekannten Ort und Ziel.

Der erste Halt folgte gegen Mitternacht, am Bahnhof der Stadt Kaschau. Hier durften wir die Eimer mit Trinkwasser füllen und die WC-Eimer auslehren, nachdem die Türen geöffnet worden waren. Der Befehlshaber der Gendarmen forderte uns zuletzt noch auf, dass jeder, der noch Schmuck oder Wertsachen bei sich habe, ihm diese übergeben solle, weil wir es später nicht mehr benötigen würden. Danach wurde die ganze Gruppe der ungarischen Begleiter durch bewaffnete, deutsche Soldaten abgelöst, auch das Bahnpersonal, die Lokführer wurde durch Deutsche ersetzt. Dies passierte, damit das wenige Personal, das täglich vom Zielort nach Ungarn zurückkehrte, keine Nachrichten über die Geschehnisse weiterverbreiten konnte.

Der Zug fuhr weiter und am nächsten Tag, wieder bei Morgengrauen hielt er, wir haben erst später erfahren, dass dieser Ort die Rampe war, wo im Vernichtungslager Birkenau die Züge empfangen wurden. Als man die Türen der Waggons öffnete, sahen wir Häftlinge in gestreiften Kleidern stehen, die uns aufforderten, schnell aus den Waggons zu steigen. Danach fingen sie an, das Gepäck und die Koffer aus den Waggons auf einen großen Haufen zu werfen. Es waren auch einige Ungarn unter ihnen, die auf unsere Fragen erklärten, im Lager würde jeder sein Gepäck wiederbekommen. Was es mit dem Lager auf sich hatte, haben wir auch nicht verstanden, wir sahen unweit hohe, brennende Schornsteine, nach Auskunft der Gefragten, waren dort Brotfabriken in Betrieb. Später haben wir erfahren, dass dies die Schornsteine der Krematorien neben den Gaskammern waren. Und dann fing die erste „Selektion“ an.

Es verlief am Rande der 500 Meter langen und 20-30 Meter breiten Rampe in der ganzen Länge rechts und links ein Gleis. Wir wurden aufgefordert, dass sich die Männer und älteren Jungen neben dem Gleis links, sowie die Frauen, die kleineren Kinder, Mädchen und Jungen neben dem Gleis rechts aufreihten.

Die Selektion fing an. Gegenüber den Reihen stand ein deutscher Offizier, wie wir später erfuhren, war dies Dr. Mengele, Chirurg, mit einigen anderen Soldaten hinter ihm.

Zuerst mussten wir, die Männerreihe, einzeln vor ihm vorbeigehen. Er winkte mit dem Stock in der Hand, ob die Person sich zur Gruppe links oder rechts stellen soll. Mein Vater und ich kamen in die Gruppe links, wie es sich herausstellte, war dies die Gruppe, die Dr. Mengele als arbeitsfähig einstufte. In der anderen Gruppe befanden sich diejenigen, die als arbeitsunfähig beurteilt wurden.

Wie wir später erfuhren, erfolgte die Selektion der Frauen und Kinder auf die gleiche Weise, auch wenn wir dies nicht mehr selbst sehen konnten.

Außer meinem Vater waren so gut wie alle meine verschleppten Verwandten ältere Frauen oder Kinder, so kamen sie wohl sicher in der Gaskammer um, ihre Leichen wurden im Krematorium verbrannt.

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Jetzt komme ich dazu, wie das Schicksal der arbeitsfähigen Männer weiterging:

Wir wurden zu einem Gebäude, das Sauna genannt wurde, geführt. Im ersten, großen Raum des Gebäudes mussten wir uns nackt ausziehen, nur die Schuhe und die Brillen durften wir behalten. Dann kamen die Häftlinge des Sonderkommandos herein, mit Haarschneide-Geräten-in-der-Hand und schoren alle Körperhaare bei uns ab. Danach gingen wir in den nächsten Raum, mussten uns dort unter den Duschköpfen waschen, sodann wurden uns durch ein Fenster in einem der nächsten Räume jeweils eine gestreifte Leinenjacke, eine Hose und eine Mütze gegeben. Unterwäsche und Socken gab es nicht.

