Rede des Generals Jean-Michel THOMAS

Präsident des Internationalen Komitees Dachau. 30. April 2017

Die Begebenheiten die unter Hitlers Regime in Europa zu so schrecklichen Zerstörungen geführt haben, sind noch nicht Geschichte, und dies aus mehreren Gründen.

Erstens, weil Zeugen des Horrors immer noch am Leben sind. Und ich begrüße mit Hochachtung die Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau, die heute unter uns sind und danke Ihnen für Ihre Anwesenheit. Leider lichten sich die Reihen und ich denke vor allem an den schmerzlichen Verlust von Max Mannheimer, den früheren Vizepräsidenten des CID. Seine Klugheit, Liebenswürdigkeit und Klarsicht werden, hoffe ich, noch lange ausstrahlen und uns den Weg für unsere weiteren Aktionen weisen werden.

Der zweite Grund ist die Tatsache, daß für die europäischen Völker, die von den nationalsozialistischen Deportationen gezeichnet sind, das Trauma der Vergangenheit weder überwunden noch vergessen werden kann. Das Konzentrationslager Dachau war die « Schule », das « Modell » des repressiven sowie völkermörderischen Konzentrationslagersystems. Es ist unsere Pflicht nicht zu vergessen und es ist die Mission der Gedenkstätte Dachau den jungen Generationen diese geschichtlichen Ereignisse nahe zu bringen.

Ein anderer Aspekt dieser Tatsache ist, daß - 72 Jahre nach Ende des Krieges und der Befreiung des KZs, dessen wir heute gedenken - diese dunklen Jahre häufig wieder erwähnt werden, jedoch meist zu häufig – und oft total unzutreffend.

Leider wird der Nationalsozialismus heutzutage oft unüberlegt und übertrieben erwähnt, obwohl er doch an Unmenschlichkeit und Grausamkeit unvergleichbar bleibt. Über die sozialen Netzwerke ist es leicht Beschimpfungen auszutauschen. Und manche besonders Wütende, denen es an Argumenten fehlt und die eine Erwiderung befürchten, machen ihrem Zorn Luft, indem sie ihren Korrespondenten als « Nazi » bezeichnen, eine optimale Beschimpfung, die jedoch in diesem Falle unpassend ist und deren Banalisierung eine Gefahr ist.

Die Omnipräsenz der Erinnerung an den Nationalsozialismus ist immer noch die Quelle für abstoßende Amalgame, die sich gegen weite Teile unserer Nationalgemeinschaften richten, Amalgame wie Hitler sie ausgeübt hatte. Diese abstoßende Haltung kann die Einschätzungen mancher Personen hinterhältig, mit unbewußten ablehnenden Effekten beeinflussen, was die Nation, die Fahne, die Uniform, die Armee oder die Verteidigung anbetrifft.

Der Zweite Weltkrieg ist allzu oft das Prisma, durch das wir weiterhin die täglichen Geschehnisse analysieren und unsere heutige Welt beschreiben. Der Nationalsozialismus und seine Verbrechen , die auf der ganzen Welt tiefe Spuren hinterlassen haben, sind immer noch präsent und werden leider in den aktuellen Begebenheiten wieder wach gerufen.

Ich habe selbst letztes Jahr das Wiederaufflammen von Fanatismus, Terrorismus und Barbarei in mehreren Ländern erwähnt, wo viele Unschuldige im Namen einer totalitären Ideologie ermordet werden. Und habe gezeigt, daß mehrere gemeinsame Ursachen und Auswirkungen, was Motive und Methoden anbetrifft, ermöglichen Parallelen zum Nationalsozialismus zu ziehen.

Rede JM THOMAS 2017 IMG 3605Diese ausgesprochene Warnung vor dem Monument mit der Devise « nie wieder », welches von den Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau gestiftet wurde, war nicht abgegriffen und ist mehr denn je aktuell. Denn seither ist die Liste der Opfer um 1000 Tote und 1800 Verletzte länger geworden, durch die Attentate, für die ausschließlich Daesh die Verantwortung übernommen hat.

Ein unzulässiger Bezug auf Hitler geschah mit der schändlichen Attacke auf Frau Merkel, mit der Anschuldigung, daß sie « Nazi-Methoden » gebrauche.

Wie ist es möglich nicht zu reagieren bei solch unwürdigen Behauptungen gegenüber der Bundeskanzlerin, die zweimal hier gekommen ist und auf diese Weise die spezifische Bedeutung des Konzentrationslagers Dachau betont hat! Das CID hatte die Ehre ihr den Preis André Delpech zu überreichen. Bei dieser Gelegenheit erklärte Frau Merkel:

„Erinnerung und das Erinnern wachzuhalten, ehrt die Opfer und dient dazu, unser Leben heute und unsere Zukunft zu gestalten. Erinnerung ist untrennbar damit verbunden, uns stets aufs Neue entschieden gegen jegliche Form von Extremismus, Antisemitismus und Rassismus zu wenden – und uns für Menschenrechte, für Frieden, für Freiheit, für Meinungsfreiheit einzusetzen. Diese so wertvollen und doch so verletzlichen Güter, die die Grundlage eines Lebens in Würde bilden, können wir in Europa nur gemeinsam bewahren und stärken“.

Wie ist es möglich nicht zu reagieren auf die erneute Beleidigung, die uns alle betrifft. Ich zitiere: „Wenn sie (die Europäer) sich nicht so schämen müßten, würden sie Gaskammern einrichten.“ Dies wurde gesagt in Bezug auf die Entscheidung Deutschlands und der Niederlande, türkischen Politikern den Zutritt zu politischen Meetings in diesen Ländern zu verwehren. Es war die Aufgabe des CID diese schandvollen Aussagen feierlich zu verurteilen und diese Zeremonie gibt uns dazu die Gelegenheit.

Wie endlich ist es möglich nicht zu reagieren, wenn das Berliner Mahnmal für die 6 Millionen ermordeten Juden sowie Zehntausende Sinti und Roma, bei einem Politiker, als „Denkmal der Schande“ bezeichnet war.

Sofort hat das CID eine Protestschrift verfaßt im Gedenken an alle Opfer des Nationalsozialismus, und die internationalen Komitees von Auschwitz, Buchenwald, Mauthausen, Natzweiler-Struthof, Neuengamme, Ravensbrück und Sachsenhausen haben sich ihm angeschlossen. Und zusammen haben wir an alle Stiftungsdirektoren der Gedenkstätten und alle Leiterinnen und Leiter der KZ-Gedenkstätten für die geleistete Erinnerungsarbeit über dem Nazismus unsere uneingeschränkte Unterstützung und große Dankbarkeit ausgedrückt.

Als Reaktion auf diese Erklärung, die eine wahre Schande ist.