FerdinantBergerNachDerBefreiungErzählung Ferdinand Berger (1917-2004) über das KZ Dachau

Meine Einlieferung verlief in typischer Weise: zuerst zum Fotografieren, dann ins Bad. Auch hier habe ich mich an den Rat gehalten – immer in der Mitte drinnen. So konnte ich beobachten, dass alle, die vor mir auf dem Fotografensessel saßen gleich nach dem Foto wie von der Tarantel gebissen aufgesprungen sind.

 

 

 

 

 

 

Ich habe mich dann auf den Vorderrand des Sessels gesetzt und bin sofort nach dem letzten Bild aufgestanden und habe mich umgedreht – aus der Sitzfläche ragte eine Nadel von ca. 20 cm Länge, die der SS-Mann, der hinter dem Fotoapparat gesessen ist, mit einem Fußhebel betätigt hat. Diese Nadel hat böse Verletzungen am Gesäß und am After verursacht, die insbesondere unter den Lagerbedingungen nur schlecht verheilt sind. Mir ist das nicht passiert. [….]

Trotzdem soll man sich das Leben in Dachau nicht so vorstellen, als hätte es dort gar keinerlei Freiräume gegeben. Wir haben dort auch die Regeln übertreten. So war es wichtig, kranken Häftlingen im Revier – der Häftlingskrankenstation – zusätzliches Essen zu verschaffen – mit dem Wissen, dass das zu schwersten Lagerstrafen führen konnte.

 

dem BockZu den Lagerstrafen gehörte die Prügelstrafe auf dem "Bock". Der Häftling musste sich auf ein Holzgestell legen und wurde von zwei SS-Leuten mit Ochsenziemern auf das nackte Gesäß geschlagen. Dabei platzte die Haut auf und danach hat ein SS-Sanitäter Jod darüber geschüttet. Jeder der SS-Männer hat 25 mal zugeschlagen und der Häftling musste laut mitzählen. Eine Unterbrechung des Mitzählens hat dazu geführt, dass die Prozedur von vorne begonnen wurde. Ich habe später – in Flossenbürg - auch einmal die Prügelstrafe mit fünf Schlägen ausgefasst. […]

 

 

 

Ochsenziemer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Ochsenziemer stand bis

Zu Ferdinand Bergers Lebensende

In einer Ecke seines Wohnzimmers

 

 

 

Trotz dieser Bedrohung haben wir immer wieder Wege gefunden, einander zu helfen. In der Zeit, in der ich der SS-Kammer – der Materialversorgungsstation der SS - zugeteilt war, konnte ich diese Funktion ausnützen, da ich über die Ausgabe z.B. der Schuhe entschieden habe und die SS-Leute wussten, dass die Schuhe, die sie erhalten, besser waren, wenn sie in ihre alten Schuhe eine Wurst oder ein Stück Brot hineinlegten. Auf diese Weise konnten wir zusätzliche Essensrationen organisieren. Als ich Blockschreiber am Küchenblock war, habe ich einmal sechs Stangen Wurst im Hosenbund über den Appellplatz zum Block getragen. Wäre das entdeckt worden, wäre das schwer bestraft worden. Ihr könnt euch vorstellen, mit welcher Angst ich über den Appellplatz gegangen bin. […….]

FerdinantBergerBericht

 