 

Als dies beendet war, wurde die ganze Gruppe, in der nur wir Ungarn waren, in das nahelegende Lager „E“, auch Zigeunerlager genannt, begleitet. Wir mussten uns in der ersten Baracke des Lagers aufreihen, wo uns ein Häftling auf Ungarisch aufforderte, ihm Edelsteine oder andere Wertsachen zu überreichen, falls jemand diese zum Beispiel noch in dem Absatz seiner Schuhe versteckt haben sollte, denn jeder bei dem so etwas gefunden würde, werde sofort hingerichtet.

Außerdem erklärte er noch, dass alle, die jünger als 16 Jahre sind, sich in eine gesonderte Gruppe stellen sollten, sie kämen in den sogenannten Kinder-Block und würden leichtere Arbeit bekommen. Mein Vater musste nach zwei Minuten wegmarschieren, nie mehr habe ich von ihm etwas gehört. Er ist irgendwo, vielleicht in einem anderen KZ-Lager umgekommen, die Leiden überlebte er nicht.

Ich blieb 14 jährig alleine zurück, unter mehreren Hundert unbekannten Kindern. Ähnliches ist wohl auch den jüngeren Frauen passiert, die als arbeitsfähig eingestuft worden waren. Wir haben aus den geheim weitergegebenen Lagernachrichten erfahren, was das Schicksal der Männer-, Kinder- und Frauengruppen war, die als nicht arbeitsfähig befunden worden waren. Sie wurden (Frauen- und Männergruppen nie zusammen) zu der Gaskammer- und Krematoriums-Einheit geführt, die gerade über freie Kapazitäten verfügte. (Es gab vier solche Einheiten, mit den Nummern zwei, drei, vier und fünf). Die Gaskammern waren unter die Erde gebaute Hallen, unmittelbar neben dem Krematorium. Die dort hingeführte Gruppe wurde zum Bereich vor die Gaskammer getrieben, auf Befehl mussten sie sich nackt ausziehen, unabhängig von Alter und Geschlecht. Fast im Laufschritt wurden sie in die Gaskammer getrieben, wo zur Tarnung von der Decke Duschköpfe hingen, aber Wasser floss aus denen nie.

Etliche Jahre nach dem Krieg hatte ich die Möglichkeit die Ereignisse auf originalen Filmaufnahmen zusehen:

Als die Gaskammer gedrängt voll war, wurden die luftdichten Türen zugemacht und die innere Beleuchtung des Raumes ausgeschaltet. Auf der Decke der Gaskammer gab es oberirdische kleine Schornsteine, die durch Rohrleitungen mit den Duschköpfen verbunden waren. Zu diesen rannten Soldaten mit Blechdosen in der Hand, aus denen sie das kristallförmige Giftgas „Cyklon B“ in die Schornsteine füllten. Aus den Kristallen, in den Duschköpfen entwickelte sich mit dem Sauerstoff-der-Luft-vermengt das Zyangas, das Tod durch Erstickung verursachte, so dass alle unter furchtbaren Qualen im Todeskampf starben.

Wenn alles still war, wurden die Türen der Gaskammer geöffnet, das Gas durch Ventilatoren abgepumpt. Die Leichen schleppten die Mitglieder des Sonderkommandos in den Bereich vor die Kammer, andere Kommandomitglieder schoren die Haare ab, wieder andere brachen mit Zangen die Zähne oder Prothesen aus Edelmetall aus den Mündern der Leichen. Danach wurden die Leichen in das benachbarte Krematorium geschleppt, wo sie verbrannt wurden.

Dr. Mengele führte in Birkenau nach einigen Wochen immer wieder weitere Selektionen durch, wo er die klein gewachsenen oder sehr abgemagerten Menschen auswählte und noch am selben Tag in die Gaskammer bringen ließ.

Nach ungefähr viermonatigem Aufenthalt in Birkenau, wurde ich Mitte Oktober 1944 mit einigen hundert weiteren Häftlingen in das Hauptlager Auschwitz gebracht. Wir schritten durch das Haupttor mit der Inschrift „Arbeit macht frei“, blieben stehen vor dem ersten Steingebäude, wo wir einzeln reingehen mussten und uns allen eine Häftlingsnummer in den linken Unterarm tätowiert wurde. Meine lautete B - 14514, (B- vierzehn-fünf-vierzehn) die auch heute noch zu sehen ist.

