I.KZ Dachau - Die ..Mörderschule der SS": ,,As we crossed the track and looked back into the cars the most horrible sight I have ever seen met my eyes."
Zutiefst geschockt schreibt First Lieutenant William Cowling im April 1945 diese Zeilen an seine Familie. Der amerikanische Soldat kann nicht fassen, was seine Augen sehen. Zu verstörend, zu unbegreiflich ist der Anblick, der sich ihm und seinen Kameraden bei der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau bietet.

bernd sibler629368 Jahre sind seit diesem Tag vergangen. Und noch immer macht dieser Ort uns still. Noch immer bleibt es erschreckend wie unbegreiflich: Warum waren Menschen zu solchem Haß und solcher Grausamkeit fähig? Dachau war das erste Konzentrationslager, das die Nationalsozialisten vor 80 Jahren [22. März 1933) errichtet haben. Nur wenige Wochen waren seit der so genannten ,,Machtergreifung" Hitlers vergangen. Nach Dachau kam, wer den Nationalsozialisten nicht paßte - zunächst Kommunisten und Sozialisten, dann auch Juden, Sinti, Roma, überzeugte Christen, Zeugen Jehovas, Homosexuelle. In Dachau lernten die NS-Schergen, andersdenkende Menschen als minderwertig zu betrachten und kaltblütig zu ermorden.
Dachau wurde zum Modell für alle späteren Konzentrationslager - zum Prototyp der NS-Vernichtungsmaschinerie.

In dieser ,,Mörderschule der SS" wurden mehrere zehntausend Menschen gedemütigt, gequält und ermordet. Und auch nach der Befreiung durch amerikanische Truppen war es mit dem Sterben nicht vorbei. Mehr als 2.000 der befreiten Gefangenen erlagen allein im Mai 1945 den Folgen der unmenschlichen Haft.
All diese Menschen müßten hier ihr Leben lassen, - so hat es der Mitbegründer des Internationalen Auschwitz Komitees Hermann Langbein einmal formuliert - ,,nur weil sie als Sinti, Roma oder Juden auf die Welt gekommen sind. "
,,Das ist die härteste Anklage", so Langbein, ,,das darf am wenigsten vergessen werden."
Und genau deshalb sind wir heute hier: Um nicht zu vergessen, um uns zu erinnern. Das schulden wir den Opfern. Das schulden wir unserer Zukunft.

Bernd Sibler 6319II.Dank an das Comité International de Dachau und die Zeitzeugen: Sehr geehrter Herr Pieter Dietz de Loos, Präsident des Comité International de Dachau (CID)], sehr verehrte Damen und Herren, ich bedanke mich von ganzem Herzen beim Comité International de Dachau für die Einladung. Es ist eine Ehre für mich, mit Ihnen gemeinsam der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau vor 68 Jahren zu gedenken.
Sehr verehrte Damen und Herren, Sie haben den Tag der Befreiung vor 68 Jahren selbst miterlebt. Sie haben das Grauen überlebt.
Wie schmerzvoll es für Sie sein muß, hierher zu kommen, sich zu erinnern, das können wir nicht einmal erahnen. Umso mehr bewundere ich Sie dafür, daß Sie sich dennoch Ihren qualvollen Erinnerungen aussetzen, dafür, daß Sie über Ihr Schicksal sprechen,
dafür, daß Sie auch den jungen Menschen begreifbar machen, warum sich unsere Vergangenheit nicht wiederholen darf.

Sehr geehrte Damen und Herren, als Zeitzeugen sind Sie für uns und unsere jungen Menschen einfach unersetzlich. Sie alle hinterlassen Spuren - in unserem historischen Gedächtnis und in unseren Herzen. Für Ihre menschliche Größe spreche ich Ihnen meine größte Hochachtung und meinen tief empfundenen Dank aus. III...Nie wieder!" - als Auftrag aus der Vergangenheit für die Zukunft.

Menschen wie Sie leben uns vor: Unsere Demokratie, unsere Freiheit brauchen Erinnerung. ,,Nie wieder!" - das ist der Auftrag aus unserer Vergangenheit. ,,Nie wieder!" - das ist der Auftrag für unsere Zukunft. Ich versichere Ihnen: Wir nehmen unseren Auftrag sehr ernst.

