Gedenken an den Todesmarsch der Häftlinge des
Konzentrationslagers Dachau im April 1945.

Diese Fragen beschäftigen die deutsche Nachkriegsgesellschaft im Hinblick auf die nationalsozialistischen Verbrechen in unterschiedlicher Weise seit dem Jahr 1945. Am Beispiel der Stadt Dachaus läßt sich der Wandel öffentlichen Gedenkens seit der Befreiung des Konzentrationslagers in exemplarischer Weise nachvollziehen.

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Die Veränderungen im Umgang mit dem Erbe des Verbrecherstaates vor der eigenen Haustüre lassen sich in einzelne Zeitabschnitte unterteilen. Sie verliefen einerseits parallel zur gesamten Entwicklung der öffentlichen Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen in der Bundesrepublik Deutschland, anderseits waren sie durchaus durch lokale Besonderheiten geprägt. Die Errichtung der Gedenkstätte nach den Vorstellungen der internationalen Gemeinschaft der überlebenden Häftlinge durch den Freistaat Bayern im Jahr 1965 war ein Meilenstein, der damals weder in der Stadt Dachau noch darüber hinaus ein starkes Echo fand. Für die Überlebenden war es skandalös, daß nach der Befreiung 20 Jahre vergehen müßten, bis das ehemalige Häftlingslager Gedenkstätte wurde. Im Rückblick gesehen, war es jedoch die erste große KZ-Gedenkstätte in der alten Bundesrepublik, die nahezu zwei Jahrzehnte vor einer breiten öffentlichen Diskussion um Erinnerungsorte an die Jahre 1933-1945 entstand.

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Wir versammeln uns heute an diesem Mahnmal, das seinen Ursprung in einem relativ spaten Gedenkprojekt hat, das jedoch über die Jahre hinweg eine ungemein große Wirkungskraft entfaltete. 40 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager war die Facharbeit eines Gautinger Schülers Anlaß für die Initiative zur Errichtung eines Mahnmals für die Opfer des Dachauer Todesmarsches vom Frühjahr 1945. 1989 entstand dann in Gauting das erste von inzwischen 22 identischen Mahnmalen des Bildhauers Hubertus von Pilgrim entlang der Wegstrecke der Dachauer Häftlinge. Darüber hinaus schuf der Künstler ein Denkmal für die Jerusalemer Gedenkstatte Yad Vashem und er überließ der KZ-Gedenkstätte Dachau eine Skulptur als Leihgabe für die Dauerausstellung, bel der die Figuren der getriebenen Häftlinge unterschiedlich angeordnet wurden. Bedauerlicherweise ist diese Plastik, die einen eindrucksvollen Abschluß der Dauerausstellung bildete, im vergangenen Jahr verschwunden. Der angekündigte Ersatz in Form einer Kopie des ersten Gautinger Denkmals wurde bisher noch nicht installiert.

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Als der Gautinger Oberbürgermeister Dr. Ekkehard Knobloch im Jahr 1988 alle Gemeinden entlang der Wegstrecke des Dachauer Todesmarsches einlud, sich an einem künstlerischen Wettbewerb für ein Mahnmal zu beteiligen, war das Echo in vielen Fällen verhalten oder offen ablehnend. Liest man heute, 25 Jahre später, die verschiedenen, zum Teil erschreckenden Ablehnungsbegründungen einzelner Gemeinden, so wird deutlich, wie sehr das öffentliche Ansehen dieses Gedenkprojektes im Laufe der 1990er und im ersten Jahrzehnt nach dem Jahr 2000 gewachsen ist. Dank vielfältigem bürgerschaftlichem Engagement, privater Spender und öffentlicher finanzieller Unterstützung konnte das Projekt kontinuierlich fortgeführt und neue Mahnmale errichtet werden. Von größter Bedeutung für die Weiterentwicklung war die unermüdliche Unterstützung der Überlebenden der Kauferinger Außenlager in Israel, wobei ich stellvertretend Aba Naor nennen möchte, der auch das hier in Dachau, im Jahr 2001 geschaffene Denkmal mit auf den Weg gebracht und seither die jährlichen Gedenkveranstaltungen mit getragen hat.

