Rede des Präsidenten des Comité International de Dachau

speechpieter2Liebe Überlebende, ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau, Liebe Freunde, Meine Damen und Herren, es ist für mich eine große Freude, Ihnen zum achtundsechzigsten Jahrestag der Befreiung ein herzliches Willkommen zu heißen. Ich habe auch die Ehre, den Vertretern der Dachau Partnerstädte ein herzliches Willkommen zu heißen. Und auch den Musikern der kreisangehörigen Gemeindegemeinschaft von Oradour-sur-Glane, die uns die Ehre erweisen, hier anwesend zu sein und die Gäste der Stadt Dachau und des CID auf Empfehlung des Bürgermeisters dieser Märtyrerstadt sind.

Wir treffen uns hier wieder, 80 Jahre nach der Eröffnung des Konzentrationslagers Dachau, wo der Widerstand gegen den Nazismus zum Schweigen gebracht und niedergeschlagen wurde und welches die Schule der Gewalt war, wo man die Methoden prüfte, um Menschen zu vernichten, das „Stammhaus" eines KZ-Systems von über 2.000 Lager und Kommandos, mit den Vernichtungslagern von Auschwitz-Birkenau, Majdanek, Sobibor... wo 6 Millionen Juden, Sinti und Roma erschossen, erstickt, vergast oder an den Folgen von pseudo-medizinischen Versuchen, von Foltern ermordet sind...

Wir treffen uns hier nach dem Blutbad von Oradour-sur-Glane am 10. Juni 1944.
Das war die totale Zerstörung dieses Dorfs der Haute-Vienne, welches ca. zwanzig Kilometer nordwestlich von Limoges gelegen ist, und ein systematisches Massaker an seiner Bevölkerung (642 Opfer), welches durch ein Detachement der 2e. Panzerdivision Das Reich der Waffen-SS verübt wurde.
Das war das größte Blutbad an der zivilen Bevölkerung, welches in Frankreich durch die deutsche Wehrmacht angerichtet wurde. Er ähnelt dem Massaker von Marzabotto in Italien oder von Distormo in Griechenland, welcher ebenfalls am 10. Juni 1944 verübt wurde, und versetzt auf dem westlichen Front Praktiken, die auf dem Ostfront üblich sind: das Massaker in Lidice in der Tschechoslowakei wurde am 10. Juni 1942 verübt, genau 2 Jahre vor dem Blutbad von Oradour.

speechpieter3Und wir gedenken hier der ersten Widerstandskämpfer, die aus Dachau das Symbol des Widerstandes machen: die ersten Widerstandskämpfer, die hier inhaftiert wurden, waren Deutsche, politische Gefangenen, die gegen das Hitlerregime Widerstand geleistet haben.

Wir müssen dies nie vergessen:

Vom 30. Januar 1933 bis 8. Mai 1945 wurden 316 bayerische Parlamentarier Opfer und Verfolgte des NS-Regimes. 67 von Ihnen wurden in Dachau verhaftet, unter den 45 bereits im 1933. Manche von Ihnen machten mehrere „Zwangsaufenthalte" in Dachau. Unter diesen 67. Parlamentariern waren 42 SPD Mitglieder, 11 KPD Mitglieder, 6 vom BVD, 1 vom SAPD, 2 Rechtanwälte (unter denen Joseph PANHOLZER), ein Journalist, ein Gewerkschafter, ein Ordensprovinzial, ein Gastwirt und ein Werkmeister.

Es gab auch Reichstagsabgeordnete der Weimarer Republik, die in Dachau oder an den Folgen ihrer Verhaftung gestorben sind: Anton BIAS (SPD), Conrad BROSSWITZ (SPD), Eugen KAISER (SPD), Franz METZ (SPD), Friedrich PUCHTA (SPD). Was Franz STENZER und Eugen HERBST (beide KPD-Mitglied) anbelangt, starben sie bereits im 1933 und 1934. Unter den zwölf österreichischen Parlamentariern, die Opfer des NS-Terrors wurden, wurden 6 in Dachau inhaftiert und 5 von denen fanden hier den Tod: Hans PRODINGER im 1938, Hans SYLWESTER im 1939, Karl KNAPP im 1944, Anton FALLE und Oskar JANICKY im 1945. Der sechste, Robert DANNENBERG, nach à Buchenwald verschleppt, verschwand im 1944 in Auschwitz. Die ersten in Dachau inhaftierten Widerstandskämpfer waren Deutsche, Parlamentarier, Kommunisten, Rechtsanwälte, Homosexuelle oder „Asoziale". Später passierten politische Widerstandskämpfer aus 38 Nationen, Staatenlose, Juden, Sinti und Roma, Geistliche das Eingangstor dieses Lagers mit der Aufschrift „Arbeit macht frei".

Diese Verschleppten aus allen Ländern, die Gegner des Nazismus aber von verschiedener Herkunft und Konfession waren, machten aus diesem Ort eine internationale Stätte. Die Aschenniederlegung des unbekannten Häftlings bei der Einweihung des Mahnmals in Dachau hat aus dieser Stätte nicht nur einen deutschen aber einen internationalen Friedhof gemacht.

spepieter4Wir ehren heute diejenigen, die das Tor dieses Stammlagers und dessen Außenlager und Kommandos passiert haben, indem wir den Schwur „Nie wieder!" leisten.

Was heißt es „Nie wieder"?

Schauen wir die Welt seit der Befreiung dieses KZ-Lagers am 29. April 1945!

Nie wieder? Laßt mich nicht lachen.

Man hat gesehen und man sieht heute noch überall auf der Welt Massaker in Afrika, in Südostasien oder, uns näher, in ex-Jugoslawien, in Syrien. Und die Welt schweigt...
Man hat gesehen, und man sieht Verfolgungen aus politischen, ethnischen religiösen Gründen, oder weil Personen einer ausgeschlossenen Gruppe oder Volk angehören.

Man sieht, wie die Sinti und Roma, ein Minderheitenvolk, in Europa und woanders rechtlos sind. Immer wieder diskriminiert, heute noch. Ja, im 2012 hat der deutsche Staat in Berlin Ihnen endlich ein Mahnmal zur Ehre derer, die während des zweiten Weltkrieges verschollen sind, gewidmet. Diese Gruppe ist immer in Europa systematisch ausgegrenzt. Das ist nicht akzeptabel. Man stellt wieder ein Wiederaufleben von antisemtischen Untaten, zum Beispiel in Ungarn: An der Loránd-Eötvös-Universität Budapest findet sich an Namensschildern von Professoren die Aufschrift: „Juden – die Universität gehört uns und nicht euch!" Wieder sieht man immer mehr Personen, die sich auf die Suche einer Arbeitsstelle machen, man sieht die Wirtschaftskrise, eine der Ursachen, die die Machteroberung durch Hitler erlaubt hat. Ist Deutschland, ist die Welt vor einem dritten Weltkrieg aus ethnischen, religiösen, politischen Gründen?

redepieter5Wollen wir in einer Welt leben, die weder die Menschenrechte noch die Religionsfreiheit, noch die Gleichheit aller, welche auch immer ihre Herkunft oder ihr Geschlecht sein mögen, anerkennt? Ja, man hat sicher Fortschritte gemacht. Es gab in Israel der Eichmann-Prozeß, der die systematisch organisierte und einkalkulierte Zerstörung und Ausrottung des jüdischen Volks und der Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten ans Licht gebracht hat. Es gab der Nürnberger-Prozeß, der der Ausgangspunkt für Gesetze und Verträge, die die Verbrechen gegen die Menschlichkeit verfolgen, und für die Einrichtung der internationalen Gerichte war. Es gab in Frankreich Jean Monnet, Vater Europas, welcher die Notwendigkeit verstanden hatte, in Deutschland und in Frankreich die Stahl- und Kohlenressourcen zusammenzuschließen, ein Finanzbündnis zu bilden und somit einen neuen Krieg zu vermeiden. Es gibt heute die Europäische Union, eine Wirtschaftsunion, die versucht, ihren Bürgern Garantien zu gewähren.

In vielen Bereichen hat der Mensch Fortschritte gemacht, doch noch nicht genug in anderen Bereichen und kann manchmal schlimmer als andere Tiere sein. Ein Tier tötet, um zu leben, um zu essen. Töten, niedermetzeln, foltern kann der Mensch aus Vergnügen. Aus Intoleranz. Intoleranz in der Religion, Intoleranz in der Hautfarbe, Intoleranz im politischen Sinne.

Jedes Jahr reden wir über die vielen Nationalitäten, die hier waren. Aber im Deutschland. Wir kennen dennoch noch nicht die Auswirkung beider Weltkriege auf das deutsche Volk. Wie betrachten die Deutschen die Geschichte? Wie wacht ein Volk nach der anfänglichen Hitlereuphorie und der NS-Barbarei auf? Nach der Niederlage vom 1945, wenn es sein zerstörtes Land und die Millionen von Toten sieht, die der Nazismus gekostet hat...

Und die Bürger der Stadt Dachau? Stadt der Schriftsteller und der Maler vor dem Krieg, die nach der Befreiung am 29. April 1945 sagten, sie haben nichts gesehen, nichts gewußt, und Befehl ist Befehl. Wollte man nicht nach der Befreiung, die Stätte zerstören, um die Geschichte auszulöschen? Sich fragen, wie es dazu kommen konnte? Wie soll es weitergehen, nachdem so viele Millionen Menschen gemordet wurden? Wie kann man sich als Deutsche mit der Vergangenheit identifizieren? Mit der Geschichte? Mit dem Angst-, Scham-, Schuld-, Verwirrungsgefühl? Mit dem Schweigen? Mit den transgenerationellen Familienauseinandersetzungen? Mit der Wut, den Krieg verloren zu haben, weil man einer verbrecherischen Minderheit gefolgt hat. Wie diese ehemalige SS-Leute, die uns heute noch erzählen, daß der Führer den Krieg gewinnen sollen hätte. Wie diese Neonazis, die die Ideen von „Mein Kampf" verherrlichen, einem verhängnisvollen Buch, mit dem sich jeder auseinandersetzen sollen hätte, um die Ideen dieses Malers seines Schlages, der Hitler hieß, abzulehnen... Angesichts des Tagesgeschehens, vor Niederländern, die einem Deutschen dazu auffordern, das während des Krieges beschlagnahmte Fahrrad zurückzugeben, wie kann man seine Identität finden? Wie kann man seinen Weg finden, wann man danach fragt und die Antwort lautet: „Immer gerade aus"? Oder wenn Bürger aus Dachau im Ausland Ihren Wagen mit Kennzeichen aus dieser Stadt mit Streifen wiederfinden ? haben die deutschen Bürger ihren Weg wieder gefunden? ... redepieter6Wir sind hier zusammen vor dem Mahnmal von Nandor Glid, welches derjenigen, die während der NS-Regimes in Dachau und dessen Außenlager und Kommandos verschollen sind, gedenkt. Und das machen wir gemeinsam mit dem deutschen Volk. Wir gedenken auch des deutschen Widerstandes, der in der Geschichte des Millionen Toten stark unterschätzt und vergessen oder sogar verneint wird. Manche fragen sich über Versöhnung und Internationalität. Was die Versöhnung anbelangt, ist die Botschaft von Simon Wiesenthal klar: lediglich die Opfer, diejenigen, die verschollen sind, die gelitten haben, haben das Recht, denjenigen zu vergeben, die sie beleidigt haben. Das Vergebungsrecht gehört uns also nicht. Aber uns mit den Deutschen versöhnen ist unsere Aufgabe. Und wir erleben die Internationalität in diesem Augenblick. Sie wird durch diesen Zusammenschluß von allen und durch diese Fahnen vertreten, die die 38 Nationen, aus denen die Häftlinge Dachau stammen. Das ist ein internationaler Friedhof, eine internationale Gedenkstätte mit diesem ganzen Reichtum, welcher unsere ethnischen, religiösen, ideologischen, politischen und sexuellen Unterschiede uns gibt.

Wir feiern die Befreiung des KZ-Lagers Dachau und dessen Außenlager und Kommandos. Wir feiern die Tatsache, daß auch Deutschland vom Nazismus befreit wurde und daß dieser Staat sich mit Nachdruck jedem Wiederaufleben des Neonazismus, jeder Menschenrechtsverletzung entgegenstellt.

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Wie ehren die politischen Widerstandskämpfer der ersten Stunde, die Parlamentarier, die Kommunisten, Deutschen die wie der Pastor Niemöller sich der NS Barbarei gestellt haben, lange bevor die Widerstandskämpfer der anderen Länder inhaftiert werden. Wir ehren und achten Deutschland und sein Volk, die seit der Befreiung sich entschuldigt haben und heute noch versuchen, sich zu entschuldigen und den Opfern, deren Nachkommen und Organisationen wie dem CID, denjenigen, die die Nationalsozialisten beleidigt haben, Abbitte leisten Wir begrüßen die deutsche Justiz, die versucht, nach ehemaligen Vernichtungslagerwächtern und ehemaligen Teilnehmern an das Blutbad von Oradour-sur-Glane zu fahnden. Wir ehren alle Überlebenden von Dachau und dessen Außenlager und Kommandos, welche auch immer ihre Herkunft, Religion oder politische Einstellung sein mögen. Sie sind alle Dachau Überlebende. Wir haben keine Angst vor einem Wiederaufleben des Nationalsozialismus in Deutschland: wir müssen wachsam bleiben aber sein Volk ist stark und bereit sofort Tendenzen, die manchmal wegen stumpfsinnigen Leuten und Organisationen, die nichts aus der Geschichte gelernt haben, sich entwickeln, „Nein, nie wieder!" zu erwidern.

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Feiern wir die Vielfältigkeit des menschlichen Wesens. Feiern wir sie mit Würde, mit der Hoffnung, daß diese Initiative als Beispiel dient, daß sie von anderen Ländern auf der Welt, von dem Menschen angenommen und gefolgt wird. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.