Otto Kohlhofer

Eine Welt, in der Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus keinen Platz haben sollen. Es schmerzt und empört uns sehr, heute feststellen zu müssen: Die Welt hat zu wenig aus unserer Geschichte gelernt."

 

Mein Vater, Otto Kohlhofer, wurde 1935 als Kopf einer Widerstandsgruppe in München Neuhausen verhaftet und mit 19 Jahren wegen Hochverrats zu 2 1/2 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach 2 1/2 Jahren Einzelhaft im Zuchthaus Amberg wurde er im Februar 1938 unmittelbar ins KZ Dachau überführt. Er war bis 1945 inhaftiert in Dachau, Flossenbürg und in den Außenlagern Kempten und Kottern. Im Januar 1945 wurde er wie viele langjährige Häftlinge, zum sog. Bewährungsbataillon 500 eingezogen und an die Front in der Gegend von Olomuc in Mähren geschickt. Diese Einheiten wurden sozusagen noch fünf vor zwölf für Aktionen eingesetzt, wo es praktisch keine Überlebenschancen gab. Meinem Vater gelang es mit viel Gluck mit Hilfe der Roten Armee zu fliehen. Geholfen haben ihm dabei seine russischen Sprachkenntnisse, die er sich im KZ erworben hat. um russisch sprechenden Häftlingen zu helfen. Er erlebte die Befreiung in Wien.

Ein anderer letzter Akt der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik waren die Evakuierungsmarsche oder Todesmärsche. Im Winter 1944/45 ließ die SS alle Konzentrationslager evakuieren, die alliierten Truppen in die Hände zu fallen drohten. Schwache oder kranke Lagerinsassen wurden zurückgelassen oder getötet, alle anderen wurden zu Fuß oder per Eisenbahn in andere Lager gebracht. Wer unterwegs zusammenbrach oder zu fliehen versuchte, wurde auf der Stelle ermordet, viele erfroren oder verhungerten. Von den über 700 000 Häftlingen, die Anfang Januar 1945 registriert waren, kamen bei den Todesmärschen mindestens 250 000 ums Leben.

Das KZ Dachau und seine Außenlager wurden im April 1945 evakuiert. Ein letzter Wahn nationalsozialistischer Politik war es, die Häftlinge in die Alpen zu treiben, um sie dort eine sog. Alpenfestung errichten zu lassen. So wurden mehr als 10.000 völlig geschwächte und halb verhungerte Menschen durch die bayerischen Dörfer getrieben, bewacht von SS Mannschaften, die, nervös vor der herannahenden Niederlage, zumeist noch brutaler auf sie einschlugen. Menschen, die nicht mehr weiter konnten wurden im Straßengraben erschossen und liegen gelassen.

Zum ersten Mal wurde dabei die Bevölkerung, die bisher das Grauen hinter den KZ Mauern nur ahnte, mit dem Unvorstellbaren konfrontiert. Die Reaktionen waren geteilt. Es gab viele, vor allem Frauen, die Mitleid hatten und den vorbeiziehenden Elendsgestalten Brot oder Wasser bringen wollten, was jedoch meist durch die SS Wachmannschaften brutal verhindert wurde (nur einige waren dabei, die wohl ahnten, daß ihre Zeit zu Ende ging und deshalb milder reagierten). Es gab aber auch andere aus der Bevölkerung, die schnell Türen und Fenster schlossen, aus Angst oder um nur ja nichts zu sehen und es gab auch nicht wenige, z.B. ortsansässige Parteimitglieder, die sich an den brutalen Handlungen beteiligten oder Flüchtende denunzierten.
Allein in Oberbayern fanden noch in den letzten Tagen vor der Befreiung durch die alliierten Truppen zahlreiche Häftlinge den Tod.

Das Gedenken an die Todesmärsche stand lange Zeit im Schatten des Gedenkens an die Konzentrationslager. Erst im Jahr 1988 begann eine Initiative aus Gauting an die Todesmärsche zu erinnern. Denkmäler, die den Zug der Häftlinge darstellen wurden zuerst in Gauting, dann in vielen oberbayerischen Orten aufgestellt. Nicht in allen Gemeinden wurde die Idee des Erinnerns begrüßt, es gab heftige Diskussionen, alte Schuldgefühle kamen hoch, in vielen Fällen wollte man einfach nichts mehr von der schrecklichen Vergangenheit wissen. Aber so nach und nach konnte der Widerstand gebrochen werden und heute gibt es zahlreiche dieser Denkmäler entlang des Weges, den die Häftlinge damals gehen mußten.

