General Jean-Michel Thomas, President

Rede

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Präsident des Internationalen Dachau-Komitees 

2. Mai 2021.

 

Auch in diesem Jahr begleiteten wir aus der Ferne die Behörden, die sich am 29. April, dem 76. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau, mit diesen zahlreichen Kränzen vor dem Gedenken an alle Opfer verneigten.

Unser Denkmal beruft sich auf das Beispiel derer, die im Kampf gegen den Nationalsozialismus vernichtet wurden, und ruft zur Einheit der Überlebenden bei der Verteidigung des Friedens, der Freiheit und der Achtung der menschlichen Person auf. Es ist eine nützliche Übung, über die ehrgeizigen Ziele dieser Ermahnung nachzudenken.

Erstens, um die Fortschritte anzuerkennen, die seit 1945 unter der Schirmherrschaft der UNO erzielt wurden. In Dachau, dem Mutterhaus des KZ-Systems, wurden die Häftlinge nicht als menschliche Personen anerkannt, sie waren nur Stücke. Es gibt Fortschritte bei der Anerkennung der Menschenwürde in der Welt. Dennoch gibt es immer noch gravierende Ungleichheiten bei den Menschenrechten, insbesondere zwischen Männern und Frauen.

Aber wir müssen auch gegenüber neuen Bedrohungen in der Welt wachsam bleiben.

Zuallererst müssen wir vor dem Virus des Nazismus auf der Hut sein, der, wie der Virus des COVID, nicht verschwunden ist und immer noch tötet.

Die Phantasien extremistischer Foren sehen in dieser Pandemie einen fremden Virus, aber auch den Spiegel einer westlichen, liberalen und globalisierten Welt, die in den Ruin läuft und auf deren Trümmern eine neue "gesunde" und "rassisch" gereinigte Ordnung errichtet werden muss. Einige setzen auf den Zusammenbruch der demokratischen Staaten in Europa und planen, diesen durch gezielte Angriffe zu beschleunigen. Dies ist auch das Ziel des radikalen Islamismus.

Neben dem Wiederaufleben des Antisemitismus, den wir seit langem beklagen, ist auch der Rassendiskurs nicht verschwunden, obwohl man glaubte, dass nur das Radikale im Begriff Rassismus übrig geblieben sei, um ihn zu denunzieren.

Sie taucht heute mit der "Rassifizierung" in der Untersuchung gesellschaftlicher Herrschafts verhältnisse wieder auf, mit all ihrem rassistischen Charakter. In diesem Fall wird die "Rasse" zu einem sozialen Konstrukt. So werden geschlechts -neutrale Workshops zur Reflexion und Kommunikation organisiert. Diese Legitimierung von Kategorien, d.h. von Rassen, ist ein neues und schockierendes Phänomen. Es besteht immer die Gefahr eines Abdriftens in Richtung Rassismus.

Schließlich breitet sich von jenseits des Atlantiks ein weiteres besorgniser-regendes Phänomen in den Universitäten der ganzen Welt aus, nämlich das der "Woke and Cancel Culture".

Das Ziel ist löblich, die Absichten sind gut: Soziale Ungerech-tigkeiten müssen aufgespürt und be-seitigt werden. Aber die Ideen sind schlecht, wenn sie zu einem gefährlichen ideologischen Abdriften führen. Es ist daher angebracht, diese Aus-grenzung an-zuprangern, die im Namen des Guten zur sozialen Desintegration führt.

Diese Doktrin verbietet die Toleranz von Meinungs-verschiedenheiten und lehnt den Grund-gedanken des Liberalismus ab, nämlich die Zulassung des Zusammen-lebens zweier gegensätzlicher Werte. Diese Kultur des Dissenses, die auf der Behauptung des Sektierertums basiert, hat bereits dramatische Folgen im Land der freien Rede. Mit den sozialen Netzwerken hat sie den rein akademischen Bereich verlassen, mit dem Risiko, die Meinungs-freiheit einzuschränken, angesichts einer sich abzeichnenden Meinungs-diktatur.

Drei Bedrohungen, drei Alarme.

In Verbundenheit mit den Überlebenden des Lagers Dachau, die bei uns sind, und mit den amerikanischen Befreiern, darunter Dee Eberhart, die wir gestern geehrt haben, lasst uns wachsam bleiben.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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Rede Jean-Michel Thomas Präsidenten der CID am 2. Mai 2021

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