Neben der Errichtung weiterer Mahnmale wuchs in diesen Jahren auch das Wissen über die historischen Fakten. Zeithistoriker erforschten die Geschichte der Evakuierungen der Konzentrationslager im Kontexte der Verbrechen in der Schlußphase des nationalsozialistischen Terror-Regimes. Darüber hinaus konnten Erinnerungsberichte überlebender Opfer den Nachgeborenen die schrecklichen Erfahrungen dieser Tage nahe bringen, die von Erschöpfung, Kalte, Hunger und Todesangst beherrscht waren. Hier möchte ich stellvertretend Solly Ganors Zeugnis ,,Das andere Leben" nennen, das im Jahr 1997 als Taschenbuch erschienen ist und seither unzählige Leser gefunden hat. Hier in Bayern organisieren darüber hinaus seit Jahren mehrere Initiativgruppen Gedenkmärsche an verschiedenen Wegstrecken des Marsches und setzen damit ein weiteres öffentliches Zeichen der Erinnerung. Man kann also ohne falsche Bescheidenheit sagen, daß sich aus der Idee, ein Mahnmal für die Opfer des Dachauer Todesmarsches zu schaffen, ein erfolgreiches, nachhaltiges Projekt entwickelt hat.

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Trotzdem, so furchte ich, besteht kein Anlaß zur Selbstzufriedenheit. Als die nationalsozialistische Barbarei vor 68 Jahren ihr Ende fand, hoffte die Welt, daß damit auch Ideologie und Herrschaftspraxis des Nationalsozialismus untergehen würden. Deutschland entwickelte sich nach Jahrzehnten der Verdrängung und des Verschweigens sogar zum Musterland der ,,Vergangenheitsbewältigung". Aber alle Aufklärung über Verbrechen und alle Erziehung zu Toleranz und demokratischer Gesinnung konnten nicht verhindern, daß ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft bis heute davon nicht erreicht und nicht beeinflußt wird. Wir leben 80 Jahre nach der Errichtung des Konzentrationslagers Dachau in einem Land, in den Gewalttaten mit rechtsextremistischem Hintergrund kontinuierlich ansteigen. Laut Verfassungsschutz gibt es heute 225 verschiedene rechtsextreme Organisationen in Deutschland, allein in Berlin leben 5000 bis 6000 gewaltbereite Rechtsextreme. Im November 2011 wurde die deutsche Gesellschaft durch Nachrichten über eine rechtsextremistische Terrorzelle namens NSU Nationalsozialistischer Untergrund aufgeschreckt, die zwischen den Jahren 2000 und 2006 in sieben deutschen Städten neun Migranten und eine deutsche Polizisten kaltblutig ermordetet hatte. Die öffentliche Debatte über politische Konsequenzen, die insbesondere im Hinblick auf das vorangegangene Versagen von Justiz und Polizeibehörden zu ziehen wären, sind inzwischen in Kompetenzgerangel und Schuldzuweisungen versandet. Die zunächst nahezu einmütig erhobene Forderung nach Verbot der NPD wird heute nur noch von Teilen der Politik verfolgt und unterstützt.

Aber auch ein Blick über die Grenzen unseres Landes kann nicht beruhigen. Antisemitismus, Fremdenhaß, offene Gewalt gegen Sinti und Roma sind in vielen Ländern Europas auf dem Vormarsch. Das ,,Nie Wieder" der internationalen Gemeinschaft der Überlebenden aus dem Jahr 1945 erscheint angesichts der politischen Realität des Jahres 2013 wie ein ferner Ruf aus vergangenen Zeiten.

deathmarch2Vor diesem Hintergrund ist festzustellen, daß erst wenn Erinnern und Geschichtsvermittlung an Gedenkstätten und Mahnmalen auch die Menschen erreicht, die der Geschichte indifferent gegenüber stehen oder die davon überzeugt sind, daß diese keine Bedeutung mehr hat, diese auch heute noch politisch wirksam sein können.

Der südafrikanische Menschrechtsaktivist Sydney Kentridge sagte kürzlich in München: ,,Natürlich muß es bestimmte Orte geben und an diesen Orten Memorials. Die Landschaft selbst verschlingt schließlich alle Spuren der Geschichte. Andererseits stehen die Memorials stellvertretend für unser aller Erinnerung da. Memorials sind wie Einkaufslisten. Sobald Du die Liste hast, mußt Du Dich selbst nicht mehr erinnern." 1

Um dies zu verhindern bedarf es mehr als Mahnmal und Gedenkstätte. Es bedarf der Menschen, die mit Kompetenz und Empathie weiter für die Bewahrung der Erinnerung kämpfen, auf daß sie dazu beitragen kann, daß der heutigen Barbarei Einhalt geboten wird.

Ich danke Ihnen für Ihr Kommen und Ihr Zuhören.

Barbara DISTEL Dachau Mai 4 2013.

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1 Alex Rühle, Zeugen der Anklage, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 99, 20. April 2013, S. 9.