Die 22 Mahnmale entlang der Strecke der Todesmärsche wollen erinnern und mahnen. Gedenken und erinnern muß jedoch immer auf die Gegenwart und die Zukunft bezogen sein. ,,Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ist wertlos, wenn es nicht mit dem Kampf gegen die neuen Nazis einhergeht", so Charlotte Knobloch (1) in der SZ vom 27 Januar 2012.

Es ist ein Skandal, daß es bald 70 Jahre nach der bisher größten Barbarei in der Geschichte der Menschheit, nach dem Rassenwahn in dessen Folge eine unvorstellbare Massenvernichtung von Menschen in Gang kam, daß in diesem Land neue Nazis ihr Unwesen treiben, ihre Parolen verbreiten, anders Denkende bedrohen und in einem neuen Rassenwahn, Menschen anderer Nationalität, die in unserem Land leben, ermorden. Die Mörder konnten jahrelang völlig unbehelligt von jeglicher juristischen Verfolgung agieren. Warum wurde nicht der gleiche Verfolgungsdruck, wie für die RAF für die rechtsextremen Straftaten angewandt? Es zieht sich durch die ganze Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, daß Rechtsextremisten von der Verfolgung durch die deutsche Justiz eher verschont blieben.

In ihrer Gedenkrede anläßlich der 10 Morde an türkischen und griechischen Kleinunternehmern und einer Polizistin durch die braunen Terrorgruppe der NSU, spricht die Bundeskanzlerin von schädlichen Vorurteilen, die zu einem Klima der Verachtung führten. Aber seit Mitte der 80er Jahre wurden in deutschen Wahlkämpfen Vorurteile und Angst vor Überfremdung geschürt, Parolen wie ,,das Boot ist voll" verbreitet. Was wurden für Konsequenzen gezogen nach den Brandstiftungen auf Asylbewerberheime und Wohnungen türkischer Familien in Hoyerswerda, Rostock, Solingen und Mölln in den 90er Jahren? Die politische Konsequenz bestand darin, daß der alte Asylartikel § 16 Absatz 2 abgeschafft wurde. Der damalige CDU Innenminister Kanther freute sich in einem Interview über stark gesunkene Flüchtlingszahlen. Sein Kommentar: ,,Dieses Ergebnis wäre nicht erreichbar gewesen ohne die öffentliche Auseinandersetzung, die natürlich auch Hitzegrade erzeugt hat". Er sagte tatsächlich Hitzegrade.

,,Aus Worten können Taten werden", klagt die Kanzlerin nun. Es sei erinnert an die Worte eines CSU Politikers von der ,,durchrassten Gesellschaft" und an Leserbriefe, die sich über ,,das Getue um ein paar tote Türken" empörten. Man muß sich fragen, ist es nur Zufall, daß die Rechtsextremisten von Zwickau in einem solchen Klima zu Rassisten und Mördern heranwuchsen? Auch die rassistischen und menschenverachtenden Thesen des Thilo Sarrazin konnten auf diesem Boden gedeihen und sich verbreiten.

In einem anderen europäischen Land, in Norwegen, hat der Rassenwahn vor einem Jahr 77 jungen Menschen das Leben gekostet. Anders Breivik, ein fanatischer Rassist und Islamgegner, hatte Kontakte zu anderen europäischen rechtsextremistischen Organisationen, so auch zur NSU, die hinter den sog. Zwickauer Morden steht. Es wird in Norwegen diskutiert wie weit der Täter als voll zurechnungsfähig verurteilt werden kann. Er selbst bekennt sich schuldig und sagt, er habe in ,,Notwehr" gehandelt. Er sieht sich als Vollstrecker eines ,,anti-islamischen Feldzugs" und als Kämpfer gegen die ,,marxistisch-multikulturelle Diktatur". Die Frage stellt sich, wie sich sein Wahnsinn entwickelt hat, kann man ihn als individuelle Geistesstörung abtun oder muß nicht vielmehr die Frage gestellt werden, wie viel Schuld eine Gesellschaft in Norwegen, in Deutschland oder in einem anderen europäischen Land an der Entwicklung solchen Wahnsinns hat.