Morgen beginnt in München der NSU-Prozeß. Die brutale neonazistische Mordserie hat uns alle tief erschüttert. Voller Scham und Abscheu blicken wir auf diese Verbrechen. Daß wir in Deutschland auf diese ungeheuerlichen Vorgänge emotional reagieren, ist mehr als verständlich. Und es ist absolut notwendig. Aber bei Emotionen darf es nicht bleiben. Auf unsere berechtigten Gefühle muß die harte, unnachgiebige Auseinandersetzung folgen: Wir müssen die aktuellen Symptome des Rechtsradikalismus analysieren.
Wir müssen Ursachen erforschen und Zusammenhänge erkunden. Wir müssen unsere Erkenntnisse sammeln und Perspektiven erörtern.
Und nicht zuletzt: Wir müssen unsere jungen Menschen gegen das extreme Gedankengut Radikaler - gleichgültig ob von Rechts oder Links - noch besser wappnen.

Wir brauchen junge Menschen, die sich bekennen, die aufstehen, die laut ,,Nein" sagen - gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und gegen jede Form von Gewalt. Sich erinnern und Demokratie lernen – wie wichtig das ist, zeigt auch der jüngste Anschlag hier auf diese Gedenkstätte: Erst vor kurzem haben bislang unbekannte Täter hier drei Gedenktafeln für jüdische Opfer des Nationalsozialismus beschädigt. Unabhängig von der Motivlage verurteile ich diesen schändlichen Akt der Zerstörung auf das Schärfste.
Dieser feige Anschlag zeigt: Wir sind mit unserer Erinnerungsarbeit noch lange nicht zu Ende. Auch 68 Jahre nach Kriegsende müssen wir zusammenstehen gegen alle Feinde der Demokratie, müssen wir allen Anfangen wehren! Bei uns gibt es für Antisemitismus, Fremdenhaß und Extremismus keinen Millimeter Platz! Das soll jedes Kind verinnerlichen.

bernd sibler6311

Der kritische Umgang mit unserer Vergangenheit ist der zentrale Auftrag an Schule, Jugendarbeit und Erwachsenenbildung
- in Bayern und in ganz Deutschland. Wir müssen weiterhin die konsequente Verantwortung und das demokratische Bewußtsein unserer Jugendlichen und jungen Erwachsenen stärken. Und Erinnerungsorte wie die KZ-Gedenkstätte Dachau sind dabei die entscheidenden Zentren unserer Erinnerungs- und Lernkultur. Wir haben daher in unseren Lehrplänen fest verankert: Jede Schülerin, jeder Schüler soll in seinem Schulleben eine KZ-Gedenkstätte besucht haben. Hier erleben junge Menschen: Unsere Demokratie braucht Demokraten!

IV.Freiheit und Humanität: Ziel für die Zukunft Sehr geehrter Herr Dr. Mannheimer, Sie sind einer, der überlebt hat. Seit vielen Jahren sind Sie unermüdlich als Mahner und Erinnerer unterwegs. Im Februar dieses Jahres haben Sie Ihren 93. Geburtstag gefeiert. Nach Ihrem Herzenswunsch gefragt, haben Sie geantwortet:

„Für die Zukunft wünsche ich mir, daß die Menschen humaner sind. Freiheit und Humanität: Diese zwei Ziele sollte man, auch wenn die Welt vielleicht nicht so aussieht, immer verfolgen." Frieden und Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie bewahren, das heißt eben auch: Wir müssen diese Werte jeden Tag leben – bei dieser Gedenkstunde und überall, wo wir zu Hause sind. Auf uns alle kommt es an!

Wir alle sind verantwortlich: Menschenverachtende Ideologien. Fremdenhaß und Rechtsextremismus dürfen in Deutschland nie mehr Fuß fassen. Wir alle müssen unsere Demokratie und unsere Freiheit schützen. Halten wir also unser Herz offen und unseren Blick wachsam - für unsere Freiheit und unsere Zukunft!