Die Arbeiten, die wir verrichten mussten, waren beinahe in allen Lagern ähnlich, Straßenbau oder Hilfsarbeiten in Fabriken.

Die Verpflegung war von minimalstem Nährwert. Wir waren immer hungrig. Wenn wir gegen Abend von der Arbeit einrückten, mussten wir Appell stehen. Dann wurde kontrolliert, ob im Block die Zahl der Häftlinge vollständig war. Einmal warteten wir bei so einem Appell auf den Soldaten, der uns durchzählen sollte. Ich war so hungrig, dass ich von der Suppe, die uns vorher in der Küche verteilt worden war, einen Löffel in den Mund nahm. Ich stand in der ersten Reihe, so dass mich der Soldat, der gerade um die Ecke des Gebäudes bog, genau in diesem Moment erblickte. Dies muss eine sehr große Sünde gewesen sein, weil er zu mir kam, mich fürchterlich beschimpfte, dann knöpfte er seine Pistolentasche auf und wollte mich erschießen. Ich wartete mit geschlossenen Augen auf den Schuss, - wir konnten ja nicht hoffen, dass unsere Leiden irgendwann enden würden. Der Soldat ließ Gnade walten, nahm den Napf aus meiner Hand und schlug ihn gegen meine linke Gesichtshälfte. Diese waren die Kleinigkeiten, die über unser Leben entschieden.

Am 18. Januar 1945 wurden die Lager Auschwitz und Birkenau evakuiert, da die sowjetischen Truppen schon relativ nah waren. Dies erfolgte folgendermaßen:

 

Aus dem Lebensmittellager erhielten wir alle ein ganzes Standardbrot und eine Fleischkonserve; aus dem Kleiderlager noch irgendeinen Mantel. Von den beiden Gefangenenlagern wurden ungefähr zwanzigtausend marschfähige Häftlinge zusammengestellt, alle, die dazu nicht in der Lage gewesen wären – weil sie sehr geschwächt oder krank waren – wurden zurückgelassen. Ungefähr zur Mittagszeit setzte sich der Marsch zu Fuß in Bewegung, wieder wussten wir nicht wohin. Der Marsch dauerte bis zum nächsten Morgen, immer wieder stoppten wir, bis wir das bereits geräumte Lager Gross-Rosen erreichten. Die Zahl der Ankommenden betrug höchstens noch achtzig Prozent der Häftlinge, die losmarschiert waren. Denn wer unterwegs umgekippt war und auf Aufforderung der begleitenden Soldaten nicht aufstehen konnte, wurde an Ort und Stelle erschossen.

In Groß-Rosen mussten wir uns auf dem Bahnhof des Städtchens in offene Güterwagons pferchen und kamen am nächsten Tag gegen Mittag in Dachau an. Die während der Fahrt verstorbenen zurücklassend gingen wir in das Lager. Nach einer desinfizierenden Dusche erhielten wir nach acht Monaten erstmals eine andere, saubere Häftlingskleidung.

Im Dachauer Lager gab es nur Holzbaracken. Wir mussten zu normaleren Arbeiten ausrücken, in Dachau gab es auch keine Mengele-artigen Selektionen, aber die natürliche Sterblichkeit unter den Häftlingen war groß. Die zahlreichen Läuse und Flöhe auf den Schlafpritschen und in den Decken haben sich selbst reproduziert und die Selektion übernommen. Die ansteckende, todbringende Epidemie hieß Fleck-Typhus. Wer von einer die Krankheit verbreitenden Laus gestochen wurde, starb innerhalb weniger Tage nach starken Durchfällen und hohem Fieber. Ich habe in einem Arbeitskommando gearbeitet, das morgens die Toten aus den Baracken auf einem Wagen zum kleinen Krematorium bringen musste, wo die Leichen verbrannt wurden, was auch heute noch zu sehen ist.