Europaweit wird eine Islamfeindlichkeit verbreitet. Die in europäischen Ländern lebenden Menschen muslimischen Glaubens werden diskriminiert und zu potentiellen Terroristen gemacht, obwohl es weltweit nur eine verschwindende Minderheit von Muslimen ist, die sich zu einem radikalen Islamismus bekennt. Terrorangst wird hochgeredet, um Sicherheitsgesetze zu verschärfen und eine lückenlose Überwachung jedes Einzelnen durchzusetzen.

Mit rassistischen und ausländerfeindlichen Parolen ist es Rechtsextremen immer wieder gelungen in Landes-Stadt- und Gemeindeparlamente gewählt zu werden und das nicht nur in östlichen Bundesländern, auch in westdeutschen Großstädten. So wurde z.B.in München der NPD Mann Karl Richter über eine Bürgerinitiative Ausländerstopp in den Stadtrat gewählt. Seine Stimmen erhielt er vor allem mit einer Stimmungsmache gegen den Bau einer Moschee in München Sendling.

Neben einem Verbot der NPD und dem Kampf gegen rechtsextreme Gruppierungen muß der Widerstand gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit europaweit wachsen.
Jede Nation muß sich fragen, was nicht in Ordnung ist in ihrer Gesellschaft, wenn Rechtsextreme sich ausbreiten und Wahlen gewinnen.

Ich möchte zum Abschluß aus dem Vermächtnis der Überlebenden deutscher Konzentrationslager zitieren:

Die letzten Augenzeugen wenden sich an Deutschland, an alle europäischen Staaten und die internationale Gemeinschaft, die menschliche Gabe der Erinnerung und des Gedenkens auch in der Zukunft zu bewahren und zu würdigen. Wir bitten die jungen Menschen, unseren Kampf gegen die Nazi-Ideologie und für eine gerechte, friedliche und tolerante Welt fortzuführen. eine Welt, in der Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus keinen Platz haben sollen. Es schmerzt und empört uns sehr, heute feststellen zu müssen: Die Welt hat zu wenig aus unserer Geschichte gelernt.

 

Rede von Christa WILLMITZER
an der Bronzeplastik von Hubertus von Pilgrim,
Theodor-Heuss-Str.
Dachau, Samstag, 28. April 2012 um 18 Uhr

 

 

(1) Charlotte Knobloch ist seit 1985 Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München, war 2006 - 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland.

ich bin gebeten worden als Angehörige eines ehemaligen Dachauer Häftlings zu Ihnen zu sprechen.

Mein Vater, Otto Kohlhofer, wurde 1935 als Kopf einer Widerstandsgruppe in München Neuhausen verhaftet und mit 19 Jahren wegen Hochverrats zu 2 1/2 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach 2 1/2 Jahren Einzelhaft im Zuchthaus Amberg wurde er im Februar 1938 unmittelbar ins KZ Dachau überführt. Er war bis 1945 inhaftiert in Dachau, Flossenbürg und in den Außenlagern Kempten und Kottern. Im Januar 1945 wurde er wie viele langjährige Häftlinge, zum sog. Bewährungsbataillon 500 eingezogen und an die Front in der Gegend von Olomuc in Mähren geschickt. Diese Einheiten wurden sozusagen noch fünf vor zwölf für Aktionen eingesetzt, wo es praktisch keine Überlebenschancen gab. Meinem Vater gelang es mit viel Gluck mit Hilfe der Roten Armee zu fliehen. Geholfen haben ihm dabei seine russischen Sprachkenntnisse, die er sich im KZ erworben hat. um russisch sprechenden Häftlingen zu helfen. Er erlebte die Befreiung in Wien.

 

Ein anderer letzter Akt der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik waren die Evakuierungsmarsche oder Todesmärsche. Im Winter 1944/45 ließ die SS alle Konzentrationslager evakuieren, die alliierten Truppen in die Hände zu fallen drohten. Schwache oder kranke Lagerinsassen wurden zurückgelassen oder getötet, alle anderen wurden zu Fuß oder per Eisenbahn in andere Lager gebracht. Wer unterwegs zusammenbrach oder zu fliehen versuchte, wurde auf der Stelle ermordet, viele erfroren oder verhungerten. Von den über 700 000 Häftlingen, die Anfang Januar 1945 registriert waren, kamen bei den Todesmärschen mindestens 250 000 ums Leben.

