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Rede des Vizepräsidenten des CID und Vorsitzenden der

Lagergemeinschaft Dachau,

maxmanheimer29-4-2012

 

 

 

 

 

Dr. Max Mannheimer

 

Sehr verehrte Anwesende,

im Namen des Internationalen Dachau Komitees und der Lagergemeinschaft Dachau mochte ich Sie herzlich willkommen heißen. Ich begrüße Herrn Staatsekretär Bernd Sibler als Vertreter der Bayrischen Staatsregierung, die Damen und Herren der diplomatischen Vertretungen, der Kommunen und des Landkreises, der Religionsgemeinschaften, der Parteien und Organisationen, die Kameradinnen und Kameraden, ganz besonders die Überlebenden aus den verschiedenen Ländern. Besonders begrüße ich die Überlebenden aus Osteuropa, mit ihren Angehörigen, die die Erinnerung wach halten und die so oft die Folgelasten der Haftzeit mittragen müssen.

Wie bei der Befreiung des Konzentrationslagers vor 67 Jahren haben die Überlebenden gehofft, daß die Menschen aus der Geschichte lernen werden, daß man sich in einer Demokratie gegen menschenverachtendes Unrecht zur Wehr setzt. Denn wir können nicht übersehen, daß zur selben Zeit, da wir in Freiheit leben, in anderen Teilen der Erde die Kriege und Menschenrechtsverletzungen weitergehen und viele Opfer fordern.

Bedauerlicherweise wurde in den letzten Jahren der Focus der staatlichen Behörden mehr auf linksradikale Aktivitäten gerichtet, während die Anhänger der rechtsradikalen Parteien bei Verstößen meist mit einer Verurteilung auf Bewährung davongekommen sind. Erst die Morde der NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) an ausländischen Mitbürgern haben über ganz Deutschland die Versäumnisse der letzten Jahre aufgedeckt - und damit aufgeschreckt. Es ist mir unverständlich, daß die NPD, deren Ziel es ist, einen Staat nach Hitlers Vorbild zu errichten, noch immer nicht verboten ist. Ich rufe die Bundesregierung auf, Voraussetzungen zu schaffen, damit sich die Niederlage vor dem Bundesverfassungsgericht nicht wiederholt. Beim weiteren Bestehen der NPD, die für jede Stimme einen bestimmten Betrag erhält, finanziert der Steuerzahler eine Organisation, die an der Zerstörung der Demokratie aktiv beteiligt ist.

Größte Bedenken habe ich, wenn 2015 das Copyright für ,,Mein Kampf" freigegeben wird. Viele rechtslastige Verleger erhoffen sich mit dieser Hetzschrift das große Geld zu machen. Leider ist unsere Demokratie noch nicht so gefestigt, daß die unpolitischen Leser die Lügengeschichten erkennen. Meine Hoffnung ist, daß durch engagierte Aufklärungsarbeit dem gegengesteuert wird.

Am 29. 4. 1945 wurden hier Menschen aus vielen Nationen Europas befreit. Für das heutige Europa wünschen wir uns auch eine Befreiung von rechtsextremem oder linksextremem Wahn, von Antisemitismus und Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und jeder menschenverachtenden Ideologie.

Zu den besonderen Ereignissen der Erinnerungskultur, gehörte die am 9. März 2012 stattgefundene Grundsteinlegung im NS-Dokumentationszentrum in München. Das Internationale Dachau Komitee ist im Kuratorium vertreten. Im Jahre 2014 soll dieses Dokumentationszentrum eröffnet werden.

Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, der 40-tausend Toten zu gedenken.

Der Präsident des CID Pieter Dietz de Loos wird in Anwesenheit des Staatssekretärs Sibler und des Direktors der Stiftung Bayerische Gedenkstätten Freller am Mahnmal des unbekannten Häftlings einen Kranz niederlegen.

Dann begeben wir uns unter Glockengelaut zum Appellplatz.

