Redebeitrag von Vladimir Feierabend

Am 1. Juli 1942 bin ich noch nicht 18 Jahre alt und Student in Prag. Nach dem Attentat und Tod von Heydrich im Mai 1942, die von unserer Exilregierung in London organisiert sind, und dessen Mitglied mein Onkel ist, nimmt die Gestapo alle Familienmitglieder von denen, die im Ausland gegen die Nazis kämpfen, fest. Mein Bruder, mein Vater, mein Großvater, 81 Jahre alt, meine Mutter, meine Tante und ich werden verhaftet.

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Über der kleinen Festung in Theresienstadt sind wir, Männer, im September 1942 nach Dachau, die Frauen nach Ravensbrück deportiert. Im Vergleich zu Theresienstadt ist damals Ordnung und Sauberkeit in Dachau, das unter Befehl der SS von den Häftlingen selber geleitet ist. Anfang 43 bin zu der Politischen Abteilung zugeteilt, die für die Münchner Gestapo die Akten vorbereitet, und arbeite später, nach einer Bauchtyphus-Erkrankung, bei der Aufnahme der Neuzugänge. Mein Großvater ist seit Ende 1942 im Revier und der älteste Häftling im Lager. Dank den Pflegern und der Solidarität von vielen Leuten wird er von den Invalidentransporten zum Schloß Hartheim gerettet. Ende 1944 im überfüllten Lager breitet sich eine Flecktyphus-Epidemie aus, mit vielen Toten. Im April nähert sich die Front. Die Nervosität spüren alle, und noch mehr die SS.
Die Evakuation hat zwar begonnen, aber er ist keine Zeit mehr. Am 29.4.1945 kommen endlich die US-Truppen ins Lager. Die US-Befreier nehmen schnell mit dem Internationalen Komitee der Häftlinge die Initiative über: Isolation von Typhuskranken, Verpflegung, Entlausung, Desinfektion. Wir konnten ausatmen, und waren froh, daß wir das überlebt haben. Dank der US-Armee.
Meine Mutter und Tante sind von Ravensbrück evakuiert und ein Monat lang bis zur tschechischen Grenze zu Fuß gegangen.
Wir sind von der US-Armee nach Pilsen transportiert. Wir, die ganze Familie, sind in 3 Tagen in Prag wieder zusammen. Ein Wunder, nicht wahr? Nach 3 Jahren...
Nach der Rückkehr habe ich Medizin studiert. Auch mit dem roten totalitären Regime nach 1948 hatte ich Probleme, aber das habe ich auch überlebt. Bald bin ich 91.
Seit 1990 bin ich als Vorsitzender der tschechischen Dachauer Häftlinge Büromitglied des CID.

vladimir 2013