 

Das KZ Dachau und seine Außenlager wurden im April 1945 evakuiert. Ein letzter Wahn nationalsozialistischer Politik war es, die Häftlinge in die Alpen zu treiben, um sie dort eine sog. Alpenfestung errichten zu lassen. So wurden mehr als 10.000 völlig geschwächte und halb verhungerte Menschen durch die bayerischen Dörfer getrieben, bewacht von SS Mannschaften, die, nervös vor der herannahenden Niederlage, zumeist noch brutaler auf sie einschlugen. Menschen, die nicht mehr weiter konnten wurden im Straßengraben erschossen und liegen gelassen.

 

Zum ersten Mal wurde dabei die Bevölkerung, die bisher das Grauen hinter den KZ Mauern nur ahnte, mit dem Unvorstellbaren konfrontiert. Die Reaktionen waren geteilt. Es gab viele, vor allem Frauen, die Mitleid hatten und den vorbeiziehenden Elendsgestalten Brot oder Wasser bringen wollten, was jedoch meist durch die SS Wachmannschaften brutal verhindert wurde (nur einige waren dabei, die wohl ahnten, daß ihre Zeit zu Ende ging und deshalb milder reagierten). Es gab aber auch andere aus der Bevölkerung, die schnell Türen und Fenster schlossen, aus Angst oder um nur ja nichts zu sehen und es gab auch nicht wenige, z.B. ortsansässige Parteimitglieder, die sich an den brutalen Handlungen beteiligten oder Flüchtende denunzierten.

Allein in Oberbayern fanden noch in den letzten Tagen vor der Befreiung durch die alliierten Truppen zahlreiche Häftlinge den Tod.

 

Das Gedenken an die Todesmärsche stand lange Zeit im Schatten des Gedenkens an die Konzentrationslager. Erst im Jahr 1988 begann eine Initiative aus Gauting an die Todesmärsche zu erinnern. Denkmäler, die den Zug der Häftlinge darstellen wurden zuerst in Gauting, dann in vielen oberbayerischen Orten aufgestellt. Nicht in allen Gemeinden wurde die Idee des Erinnerns begrüßt, es gab heftige Diskussionen, alte Schuldgefühle kamen hoch, in vielen Fällen wollte man einfach nichts mehr von der schrecklichen Vergangenheit wissen. Aber so nach und nach konnte der Widerstand gebrochen werden und heute gibt es zahlreiche dieser Denkmäler entlang des Weges, den die Häftlinge damals gehen mußten.

 

Die 22 Mahnmale entlang der Strecke der Todesmärsche wollen erinnern und mahnen. Gedenken und erinnern muß jedoch immer auf die Gegenwart und die Zukunft bezogen sein. ,,Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ist wertlos, wenn es nicht mit dem Kampf gegen die neuen Nazis einhergeht, so Charlotte Knobloch (1) in der SZ vom 27 Januar 2012.

 

Es ist ein Skandal, daß es bald 70 Jahre nach der bisher größten Barbarei in der Geschichte der Menschheit, nach dem Rassenwahn in dessen Folge eine unvorstellbare Massenvernichtung von Menschen in Gang kam, daß in diesem Land neue Nazis ihr Unwesen treiben, ihre Parolen verbreiten, anders Denkende bedrohen und in einem neuen Rassenwahn, Menschen anderer Nationalität, die in unserem Land leben, ermorden. Die Mörder konnten jahrelang völlig unbehelligt von jeglicher juristischen Verfolgung agieren. Warum wurde nicht der gleiche Verfolgungsdruck, wie für die RAF für die rechtsextremen Straftaten angewandt? Es zieht sich durch die ganze Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, daß Rechtsextremisten von der Verfolgung durch die deutsche Justiz eher verschont blieben.

 

In ihrer Gedenkrede anläßlich der 10 Morde an türkischen und griechischen Kleinunternehmern und einer Polizistin durch die braunen Terrorgruppe der NSU, spricht die Bundeskanzlerin von schädlichen Vorurteilen, die zu einem Klima der Verachtung führten. Aber seit Mitte der 80er Jahre wurden in deutschen Wahlkämpfen Vorurteile und Angst vor Überfremdung geschürt, Parolen wie ,,das Boot ist voll" verbreitet. Was wurden für Konsequenzen gezogen nach den Brandstiftungen auf Asylbewerberheime und Wohnungen türkischer Familien in Hoyerswerda, Rostock, Solingen und Mölln in den 90er Jahren? Die politische Konsequenz bestand darin, daß der alte Asylartikel § 16 Absatz 2 abgeschafft wurde. Der damalige CDU Innenminister Kanther freute sich in einem Interview über stark gesunkene Flüchtlingszahlen. Sein Kommentar: ,,Dieses Ergebnis wäre nicht erreichbar gewesen ohne die öffentliche Auseinandersetzung, die natürlich auch Hitzegrade erzeugt hat". Er sagte tatsächlich Hitzegrade.