 

Rede des Präsidenten des Comité International de Dachau,

RA Pieter Dietz de Loos Pieter29-4-2012

29. April 2012

Liebe Freunde, Überlebende des Konzentrationslagers Dachau.

Meine Damen und Herren,

Ich habe das größte Vergnügen, Sie bei dem 67. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau willkommen zu heißen.

Ein Lager, das von der US-Armee befreit wurde, von der 7. Armee und der Rainbow Division.

Sie sind aus der ganzen Welt gekommen, um die ehemaligen Häftlinge zu ehren, die im Lager Dachau und dessen Außenlager und Kommandos gelitten und ermordert sind.

Wo sind sie?

Wo sind die Häftlinge, die aus Albanien, Belgien, Bulgarien, Dänemark, verschleppt wurden?

Wo sind die Häftlinge, die aus Deutschland, England, Estland, Finnland verschleppt wurden?

Und diejenigen aus Frankreich, die aus Compiègne in Todeszügen verschleppt wurden?

Wo sind die Häftlinge aus Griechenland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg?

Und die aus den Niederlanden, aus Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Rußland? Das russische Volk, das die Technik der verbrannten Erde angewendet hat, das mit schrecklichem Verlust vor dem Feind sich zurückzog.

Wo sind die Häftlinge aus Serbien, aus der Slowakei, aus Slowenien, Schweden, aus der Schweiz, aus der Tschechischen Republik, der Türkei?

Wo sind die Häftlinge aus der Ukraine, aus Ungarn, aus den Vereinigten Staaten, aus Weißrußland, beide armenische Häftlinge, wo ist der kanadische Häftling, der chinesische Häftling, der irakische Häftling, der iranische Häftling?

Wo sind die spanischen Flüchtlinge, die Mitglieder der Internationalen Brigaden, die Zeuge Jehovas, die Homosexuelle, die Asoziale?

Wo sind die Roma und Sinti, die im XV. Jahrhundert aus Indien nach Europa kamen? Sie wurden sehr bald verfolgt, der Augsburger Reichstag hat im 1551 den Mord und die Beraubung der Zigeuner legitimiert und während der NS-Zeit wurden sie auf der Grundlage der Rassenideologie verfolgt. Die „Nürnberger Gesetze" im 1935 verbieten ihnen an den Wahlen teilzunehmen sowie Eheschließungen und sexuelle Beziehungen mit Ariern. Ab 1938 wurden ca. 85% der Sinti in Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslagern deportiert, nur eine Minderheit hat überlebt.

Von den 130.000 Sinti, die im 1939 im Deutschen Reich lebten, blieben lediglich 50 000 in der deutschen Republik der 90ger Jahre. Man schätzt, daß zwischen 250.000 und 500.000 Sinti und Roma von der SS ermordet wurden, ihre genaue Zahl wurde bis heute immer noch nicht ermittelt

Ein heute noch nicht beachtetes Volk, ein vergessenes und diskriminiertes Volk.

Wo sind schließlich die jüdischen Verschleppten? Die Juden, ein seit Jahrhunderten verfolgtes Volk.

Sie waren 6 Millionen, Männer, Frauen, Kindern Greisen. In den NS-Lagern vergast, verbrannt. Die Shoah, diese ohne gleiche Tragödie, wird ewig ins Gedächtnis der ganzen Welt fest eingeprägt bleiben.

Sie waren unter den ersten, die in Dachau und seinen Außenkommandos inhaftiert wurden. Sie bildeten ca. 90% der Belegschaft der Lagerkomplexe in Kaufering und Mühldorf sowie in anderen Außenlagern bei Kriegsende. Männer und Frauen, zusammengepfercht, ausgehungert, ausgerottet.

Wo sind sie alle?

Wo sind diejenigen, die wegen Ihrem Engagement in den Widerstand verschleppt wurden? Und wo sind diejenigen die als „rassenminderwertig" verschleppt wurden?

