Rede des CID auf dem ehemaligen Appellplatz

jean samuelRedebeitrag von Jean SAMUEL

 

 

 

 

 

70. Jahrestag der Befreiung
3. Mai 2015

 

Der 29. April 1945 war der schönste Tag meines Lebens. Als die amerikanischen Soldaten das Lager in Besitz nahmen, wurde mir erst klar, daß ich die Freiheit wiedererlangen werde, daß der Alptraum vorbei war. Ein Gefühl von Freude, von Glück überwältigte mich.
Eine unübersehbare Menschenmenge aller Nationalitäten versammelte sich auf dem Appellplatz und bejubelte denen zu. Und wie durch Zauberhand flatterten die Fahnen aller Länder im Winde.

 

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  29 April 1945  

 

Die GI trauten ihre Augen nicht, als sie die Haufen Leichname und die skelettartigen Überlebenden sahen: Grauen und Erschütterung. Nach warmen Duschen, und der Vernichtung meiner Läuse durch den D.D.T. fühlte ich mich wieder als Lebewesen.
Durch französische Soldaten habe ich das Glück, Nachrichten aus Frankreich zu erhalten.
Am 10. Mai 1945 war ich in Paris zurück und fand meine Familie wieder.
Ich war 21 und habe beschlossen, Dachau zu vergessen. Ich wollte leben. Der Krieg hat mir meine Jugend gestohlen.
Ich heiratete 1947, habe 2 Kinder, und seitdem ist das Glück vollkommen.
Nach meiner Rückkehr habe ich nicht gesprochen. Die Leute begriffen die Deportation nicht.
Dachau war irgendwo in meinem Hinterkopf vergraben, ich fand es jedoch in mein Gedächtnis jeden 2. Juli wieder, um des Todeszuges von Compiègne nach Dachau und seiner Hunderte Opfer zu gedenken.
Im Ruhestand habe ich mich der französischen Lagergemeinschaft und dem Internationalen Dachau Komitee angenähert.
Das Leiden ist vergessen und ich rede gelassen über das Geschehene als Zeitzeuge des Unbeschreiblichen. Die Pflicht der Erinnerung erschien uns deutlich. Es ist uns gelungen: sie sind alle hier Anwesenden der sichtbare Beweis dafür.
Heute spreche ich als Überlebender zum ersten Mal auf dem Appellplatz und möchte meine Widerstands- und Deportationskameraden in diese Ehre einbeziehen, mit denen ich durch privilegierte Beziehungen verbunden bin.
Danke an alle. Ich erneuere jedoch meine tiefe Anerkennung gegenüber dem amerikanischen Volk.