 

,,Aus Worten können Taten werden", klagt die Kanzlerin nun. Es sei erinnert an die Worte eines CSU Politikers von der ,,durchrassten Gesellschaft" und an Leserbriefe, die sich über ,,das Getue um ein paar tote Türken" empörten. Man muß sich fragen, ist es nur Zufall, daß die Rechtsextremisten von Zwickau in einem solchen Klima zu Rassisten und Mördern heranwuchsen? Auch die rassistischen und menschenverachtenden Thesen des Thilo Sarrazin konnten auf diesem Boden gedeihen und sich verbreiten.

 

In einem anderen europäischen Land, in Norwegen, hat der Rassenwahn vor einem Jahr 77 jungen Menschen das Leben gekostet. Anders Breivik, ein fanatischer Rassist und Islamgegner, hatte Kontakte zu anderen europäischen rechtsextremistischen Organisationen, so auch zur NSU, die hinter den sog. Zwickauer Morden steht. Es wird in Norwegen diskutiert wie weit der Täter als voll zurechnungsfähig verurteilt werden kann. Er selbst bekennt sich schuldig und sagt, er habe in ,,Notwehr" gehandelt. Er sieht sich als Vollstrecker eines ,,anti-islamischen Feldzugs" und als Kämpfer gegen die ,,marxistisch-multikulturelle Diktatur". Die Frage stellt sich, wie sich sein Wahnsinn entwickelt hat, kann man ihn als individuelle Geistesstörung abtun oder muß nicht vielmehr die Frage gestellt werden, wie viel Schuld eine Gesellschaft in Norwegen, in Deutschland oder in einem anderen europäischen Land an der Entwicklung solchen Wahnsinns hat.

 

Europaweit wird eine Islamfeindlichkeit verbreitet. Die in europäischen Ländern lebenden Menschen muslimischen Glaubens werden diskriminiert und zu potentiellen Terroristen gemacht, obwohl es weltweit nur eine verschwindende Minderheit von Muslimen ist, die sich zu einem radikalen Islamismus bekennt. Terrorangst wird hochgeredet, um Sicherheitsgesetze zu verschärfen und eine lückenlose Überwachung jedes Einzelnen durchzusetzen.

 

Mit rassistischen und ausländerfeindlichen Parolen ist es Rechtsextremen immer wieder gelungen in Landes-Stadt- und Gemeindeparlamente gewählt zu werden und das nicht nur in östlichen Bundesländern, auch in westdeutschen Großstädten. So wurde z.B.in München der NPD Mann Karl Richter über eine Bürgerinitiative Ausländerstopp in den Stadtrat gewählt. Seine Stimmen erhielt er vor allem mit einer Stimmungsmache gegen den Bau einer Moschee in München Sendling.

 

Neben einem Verbot der NPD und dem Kampf gegen rechtsextreme Gruppierungen muß der Widerstand gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit europaweit wachsen.

Jede Nation muß sich fragen, was nicht in Ordnung ist in ihrer Gesellschaft, wenn Rechtsextreme sich ausbreiten und Wahlen gewinnen.

 

 

Ich möchte zum Abschluß aus dem Vermächtnis der Überlebenden deutscher Konzentrationslager zitieren:

 

Die letzten Augenzeugen wenden sich an Deutschland, an alle europäischen Staaten und die internationale Gemeinschaft, die menschliche Gabe der Erinnerung und des Gedenkens auch in der Zukunft zu bewahren und zu würdigen. Wir bitten die jungen Menschen, unseren Kampf gegen die Nazi-Ideologie und für eine gerechte, friedliche und tolerante Welt fortzuführen. eine Welt, in der Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus keinen Platz haben sollen. Es schmerzt und empört uns sehr, heute feststellen zu müssen: Die Welt hat zu wenig aus unserer Geschichte gelernt.

 

 

 

(1) Charlotte Knobloch ist seit 1985 Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München, war 2006 - 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland.