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Am 9. September 1925 in Moskau geboren, wird Boris Grigorïévitch Prjadschenko in einem Waisenhaus eingewiesen, als sein Vater Anfang der 40ger Jahre Opfer der Repression ist. Am 24. Oktober 1941 besetzen die Truppen von Nazi-Deutschland Belgorod (ganz in der Nähe der ukrainischen Grenze). 8 Monate später im Juni 1942 ist Boris von der Feldgendarmerie festgenommen, als er aus der Stadt zu flüchten versuchte. Er wird der Stadtkommandantur überstellt und von dort aus mit einem Schulkamerad Leonid Tarassjevitsch nach Deutschland in Viehwaggons zur Zwangsarbeit verschleppt. Sie müssen folgende Verpflichtung unterschreiben: „Ich weiss, dass für jeden Fluchtversuch aus Deutschland meine Verwandten in der Heimat öffentlich hingerichtet werden“. In Ulm angekommen, wird er neben einem Kieferwald im Zwangsarbeiterlager am Roten Berg inhaftiert. Im J. 1942 waren hier 2.400 Zwangsarbeiter in 24 Baracken einquartiert. Das Lager war mit Stacheldraht umzäunt und von bewaffneten Posten bewacht. Im Lager waren Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion aber auch Franzosen, Belgier, Holländer usw. Alle schuften bei verschiedenen Betrieben mit unterschiedlichen Arbeitssystemen. Boris bekommt einen Platz in einer Baracke, eine Lagernummer, eine Arbeitskleidung, wo das Zeichen „OST“ festgenäht und jederzeit sichtbar sein soll. Mit seinem Kameraden Leonid arbeitet er für die Karl Kässbohrer Fahrzeugwerke (die heute noch existiert). Der Tag beginnt um 4 Uhr morgens, nach der Zählappel muss er die 5 Kilometer bis zur Fabrik zu Fuss zurücklegen, unter der Aufsicht der Wachmannschaft und der Hunde. Die Holzpantinen machen viel Lärm und wecken die Einwohner, die an den Fenstern mit den Fäusten drohen. Manche haben Schuhe mit weicher Sohlen zugeworfen. Die Sklavenarbeit dauert zwölf Stunden. Um 8 Uhr abends werden sie wieder bis zum Lager getrieben. Übermüdet, halb verhungert fällt Boris auf die dreistöckige Pritsche ohne sich auszuziehen. Die anderen Zwangsarbeiter haben freien Ausgang aus dem Lager am Sonntag bei den seltenen Freizeiten. Aber die Russen nicht. Leonid und BorisBoris Pryadchenko2014IMG 8406kl gelingt es, sich heimlich Zivilkleidung und Baskenmütze zu besorgen und decken das OST-Zeichen mit einem Halstuch, als wären sie Franzosen und können manchmal so das Lager mit denen verlassen. An einem Sonntag im Januar 1943 lernen sie in einer Strassenbahn Reinhold Settele kennen. Im Laufe der Zeit entwickelt sich das Vertrauen mit diesem gleichaltrigen Deutsche, einem Antifaschist, der sie über die Lage an der Front und im Deutschland informiert. Nur zu wissen, dass es in Deutschland nicht nur Nazis, aber auch Deutsche gegen die Nazis gibt, die bereit sind, den Zwangsarbeitern zu helfen, gibt Boris und seinem Freund Leonid Kraft, um weiterzuleben und bekräftigt ihren Glauben an der Niederlage des Faschismus. Sie möchten flüchten, nicht mehr für den Feind arbeiten aber sie können das nicht machen da sie Angst haben, dass ihre Familie hingerichtet werden, wenn sie versuchen zu flüchten. Aber Reinhold teilt euch an einem Tag mit, dass Belgorod am 5. August 1943 durch die sowjetische Armee befreit wurde. Boris zerstört die Drehbank, an der er in der Fabrik arbeitet und flüchtet. Als er in einen nach dem Osten abfahrenden Zug einzusteigen versucht, wird er im Güterbahnhof festgenommen. Er wird nicht hingerichtet, da er folgendes aussagt: „Das ist keine Sabotage. Ich bin nur aus Angst von der Strafe für die unbeabsichtigte Zerstörung einer wertvollen Werkbank weggelaufen.“ Ins KZ-Lager Dachau als politischer Häftling überstellt (Nr. 82736), kommt er in verschiedenen Kommandos und Aussenlager, wo er gefährliche Arbeit verrichten muss (Gebäude nach den Bombenangriffen auseinandernehmen, Blindbomben entschärfen usw.) Im August 1944 ist Boris wieder nach Ulm im Lager am Roten Berg in der Fabrik Karl Kässbohrer überstellt. Er findet Leonid nicht wieder. Man sagt ihm, er wäre nach einem Fluchtversuch hingerichtet. Anfang Februar 1945, nach einem massiven Bombenangriff werden die Fabrik und Baracken des Lagers verbrannt. Zahlreiche Häftlinge werden getötet. Es gelingt ihm, wieder einmal, mit der Hilfe von Reinhold, zu flüchten. Er wird aber kurz vor Augsburg von der Bahnpolizei festgenommen und im Aussenlager Augsburg H1 inhaftiert, welches dem KZ-Lager Dachau unterstellt war. Ende Februar1945, bei einer Sprengstoffbeförderung, gerät er unter Beschuss der US Air Force und der nahenden Panzer. Die SS-Wachleute und Fahrer fliehen aus den brennenden Lastwagen. Boris versteckt sich im Walde und als die US-Armee kommt, geht er ihr entgegen und wird in ihren Reihen bis August 1945 dienen.
Als er 1945 in die Sowjetunion zurückkehrt, ist er zum Unterricht im Gymnasium zugelassen und kann die Hochschule für Textilien in Moskau absolvieren, da er nach Deutschland verschleppt war, als er noch Jugendlicher war. Hauptingenieur, Designer, Direktor einer Maschinenbaufabrik in der Region von Orel, wird er dann zwölf Jahre lang stellvertretender Minister im Ministerium für Maschinenwesen in Moskau bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1987. Bei seiner sehr gelungenen beruflichen Laufbahn, hat er zur Entwicklung des Gebietes um Orel und Russland beigetragen.
Für die Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Befreiung des Lagers ist Boris Prjadschenko durch die bayerische Regierung eingeladen. Er hat immer noch keine Nachricht von seinem Freund Reinhold. Erst1996 erhält er seine Adresse dank dem Internationalen Roten Kreuz. Seitdem haben sie sich regelmässig geschrieben und gegenseitig besucht. Reinhold informierte ihn über das Schicksal seines Freundes Leonid. Er flüchtet im Herbst1943, wird an der Grenze verhaftet und ins KZ-Lager Mauthausen verschleppt. Befreit durch die US-Armee kehrt er in Russland, wo er 1971 stirbt. Boris und Reinhold waren beide zusammen am Grab von Leonid in Twer, lagen Blumen nieder und erinnerten sich an die turbulenten Jahre ihrer Jugend und an ihre treue Freundschaft.

Boris Pryadchenko2016IMG 1942kl

( Interview 2016 bei der Gedenkfeier )

 

Im Jahre 2005 folgte Boris Iwan Kowaljew (krank, der 2007 starb) als Vertreter der russischen ehemaligen Häftlinge in Dachau innerhalb des Internationalen Dachau Komitees. Er nahm regelmässig an den Generalversammlungen in München und Brüssel und an den jährlichen Gedenkfeiern zur Befreiung des Lagers teil. Boris hatte immer seine Gattin Valentina an seiner Seite und sie unterstützten sich gegenseitig. Ich erinnere mich besonders an die Gedenkfeier im Mai 2015, wo wir müde und nass aus Hebertshausen gekommen sind. Unter dem Zelt, zu einem warmen Mittagessen, etwas bekräftigt hat Boris die schwierigen Jahre seiner Jugend, das Waisenhaus, die Jahre der Haft und der Zwangsarbeit in Deutschland und seine Heimkehr im 1945 heraufbeschwört. Ich habe bedauert, dass ich damals ihn nicht auf Band aufnehmen konnte. Unsere Tischrunde (Valia, Michel, Anne usw.) erinnert sich sicher an diese seltenen Momente, wo Boris mit Herzlichkeit und Einfachheit sich eröffnet hat und von der Hoffnung und dem Glück von Freundschaft erzählte.

 

BorisMei2005

(2005)

 

Alle Mitglieder des Internationalen Dachau Komitees sprechen seiner Gattin Valentina, der Familie und insbesondere seinem Sohn und seiner Tochter, ihr aufrichtiges Beileid. Er wird immer in unserem Herz weiterleben.


Für das CID, Sylvie Graffard.