Rede des Generals Jean-Michel Thomas


Das Jahr 2015 war vom 70. Jahrestag der Befreiung der Lager und der Anwesenheit der Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel, geprägt. Sie kam, um an unserer Seite aller Opfer zu gedenken und sich vor dem Mahnmal zu verbeugen, indem sie die besondere Stellung der KZ-Gedenkstätte Dachau bekräftigte.
Max jean Michel IMG 1980Aber über diesen bewegenden Moment und die Friedensfeier hinaus war das Jahr durch das Wiederaufleben des Terrorismus und der Barbarei in mehreren Ländern geprägt.
Unschuldige Opfer wurden ermordet wie unter dem Nationalsozialismus und aus genau den gleichen Gründen. Aus religiösen Motiven, gegen die Juden oder "Ungläubige". Aus politischen Motiven, gegen Journalisten, gegen Menschen in den Straßencafés, an Urlaubsstränden, U-Bahnen und Flughäfen oder gegen die, die Musik hören - Symbole des westlichen Kulturmodells, vom Feind verbannt. All diese Unschuldigen wurden im Namen einer totalitären Ideologie ermordet, einer radikalen salafistischen Abweichung, eines neuen Nationalsozialismus.
Unsere Ältesten kannten den Horror von Dachau, weil sie sich politisch dem Hitlerregime widersetzen wollten, weil sie die Freiheit in den verschiedenen Ländern verteidigten und aus Gründen ihrer religiösen Zugehörigkeit. Wir sehen, auch wenn sie sich verändern, dass der Fanatismus und die Barbarei in der Menschheitsgeschichte mit den gleichen Verbrechen wieder zutage treten können: nach der Vernichtung in den Gaskammern von Auschwitz, dem geplanten Mord, durch Erschöpfung und Hunger in Dachau – hier sind ungesittete Massaker und Enthauptungen.
Diese finstere Aktualität muss uns nachdenken und der Wirklichkeit vor dem Denkmal, auf dem "Nie wieder" steht, ins Auge schauen lassen. Was machen wir, um dem Schwur der Ältesten, die dem braunen Horror entgangen sind, Ehre zu gebieten?
Unter dem Joch der Nazis waren Seelen stark genug, um in Deutschland und den Nachbarländern mit einem bewaffneten Widerstand zu reagieren. Viele wurden nach Dachau geschickt, einige sind noch heute an unserer Seite anwesend.
Für uns alle, die wir vom Gedenken an Dachau betroffen sind, sind in diesem neuen Krieg natürlich die angebotenen Handlungsweisen anders. Aber dieser Wille für die Freiheit Widerstand zu leisten, muss das Ziel unseres Kampfes gegen die Gleichgültigkeit und das Vergessen sein mit Wachsamkeit, den Rückgriff auf die Geschichte und Bildung als Gegenmittel.
Diese Maßnahmen sind zahlreich und vielfältig.
Konkret handelt es sich dabei zum Beispiel darum, die Wahl der Unterhaltungsindustrie anzuprangern, wenn sie ehemalige Nazilager als Spielplattform für virtuelle Kämpfe im Internet hernimmt. Eine koordinierte Reaktion der Gedenkstätte, des Internationalen Komitees und der Presse war ein Erfolg.
Im Klima der Angst und des Egoismus angesichts der Ankunft der Flüchtlinge war es auch unsere Pflicht, der Wahrheit gegenüber den falschen Informationen über die Orte und die Bedingungen ihres Empfangs, besonders in Dachau zu ihrem Recht zu verhelfen.
Die Geschichte erinnert uns daran, dass Menschen aus allen sozialen Schichten, aus allen Ländern den Juden die Hand reichten und ihnen halfen, der Verhaftung und dem Tod zu entgehen. In unserer Welt des Misstrauens gegenüber dem anderen inspiriert dieses Vorbild gerechter Menschen zahlreiche Verbände in Dachau und in Bayern, die Menschen willkommen heißen.
Der Rückgriff auf die Geschichte kann nunmehr mit den nötigen Anmerkungen, die das Buch "Mein Kampf" erklären, ausgeführt werden. Diese erlauben eine kritische Studie über die Gefahren seiner Hassrede. Das soll allen erlauben autonom zu denken, ohne den populistischen Verführern, die in ganz Europa auftauchen zu erliegen.
Aber das hauptsächliche Leitbild für die Einsicht "Nie wieder" ist natürlich die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau. Mit fast einer Million Besucher pro Jahr, darunter die Mehrheit Schüler, ist sie zugleich Bildungsstätte, ein Ort für historische Forschung, Austausch und Reflexion. Ihre Archivabteilung wurde international anerkannt und respektiert. Ihre Pädagogik kultiviert die Information, die von Qualität, Präzision und keiner Verwechslung geprägt ist. Und sie profitiert von der Unterstützung unzähliger Freiwilliger sowie von der Stütze religiöser Gemeinschaften und zahlreicher Verbände.
Das gleiche Anliegen, zum Nachdenken anzuregen und zu warnen, treibt aktuell die mutigen Initiativen mehrerer Städte an, um den dunklen Seiten ihrer Geschichte die Stirn zu bieten, mit der Sanierung der Leidensorte der Außenlager von Dachau sowie Mühldorf, Landsberg, Kaufering und Allach.
Neben all den lokalen Aktionen wird der gleichen Dynamik auf internationalem Niveau Ausdruck gegeben. Die Mission des CID bleibt. Seine Gedächtnisarbeit über die enge Kooperation mit der Gedenkstätte hinaus erstreckt sich auf verschiedene Nationen und ihre Repräsentanten, Deportierte und Familien ehemaliger Häftlinge von Dachau. Mit der Weitergabe der Aufgabe an die neuen Generationen sind diese auch Vermittler im Kampf gegen Intoleranz, Rassismus und Antisemitismus, Extremismus, Ausschluss aufgrund religiöser Zugehörigkeit, für die Gleichheit von Mann und Frau und Achtung vor dem Anderen, was mit dem Respekt gegenüber Frauen anfängt.
Hier sind so viele Handlungen, die sich berühren und kohärent sind. Sie zeigen, dass dieser Kampf für das "Nie wieder" - ein zerbrechliches und bedrohtes Ziel - sich mit Eifer angesichts einer immer wachsenden Anzahl von Personen und mit geeigneten Mitteln, die notwendigerweise folgen müssen, fortsetzt.
All diese Unternehmen, die im Sinne des Gedenkens ausgeführt wurden, sind schwer messbar, aber sie sind nicht vergeblich. Ein tröstliches Zeichen ist der Beitritt der Jungen, die mit Ergriffenheit an der Eigendynamik des Gedenkens wie heute in Dachau, im Januar in Hersbruck und gestern am 100. Jahrestag von Verdun teilnehmen.

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Neben dem Bildungsaspekt bleibt der Aspekt der Gedenkfeier.
Diese feierliche Geste wird jetzt durch die Niederlegung von mehr als hundert Kränzen vor diesem Denkmal durch Repräsentanten von Institutionen und Verbänden aus allen Ländern erfolgen.
Die Andacht als Erinnerung an alle Opfer und der 41.000 Toten von Dachau bringt heute all ihre Bedeutung zum Ausdruck. Denn sie verbindet mehr als jemals zuvor die Vergangenheit mit der Gegenwart angesichts der neuen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die als solche angeprangert werden müssen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.