Unter Einsatz ihres Lebens und des Lebens ihrer Familie haben die Widerstandskämpfer ein Risiko auf sich genommen.

Die anderen, weil so „geboren", wurden zum Schlachtbank geführt.

Dachau ist das Symbol des Widerstandes.

Auschwitz ist das Symbol der Zigeuner- und Judenvernichtung.

Dachau, das ist der rote Winkel. Die Politischen.

Unter Mißachtung der Geschichte kann man jetzt sich fragen über diejenigen, die versuchen, Verwirrung zu schaffen und eine Unwahrheit aufzuzwingen.

In diesem Lager waren sie alle politische Gefangene. Sie waren alle in ihrer Vielfalt zusammengeschlossen.

„Ausländer raus !"

Wo haben wir diese Worte gehört?

Und dennoch spüren wir manchmal in unserem demokratischen Europa eine Sucht nach Intoleranz. Manche führende Kreise verweigern das politische und wirtschaftliche Asyl zu gewähren. Ein Europa, wo die Verwaltung mit übermäßigen Vollmachten ausgestattet ist.

Eine Zeit, wo die niederländische Verwaltung versucht, die Rechtanwälte finanziell zu bestrafen, wenn sie vor dem Straßburger Menschenrechtegericht juristische Prozesse einleiten.

Eine Zeit, wo auch in Deutschland die Behörden weniger wachsam sind und der Nationalsozialismus wiederauflebt. Wo manche Neonazis durch öffentliche Gelder subventioniert sind. Eine Zeit, wo trotz dem Antrag der niederländischen Strafgerichte der Verbrecher und Waffen SS FABER noch nicht in die Niederlanden ausgeliefert wurde und heute noch den Schutz von Deutschland genießt.

Eine Zeit, wo sogar der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten Freller von Neonazis mit dem Tod gedroht wurde.

Eine Zeit der schweren wirtschaftlichen Turbulenzen, der Änderungen, der Arbeitslosigkeit.

Eine Zeit, wo der Ausländer zum Sündenbock gemacht wird.

Eine Zeit mit großen Unsicherheitsfaktoren.

Wo haben wir dies schon gesehen und gehört?

Hat die Geschichte sich geändert? Wirklich?

Ist die Welt nach Dachau besser geworden? Nach Auschwitz?

Nach der Errichtung von mehr als 1600 Konzentrationslager in Europa durch die Nationalsozialisten, nach der Verhaftung von 18 Millionen Menschen und dem Tod von mehr als 11 Millionen Gefangenen und der Ausweisung von 10 bis 12 Millionen Personen?

Sind wir noch wachsam genug? Oder sind wir eingeschlafen?

Was tun wir heute aus der Geschichte und aus den Lehren, die die ehemalige Häftlinge uns vermittelt haben? Mit dem „Nie wieder"?

Deswegen sind wir heute hier, versammelt vor dem Mahnmal von Nandor Glid. Zusammen bei unserer Vielfalt, zusammen für unseren gemeinsamen Wunsch, eine bessere Welt aufzubauen, in der jeder frei ist und in Würde leben kann.

Das war nicht der Fall von denen, unter den zehntausenden Namen des Gedenkbuchs für die Toten des Konzentrationslagers Dachau, die jetzt zitiert werden, Botschaft aus der Vergangenheit, von zerbrochenen Leben, die von einigen Schüler gelesen werden.

Kommen wir dem Schwur: „Nie wieder" nach, indem wir die Vielfalt unserer Gesellschaft, unserer Welt in Ehre halten. Die Vielfalt der Völker, die Vielfalt der Religionen, der Farben ist unsere Stärke und unsere Pflicht. Unsere Einheit bei unserer Vielfalt ist schön, wunderbar. Das ist unser Reichtum. Pflegen wir diese Vielfalt mit Achtung und Weisheit.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.