Ungefähr wieder nach vier Monaten, in der letzten Aprilwoche 1945 wurde ich mit einigen Hundert anderen Häftlingen – ich weiß nicht mit welchem Ziel – in einen Personenzug gesteckt und wir fuhren los, das Lager endgültig hinter uns lassend. Nach einigen Stunden Fahrt hielt der Zug. Der militärische Befehlshaber im Zug ging auf einem Waldweg irgendwohin und als er zurückkam, teilte er hörbar mit, dass wir umkehren, weil die Häftlinge in so großer Zahl hier nicht aufgenommen werden können. Später stellte sich heraus, dass der Ort die Schweizer Grenzwacht war. Nach einem weiteren halben-Tag hielt der Zug am Ufer eines kleineren Flusses, dieser Bereich war eine Lichtung am Ufer des unweit entspringenden Flusses „Isar“. Wir ließen uns nieder, die bewachenden Soldaten stellten am anderen, höheren Ufer des Flusses Maschinengewehre auf. Dies war für uns normal, wir waren ja Häftlinge. Plötzlich erschien ein militärischer Krankenwagen vom Roten Kreuz, eine Frau mit Armbinde des Roten Kreuzes stieg aus. Wie sich später herausstellte war sie die Ehefrau unseres Befehlshabers. Sie stellte ihren Mann zur Rede, wieso er die Häftlingsgruppe erschießen lassen wolle, wenn die amerikanische Armee sich schon in der Nähe um die Stadt Mittenwald aufhielte. Der Kommandant nahm den guten Rat an und sie entfernten sich. Nach fünf bis zehn Minuten waren alle Wachmänner verschwunden, sie warfen bis auf die Waffen alles weg. Wir blieben noch einige Stunden sitzen, aber dann wurde uns klar, dass wir mit dieser neuen Situation, dass wir uns eigentlich frei bewegen konnten, etwas anfangen sollten. Ich machte mich mit einigen von den jüngeren auf den Weg in die Richtung der Stadt, die einige Kilometer entfernt lag. Auf der Landstraße kamen uns Soldaten entgegen, die sich auf dem Rückzug befanden. Sie konnten sehen, wer wir waren, aber hatten uns nicht mal beachtet. Am späten Nachmittag erreichten wir die Stadt, wo es keine Soldaten mehr gab, nur Volkssturmleute mit weißer Armbinde, die für Ordnung sorgten. Sie begleiteten uns zur zentralen Turnhalle der Stadt, wo auch schon Essen gekocht wurde, wir wurden auch bedient. Am Abend baten sie uns jedoch, die Stadt zu verlassen und außerhalb der Stadtgrenze abzuwarten, bis die amerikanische Armee ohne Kampf in die Stadt eingerückt war.

forgacs4 500x500Wir bekamen Reserve-Verpflegung und erfüllten ihre Bitte. Wir fanden einen hügeligen Platz und verbrachten die Nacht in einer Holzhütte, wo im Sommer Tiere Schutz finden.

Am nächsten Morgen lag tiefer Schnee, wir konnten die Türe der Hütte kaum öffnen. Wir schauten zur Landstraße hinunter und sahen, dass sie voll war mit unterschiedlichen militärischen Fahrzeugen. Wir verstanden jedoch, dass in der Mitte der Fahnen vorne auf den Fahrzeugen ein weißer fünfzackiger Stern stand und kein Hakenkreuz.

Wir rutschten auf dem Bauch vom Hügel hinunter und trafen auf eine militärische Einheit der amerikanischen Armee, die aus Schwarzen bestand. Das war der Tag meiner Befreiung, der erste Mai 1945.

Ich halte diesen Tag für meinen zweiten Geburtstag.

Einige Worte noch darüber, wie meine Familie den „Holocaust“ überlebte: von den eingangs erwähnten 42 Personen kamen 14 zurück, sie blieben am Leben, davon 8, die diese unglücksschwangeren Zeiten im Budapester Ghetto überlebten.

Nach diesen relativ wenigen vorgetragenen und den viel mehr nicht erwähnten Leiden und Tragödien hoffe ich, dass die Mehrheit der Menschen mit guter Gesinnung in der Welt mit dem hoffnungsvollen Gedanken einverstanden sind:

Holocaust never again!“

Nie wieder Holocaust“