Zu den schlimmsten Dingen im Lager gehörte das ständige Gefühl der absoluten Rechtlosigkeit. Die Angst vor Lagerstrafen und der Verlust des Kontaktes zu Angehörigen und Freunden, aber auch die Angst vor dem Tod und der Verlust der Hoffnung, je wieder aus dem Lager hinauszukommen, das alles verblasst mit der Zeit. Das was bleibt, ist die absolute Rechtlosigkeit. Ein Beispiel kann das vielleicht verständlicher machen. Wenn ein Häftling einem SS-Mann begegnete, musste er die Mütze herunterreißen und strammstehen. Wir haben immer versucht, Begegnungen mit SS-Leuten zu vermeiden. Eines Abends bin ich nach dem Essen auf der Lagerstraße gegangen und an einer Stelle, an der ich nicht mehr verschwinden konnte, ist mir ein SS-Mann begegnet. Als ich vorschriftsmäßig Haltung annehme, winkt er mich zu sich und zieht ein Messer aus der Hosentasche. Mir schießt der Gedanke durch den Kopf: "Abstechen wird er mich auf der Lagerstraße wohl nicht – das ist noch nicht einmal in Dachau passiert." Er schneidet mir von meiner Häftlingsjacke fein säuberlich einen Knopf nach dem anderen ab, wirft sie mir vor die Füße, und sagt: "Du Mistsau, warum hast du keine Knöpfe an der Jacke? In zehn Minuten meldest du dich mit angenähten Knöpfen!" Ich renne in den Block und es gelingt mir, mich rechtzeitig mit angenähten Knöpfen zu melden. Er gibt mir noch einen Faustschlag ins Gesicht und einen Fußtritt und sagt: "dass mir das nicht mehr vorkommt." Diese Rechtlosigkeit war das Schlimmste – absolutes Unrecht zu erdulden oder zuzusehen, wie es anderen zugefügt wurde, ohne etwas dagegen machen zu können. [...]
Mitte 1944: In der Schreibstube habe ich von einem Freund erfahren, dass ich "auf Transport gehe" und gemeinsam mit drei weiteren Genossen – österreichischen Kommunisten - (Franz Freihaut, Bruno Furch, Edi Riha) ins KZ Flossenbürg verlegt werde. [....]

 

FerdinantnachDerBefreiung


Erinnerungen der 2. und 3. Generation


Aus Michaela Haibl (Hrsg): „Zeit Raum Beziehung. Menschen und Dinge im Konzentrationslager Dachau“ Essayband zur Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Dachau Nov. 2007-Januar 2008
Für Ernst Berger ([Ferdinand Berger’s Sohn, geb. 1946] stellt das Leben des Vaters als Widerstandskämpfer einen wichtigen Punkt in der gemeinsamen Beziehung dar. ... „Ein Punkt, der solche frühen Beziehungselemente darstellt, ist die Tatsache, dass er meine Erziehung so gestaltet hat, dass ich KZ-Haft überleben kann, sollte so etwas wieder entstehen .... Das waren die Grundprinzipien der Erziehung .... Ordnung, Selbstdisziplin, ständige Selbstreflexion des eigenen Verhaltens: Warum tut man etwas, wie könnte man’s auch anders machen und warum?...“
Aus dem Interview mit René Berger [Ferdinand Berger’s Enkel, geb. 1972]: „Vorweg geschickt ist es, glaube ich, für mich sehr praktisch gewesen, dass eine Generation dazwischen war. Weil mein Großvater war zu meinem sehr fordernd – auch ein gewisses patriarchalisches Verhältnis. Bei mir war das alles schon etwas gelöster [...] Für mich war mein Großvater nie, sozusagen ausschließlich, eine Person, die ich mit Blick auf Dachau gesehen hab. Er hat sich selbst aber sehr stark als ehemaliger KZ-Häftling gesehen und sein ganzes Denken war davon geprägt, dass er wusste wie grauselig Leute, Menschen sein können.“
Anlässlich der Geburt seiner ersten Tochter [Ines, geb. 2002] hat er an sie einen Brief geschrieben: „Woher wir kommen. Eins vorweg, du stammst zu einem Gutteil von Kämpfern ab, die nur selten den leichtesten Weg gewählt haben [.....] Als ich zur Welt gekommen bin, war er der perfekte Opa. [...] Ich habe meinen Großvater gern und habe eine ganz besondere Beziehung zu ihm. Dass er eher ein pessimistischer und aufbrausender Charakter ist, den die Erlebnisse im Krieg stark geprägt haben, ist klar. Aber er ist ein toller Kerl.“

 

FerdinandBerger1999

 

Textausschnitte aus:

Interview 27526 (17.02.97) Survivors oft he Shoa / Visual History Foundation

Das Schlimmste – die absolute Rechtlosigkeit. In Monika Horsky (Hrsg.) "Man muss darüber reden" Ephelant Verlag 1988

publiziert in: Ernst Berger „Träume, Kämpfe, Lebenswege“ BoD-Verlag, Norderstedt 2018

https://www.bod.de/buchshop/traeume-kaempfe-lebenswege-ernst-berger-9783746092904